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Hamburg

Ein zentrales Thema des neuesten Gedichtbandes Die Nacht ist dunkel, damit die Sterne sich zeigen von Ilse Kilic scheint mir das Vergehen von Zeit zu sein. Die Frage: Wo bin ich? - wird vor allem zeitlich und gar nicht so sehr räumlich verstanden:

wo ich bin

immer war früher

früher als jetzt

immer ist heute

gestern noch

morgen gewesen

Das scheinbar Offensichtliche wird bei Ilse Kilic oft zum Trampolin für vergnügtfröhliche Gedankenexperimente. Eben noch am Boden der Realität, katapultiert sie sich im nächsten Moment schon wieder jauchzend hoch hinauf in die Lüfte und vollführt dabei einen kleinen Salto, der bewirkt, dass wir die altbekannte Welt plötzlich nicht nur von oben, sondern vor allem auch verkehrt herum betrachten:

wo ich bin (reprise)

wäre morgen gestern

so fragte ich

wie wars?

Zentral im wortwörtlichen Sinne, also in der Mitte des Buches zu finden, ist ein ganz persönliches „Alphabeth von A bis Zett“ von Ilse Kilic. Jedem Buchstaben ist je eine Seite mit Handschrift, Zeichnung, Collage mit Fotos, Ausschnitte aus alten Handarbeits-Lehrbüchern, Zeitungen, etc. in Ilses frech-fröhlicher Art und Weise gewidmet. Davor werden wir ersucht, langsam zu blättern, und es lohnt sich wirklich, sich in die einzelnen Text-Bild-Collagen zu vertiefen. Ilse Kilic und Fritz Widhalm zeichnen ja seit langem gemeinsam Comics und auch das Alphabet lässt sich als zusammenhängender Comic voller Sprach- und Bildwitz lesen.

Ilse Kilic, in: Die Nacht ist dunkel, damit die Sterne sich zeigen

Der Titel des Gedichtbandes Die Nacht ist dunkel, damit die Sterne sich zeigen, drückt einen unerschütterlichen Optimismus aus, trotz allem und allem zum Trotz, manchmal eher zähneknirschend, wie in „AFCOG – Another Fucking Chance Of Growing (Eine weitere beschissene Chance für persönliches Wachstum)“, und manchmal ganz einfach aus Freude am Leben und einem neuen Tag:

ich verliere im morgengrauen die nacht,

meine augen folgen dem licht vergnügt

wie folgsame hunde.

Wer Ilse Kilic kennt, der weiß, dass sie gut und gerne reimt, und natürlich immer mit einer Prise Augenzwinkern und viel Humor:

Und das Lachen

steckt mir im Rachen.

Reim ist aber noch lange nicht alles, denn Ilse Kilic ist generell immer auch sehr spielerisch und sprachexperimentell unterwegs. So codiert sie beispielsweise ihr Gedicht „augenblick mit hüpfendem herz“ in sechs verschiedene Varianten, zunächst lesen wir es codiert in Zahlen, dann u.a. auf Klingonisch („tlq HajchoHtaHvlS ’oH. tlqwlj neH ghaH.“) , auf Esperanto (ĝi estas koro tio estas mia sola koro,“) und erst am Schluss auch auf Deutsch („es bangt das herz, das mein einziges herz ist,“). Die Sprache gibt Ilse Kilic Halt und Inspiration zugleich. Hinter allen artikulierten Themen geht es in ihrem Schreiben immer auch um die Sprache selbst, weil ihr Leben für sie Sprache ist und Sprache ihr Leben:

ohne worte

ohne worte geht es

nicht

ganz.

es sei denn

ich wäre ein schneeglöckchen

ein schmetterling

ein regenwurm

ein kartoffelkäfer

eine windhose

ein bergkristall oder

eine dachlawine,

Häufig bringt die Sprache sie in Form einzelner Worte zum Stolpern und Staunen, beispielsweise durch ein Anagramm, das zwei Worte wie „BETRUG“ und „GEBURT“ in Verbindung miteinander bringt, was erschreckt und zugleich sensibilisiert, nicht nur in Bezug auf Bedeutung und Klang einzelner Wörter, sondern auch in Bezug auf die Buchstaben, aus denen sie sich Worte zusammen setzen. Hellhörig ist Ilse Kilic aber auch ganz besonders auf Fehler, die unabsichtlich passiert und sehr schön sind:

ein durchgestrichenes wort,

da stand es. allein.

es lautete:

wirrklichkeit.

falsch geschrieben war es auch.

Ganz am Ende des Gedichtbandes bezieht sich Ilse Kilic auf die aktuelle Corona-Situation, und zeigt sich auch diesbezüglich zuversichtlich kämpferisch, wenn sie die folgenden Wünsche äußert:

Prost! Mögen Gasthäuser, Konzerte, Lesungen, Schwimmbäder, Spaziergänge und dreckige Hände bald wieder zu unserem Alltag gehören!

Das letzte Wort hat dann aber nicht Ilse Kilic, sondern Fritz Widhalm mit einem Ilse gewidmeten Gedicht. Damit schließt sich der Kreis, da der Band mit einem Fritz Widhalm gewidmeten Gedicht von Ilse Kilic begonnen hatte. Fritz Widhalm:

die vögel singen im chor.

das licht im herzen, oh.

wie soll man da schlafen,

es ist noch ganz morgen.

Damit endet Die Nacht ist dunkel, damit die Sterne sich zeigen und es beginnt ein neuer Tag mit Sonnenschein und Vogelgesang am frühen Morgen. Und mit einem breiten Lächeln des zwar noch sehr verschlafenen, aber dennoch bereits sehr vergnügten Fritz Widhalm, der nicht nur als Dichter sondern auch als Person ein überaus sonniges Gemüt hat.

Ilse Kilic
Die Nacht ist dunkel, damit die Sterne sich zeigen
Gedichte
edition zzoo
2020 · 112 Seiten · 13,50 Euro
ISBN:
978-3-902190-47-5

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