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Kritik

„Ich hab trotz Allem ein kriegerisches Gemüt“

Ingeborg Villinger hat ein Buch über Gretha Jünger geschrieben
Hamburg

Gretha von Jeinsen war die erste Frau Ernst Jüngers. Die beiden waren von 1925 bis zu Grethas frühem Tod 1960 verheiratet. Sie hatten zwei gemeinsame Kinder, Ernst Junior, der 1944 bei den deutschen Rückzugsgefechten in Italien fiel, und Alexander, der Arzt wurde und sich 1993 das Leben nahm.

Derlei biografische Eckdaten sind deshalb nicht ganz unwichtig, da Gretha Jünger bislang in den öffentlichen Diskussionen um das Leben und Werk ihres Mannes selbst kaum in Erscheinung getreten war. Weder Heimo Schwilk noch Helmuth Kiesel gehen in ihren Jünger-Biographien nennenswert auf sie ein. Das mag daran liegen, dass die kontroverse Jahrhundertfigur Jünger mit seinem ausuferndem literarischen Gesamtwerk die Aufmerksamkeit der Biographen so stark in Beschlag genommen hat, dass eine eingehende Einbeziehung seiner ersten Frau außen vor bleiben musste; oder aber, dass Gretha im Leben ihres Mannes trotz 35 gemeinsamer Ehejahre allenfalls eine untergeordnete Rolle spielte. Nach Lektüre von Villingers umfassender Lebensgeschichte Gretha Jüngers muss man konstatieren, dass wohl eher Letzteres der Fall war.

Anders als Katia Mann für Thomas Mann, was man in den Tagebüchern Thomas Manns schön nachverfolgen kann, war Gretha Jünger für Ernst Jünger weder intellektuelle Sparringspartnerin noch vertraute Lebensbegleiterin. Zumindest ist davon nichts überliefert. Stattdessen organisierte Gretha die praktischen Dinge des Lebens, die zahlreichen Umzüge, die Steuererklärung und die Erziehung der Kinder. Obendrein kümmerte sie sich um den Garten. Dass Empathie und Fürsorge nicht zu den Stärken Ernst Jüngers gehörten, erfährt man auch dadurch, dass, wie Villinger erwähnt, Ernst Jünger bereits vor der Hochzeit lieber auf der Couch liegen geblieben sei, als die junge Verlobte spätabends nach Hause zu bringen. An diesem Muster ausgeprägter Selbstbezogenheit hat sich auch später nichts geändert. Seine zahlreichen Affären hat Jünger mehr oder weniger offen gelebt, insbesondere mit der Pariser Kinderärztin Sophie Ravoux, und mitunter sogar in seinen Büchern davon berichtet. Dass Gretha unsäglich darunter litt und einmal sogar halbherzig an Scheidung dachte, dürfte ihm nicht entgangen sein. Er gelobte Besserung, geändert hat sich nichts. Als Gretha 1957 an Krebs erkrankte, kam es zur Auseinandersetzung, da sie sich in eine Münchner Klinik begab, während er offenbar darauf gedrungen hatte, auf eine Behandlung zu verzichten.

Das ist die eine Seite der Geschichte, die Villinger in ihrem Buch erzählt, auch wenn das womöglich gar nicht ihre primäre Absicht war. Denn obwohl es sich um die Lebensgeschichte Gretha Jüngers handelt, liefert dieser Teil doch vor allem erhellende Eindrücke über ihren Mann; Eindrücke, die man in dieser Detailtiefe aus den bisherigen Biographien Ernst Jüngers nicht kannte. 

