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Kritik

Die Architektur ließ Kuppeln wie Luftballons steigen

Hamburg

In der ansonsten hervorragenden Reihe russischer Literatur bei Matthes und Seitz, mit unter anderem der phänomenalen Warlam Schalamow Edition, ist unlängst ein schwächerer Erzählband erschienen: Philo Sophia von Iliazd, übersetzt von Regine Kühn und Daniel Fastner. Schwach unter erzählerischen Gesichtspunkten, denn Iliazd ist kein Erzähler, er will es offensichtlich nicht sein. Auch für eine parodistische, mokierende und karikierende Anti-Erzählung taugt die Philo Sophia nicht, denn das Buch ist ganz einfach schlampig verfertigt. Der als russisch-georgischer Dada-Künstler zu Zeiten von Avantgarde und Konstruktivismus gestartete, und in späteren Tagen weitgerühmte Typograph und Buchgestalter, Iliazd war trotz vieler Dramen, weiterer Prosa- und Gedichtbände nicht in der Lage, eine literarische Konzepthaltigkeit aufzubauen und durchzuziehen. Ganz im Gegensatz zu seinen genannten Kernkompetenzen im außerliterarischen Bereich. Die Philo Sophia ist ein schwer bis unlesbares Kuriosum.

Es geht um das keineswegs uninteressante Konstantinopel im Jahre 1921, voller versprengter Weiß- und Rotgardisten der Russischen Revolution, britisch-französischer Protektorateure (Quasi-Besatzer) und allen denkbaren diplomatischen Verstrickungsclustern der kurzen 70 Jahre von Krimkrieg, Weltkrieg zum Untergang des Osmanischen Reiches. Eine stückwerkhafte Atmosphäre, die Iliazd richtigerweise stückwerkhaft wiederzugeben versucht, mit sich selbst als gespaltenem Erzähler, als versprengtem Russen, eigentlich Georgier – also jenseits des Kaukasus und damit vielmehr selbst fast ein Ex-Osmane wenn man so will – im Rausch von Flucht, Minaretten, Architekturbegeisterung und Verschwörungstheorien. Inmitten der Geschichte und Geschichtchen verliert er sich genauso in der Macht der Detailflut beim Erzählen wie der Leser bei der Rezeption. Es gibt keinen Fluss, keine Struktur, keine Haltung (außer Beliebigkeit; Figuren wechseln bis zu achtmal den Namen innerhalb der Erzählung) – so bleibt außer einer interessanten Reihung Mikrogeschichten, Reisebeschreibungen, Abenteuersatiren und Witzen nebst wertender Polemik und theologischen Essayeinschüben keinerlei Faden. Den klarerweise die Meisterwerke orgiastischer Detailversessenheit der Zeit, von Bulgakow bis Joyce, jedoch notwendigerweise stets haben mussten und ihm ihre freien Rasereien unterordnen konnten. Also, bei Iliazd fehlen ganze Kapitel, sie sind verschollen (dafür kann er nichts), es ist bloß so, dass wenn das Fehlen nicht per Fußnote vermerkt wäre, man es gar nicht merken würde. Denn Iliazd springt permanent, scheint das Manuskript nie redigiert zu haben (ganze Textpassagen erscheinen doppelt, relativ kurz hinter einander). Es wirkt eilig geschrieben und dem eigenen Sujet auf den Leim gegangen zu sein. Schade. Iliazd ist als Romancier praktisch und möglicherweise zu Recht im deutschsprachigen Raum unbekannt. Das kurze Nachwort beschreibt den Roman als "vielleicht ungewöhnlichsten" russischen Roman überhaupt. Ja das mag sein, die Ideen der Identitätswanderung (angesprochene Figuren haben bis zu acht Identitäten, ein Namensregister am Ende klärt auf) sind aber im Prinzip kaum durchführbar, wenn jene Auflösung erst im Nachwort kommt, wenn man möglicherweise den Braten nicht riecht und das Werk hunderte Seiten zuvor schon aus der Hand gelegt hat. Eine Liebeserklärung an das polyvalente Konstantinopel ist Philo Sophia vielleicht, die stammelnde Begeisterungsbeichte eines Getürmten und passengers, dessen Unruhe sich im Setzen der Worte/ Erzählen niederschlägt. Doch ehrlicherweise ist der historisch-wissenschaftliche Aspekt in Verbindung mit Iliazds Biographie damit der eigentlich interessanteste Aspekt des schön gestalteten Buchs, und so wäre ein Vorwort zum Geleit sicher der geeignetere Präsentationskontext gewesen, statt "eine rasante Verschwörungsgeschichte" konventionell auf dem Cover anzukündigen. Soll nicht heißen, dass einzelne Abschnitte nicht gelungen wären, im Gegenteil, doch es zeigt sich einmal mehr, dass das Ganze stets mehr ist als die Summe seiner Teile – doch hier eben nicht, Emergenz stellt sich nicht ein.

"Iliazd springt auf, wirft den Tisch um, Flaschen und Gläser fliegen zu Boden, er schleudert den Stuhl fort und brüllt laut: "Verdammt!"
Eine Schlacht begann. Als hätten die Festgäste nur darauf gewartet, dass endlich jemand damit anfängt. Die so schnell von Frühlingsgefühlen geeinte Menge zerbrach in feindliche Lager. Die Jungs und jungen Burschen kletterten auf Bäume und Karren und feuerten die Prügelnden an. Wenn jemand einen Hieb bekam, dass das Blut aus der zerschmetterten Nase spritzte, wurde gejubelt. Tische und Buden wurden umgekippt. Bald gab es immer weniger Zuschauer, die im Kreis herumstanden, meinten nach ein paar Minuten, es sei nun an der Zeit sich einzumischen, krempelten gelassen die Ärmel hoch und gingen an die Arbeit. Die Kinder, die nicht wussten, wo sie sich nützlich machen konnten, setzten sich auf irgendein Bein, umklammerten es mit den Händen und mühten sich, die Hosen kaputtzubeißen. Andere nahmen eine Handvoll Sand, rannten hinzu und warfen ihn den Schlägern in die Augen. Die Frauen prügelten sich auch, rissen sich gegenseitig die Kopftücher herunter, zausten die Haare, übertrafen die Männer in ihrer Wucht, bissen, spuckten, hoben die Röcke und zeigten den blamierten Gegnerinnen ihr Geschlecht, sie stachelten die müden Männer an, schrien, pfiffen, johlten, fielen über sie her, wenn sie zu Boden gegangen waren, setzten ihnen zu, stießen sie wieder in den Kampf, nur die vom Tumult erschreckten Pferde verließen den Festplatz, schleiften die umgekippten und zerbrochenen Karren die Wege entlang."

Iliazd
Philosophia
Übersetzung: Regine Kühn, Daniel Fastner
Matthes & Seitz
2017 · 384 Seiten · 30,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-475-6

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