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Kritik

Prager Tagebuch

Hamburg

Wer einen längeren Aufenthalt in der Goldenen Stadt an der Moldau plant, wer diesen Studienaufenthalt mit einem Arbeitsstipendium verbinden kann, wer seine schwebenden Erinnerungen an frühere kurzweilige Besuche in Prag noch einmal auffrischen will, der greift nach einschlägigen Städteführern, fixiert die wichtigsten Straßen und Gebäude in und um Prag bei google maps und macht sich auf die Reise.

Inge Buck, Kulturwissenschaftlerin, renommierte Lyrikerin und Hörfunk-Redakteurin, hat ihr soeben im Bremer Sujet-Verlag publiziertes Prager Tagebuch nach diesem sachlogischen Schema gestaltet. Abschnitt 1 ist den Reisevorbereitungen gewidmet, mit denen sie die Monate Juli und August 2017 verbringt, bis sie am 22. August abgeschlossen sind: Auf ihren tschechischen Kronen-Scheinen, die sie bei einer Bremer Bank gegen 300 Euros eingetauscht hat, entdeckt sie die Porträts von František Palacký, Božena Němcová, Johann Amos Comenius und von Kaiser Karl IV, deren historiografische, literarische, kulturphilosophische und staatsmännische Verdienste für ihre tschechische Nation und Europa sie ausführlich kommentiert. Diese Tagebuchaufzeichnungen münden in ein Gedicht, in dem nicht nur wesentliche visuelle Merkmale von Prag „Du Bilderreiche/ aus Tschechischen Kronen“ benannt werden, sondern auch symbolische Markenzeichen der Stadt wie Veitsdom, Karlsbrücke, Adler, Böhmischer Löwe als Leitlinien für die Annäherung an das Reiseziel auftauchen.

Auch die Reise selbst über Hamburg und von dort „mit der České drahý“ nach Praha, wie die Tagebuch-Autorin stolz ihre ersten elementaren tschechischen Wortfügungen notiert, ist der Gegenstand von minutiösen, protokollarischen Hinweisen auf auffällige Naturräume längs der Eisenbahntrasse, von Begegnungen mit dem freundlichen tschechischen Zugpersonal und ihren deutschen Reisebegleitern. Die ersten Tage im September, gleich nach ihrer Ankunft in der Stipendiaten-Wohnung des Prager Literaturhauses an der Masarykovo nábřeží mit dem Blick auf die Brückenbogen der Jiráskův most, sind Eindrücken gezollt, die auf die Tagebuch-Autorin einströmen. Die Konturen von Brücken über die Moldau tauchen auf, Museumsbesuche, darunter auch das Franz-Kafka-Museum, verdichten sich zu Wahrnehmungen, die den gewöhnlichen touristischen Blick transzendieren, Metrostationen vermitteln Bilder vom Alltag in Prag. Doch Inge Buck begnügt sich nicht mit Spaziergängen durch die Innenstadt rund um den berühmten Wenzelsplatz. Sie besorgt sich im Informationszentrum der öffentlichen Verkehrsbetriebe einen Seniorenausweis für die kostenlose Nutzung von Bussen, Straßenbahnen und der U-Bahn, um auch in die weit verzweigten Außenbezirke der Stadt zu gelangen. Am 12. September besucht sie die Gedenkstätte Lidice-Památnik in der Nähe von Kladno, rund 25 km nordwestlich von Prag. Dort hatte eine Polizeieinheit auf Befehl der SS-Führung in Prag in den Abendstunden des 9. Juni 1942 die rund 500 Bewohner des Dorfes Lidice zusammengetrieben, am folgenden Tag 200 Männer erschossen, die Frauen auf Lastwagen abtransportiert und später nach Auschwitz verbracht, auch die Spur der Kinder verliert sich in den Gasöfen der deutschen Vernichtungsdiktatur. „Über der sanften Hügellandschaft, wo einst das Dorf stand, Stille. Nichts ist mehr zu sehen“, notiert die Tagebuch-Autorin in unfassbarer Trauer.

Die folgenden Tage sind in Prag Besuchen auf Friedhöfen (leider findet der Jüdische Friedhof nur in einem Gedicht „Was suche ich in der Stadt / … / auf dem Friedhof / mit den eingesunkenen Steinen“ (S. 49) eine indirekte Würdigung), der Beschreibung ihrer Schriftsteller-Wohnung an Masarykovo nábřeží, einem eindrucksvollen Konzertabend in der romanischen St. Georgs Basilika und der stimmungsvollen Schilderung der spätbarocken Innenräume der Nikolaus-Kirche auf der Prager Kleinseite. Den Abschluss bildet ihr Bericht über die Veranstaltung des Prager Literaturhauses auf dem Freigelände im Stadtteil Žižkov. Dort liest sie vor einem Café im Umkreis von tschechischen, österreichischen und deutschen Autorinnen, begleitet von Übersetzerinnen, vor einem aufmerksamen Publikum und lauscht der tschechischen Übersetzung ihrer Prosatexte, die von Ivana Myšková übertragen und der Literaturwissenschaftlerin Jitka Nešporová im Gespräch mit der deutschen Schriftstellerin kommentiert werden.

Das Prager Tagebuch III beginnt mit einer Überraschung: drei Gedichte über das ostböhmische Olmütz, Wien I und II und die Rückfahrt. Hier hätten sich aufmerksame Leserinnen und Leser vielleicht noch einen verklärenden (oder auch nüchternen) Blick auf die Moldau-Metropole gewünscht, die in ihrer architektonischen Verdichtung über Jahrhundert ihre einzigartigen Konturen bewahrt hat. Vor dieser ästhetischen und visuellen Einwirkung haben sich die bildhauerischen Pinselzeichnungen von Gunther Gerlach gescheut. Zwischen den schwarzen Konturen seiner fliegenden Vögel auf dem Buchumschlag und den frei assoziierten architektonischen Umrissen auf der Seite 69 ist viel Platz für phantasiegeladene Zwischenräume gelassen worden, wie auch in den Tagebuchaufzeichnungen von Inge Buck, die einen vorsichtigen, wohltemperierten Umgang mit Urbanität und Geschichte verzeichnen. Sie legen ein überzeugendes Zeugnis für die langjährigen literarischen Beziehungen zwischen Bremen und Prag ab, die Porta Bohemica e.V. Bremen, gefördert von Vera und Uwe Harms, das Literaturhaus Prag und nicht zuletzt Magdaléna Stárková, die Übersetzerin der Gedichte von Inge Buck ins Tschechische, mit Leben erfüllen.

Inge Buck
Prager Tagebuch
Lyrik-Prosa
Pinselzeichnungen: Gunther Gerlach
Sujet Verlag
2018 · 75 Seiten · 16,80 Euro
ISBN:
978-3-962020-17-0

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