Die andere Seite der Geschichte beleuchtet die Person Gretha Jünger, die hier ausführlich und detailsatt – streckenweise ein Stück zu weitschweifig – vorgestellt wird. Erzählt wird die ambivalente Geschichte einer teils selbstbewussten, teils devoten Frau (ihren Mann titulierte sie zeitlebens allenfalls halbironisch als „Gebieter“) aus verarmter adeliger Familie, die in jungen Jahren und gegen den Willen ihrer Umgebung eine Karriere als Schauspielerin und Sängerin anstrebte. Und dafür auch einiges Talent mitbrachte. In den 1920er Jahren stand sie u.a. mit Theo Lingen auf der Bühne. Da für Ernst Jünger ein Leben an der Seite einer Bühnendarstellerin nicht in Frage kam, verzichtete sie letztlich darauf. An ihre künstlerischen Ambitionen knüpfte sie erst spät wieder an, als sie 1949 und 1955 unter ihrem Geburtsnamen Gretha von Jeinsen zwei Bücher mit Erzählungen und dem Abriss ihrer Lebensgeschichte veröffentlichte; insbesondere die autobiografischen Notizen wurden, sehr zu ihrem Wohlgefallen, auch medial rezipiert, wenngleich der Verdacht naheliegt, dass dies nicht zuletzt ihrer Rolle als Frau von Ernst Jünger geschuldet war. Dieser wiederum scheint sich mit den Publikationen seiner Frau nicht allzu intensiv befasst zu haben, jedenfalls erfährt man dazu bei Villinger nichts Näheres. 

Etwa vage bleibt die Behandlung der spannenden Frage nach der politischen Verortung Gretha Jüngers. Villinger geht darauf allenfalls indirekt ein, etwa indem sie aus Briefen zitiert, ohne jedoch das Thema einer dezidierten Bewertung zu unterziehen. Dabei wird augenscheinlich, dass Gretha Jüngers politische Betrachtungen recht nah an denen ihres Mannes angelehnt waren: stramm nationalistisch in den 1920er Jahren, anti-hitlerisch während der NS-Zeit, ohne jedoch aktiv Widerstand zu leisten (was auch auf Ernst Jünger zutrifft, der während der Besatzungsjahre in Paris eine gewisse intellektuelle Halbdistanz zu Widerstandskreisen pflegte). 1939 hatte sie den Kriegsausbruch begrüßt, da er in ihren Augen zu einer Revision des schändlichen Friedens von Versailles führen werde. Vor allem in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre schien sich Gretha Jünger in den nationalistisch-männerbündischen Runden ihres Mannes, zu deren Teilnehmern u.a. Arnolt Bronnen, Ernst Niekisch und auch ihr Schwager Friedrich Georg Jünger gehörten, durchaus wohlgefühlt zu haben. Zur demokratischen Politik der jungen Bundesrepublik hatte sie keinen erkennbaren Bezug, wie ihr Mann dürfte sie sie als eher „langweilig“ empfunden haben.

Ein schwerer Schlag, den sie zeitlebens nicht überwand, war der Verlust ihres Sohnes Ernstel. 1950 besuchte sie Carrare, wo er begraben lag. Die freundliche Aufnahme durch die dortige Bevölkerung so kurz nach Kriegsende überraschte sie. 1952 wurde der Sohn ins Familiengrab nach Wilflingen überführt.

Gretha Jünger war eine Vielleserin und Vielschreiberin, vor allem wenn es um ihre Korrespondenz ging. Die zahlreichen Briefwechsel, etwa mit Carl Schmitt und dessen Frau Duschka, bildeten eine wertvolle Quelle für die Rekonstruktion ihres Lebens und Denkens. Zudem hatte Villinger Zugriff auf den bislang unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Gretha und Ernst Jünger.

Dabei herausgekommen ist ein lesenswertes und informatives Buch über eine Frau, deren Leben man getrost als unglücklich bezeichnen darf. Eine ebenso ambitionierte wie kluge Frau, die ihr Leben nie in der Weise gestalten konnte und durfte, wie sie sich das gewünscht hätte. Ihre künstlerischen Träume musste sie früh zugunsten ihres Mannes begraben, der es ihr mit sträflicher Missachtung und fortlaufendem Betrug dankte. Und auch ihre lebenslange Suche nach dem „Ekeby“, dem von ihr imaginierten Ort ihrer glücklichen Kindheit auf dem Lande, fand keine Erfüllung.

Villinger hat Recht, wenn sie das in der Beziehung zwischen Ernst und Gretha Jünger auftretende Gefälle zwischen Mann und Frau exemplarisch als ein „Jahrhundertproblem“ bezeichnet. Einen Schritt zu weit geht sie jedoch, wenn sie die „Geschlechterdynamik“ als „Gretha Jüngers Lebensthema“ begreift und sie damit implizit zur Vorkämpferin eines modernen Feminismus verklärt.

Ingeborg Villinger
Gretha Jünger
Die unsichtbare Frau
Klett-Cotta
2020 · 464 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3-608-98352-4

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