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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Sie will nur gucken. »Rechnung offen« von Inger-Maria Mahlke.

Hamburg

Ein Umschlag, der aussieht wie eine Wand, die schon bessere Zeiten gesehen hat, darauf fünf Klingelschilder, mit dem Namen der Autorin, des Buches und des Verlages. Der Klingelknopf in der Mitte ist leuchtend orange, neben ihm steht das Wort Rechnung. Die Aufmachung dieses Romans ist stimmig und gelungen, klug und so passend, wie es nicht oft vorkommt.

Ein Cover, das sich mit dem Inhalt deckt, denn auch in diesem Roman geht es um die Oberfläche. Um das, was man sehen kann, wenn man genau hinschaut. Nichts weiter. Sie misstraue der Psychologie, die vorgebe alles erklären zu können, rechtfertigt Mahlke ihre Beschränkung auf die pure Beschreibung.

Einen „Bericht aus der gesellschaftlichen Ausnüchterungszelle“ nennt David Hugendick in seiner Rezension für die „Zeit“ „Rechnung offen“. Das klingt gut, offen bleibt was genau damit gemeint ist. Die Feuilletons jedenfalls freuen sich, dass endlich eine Autorin detailgetreu statt moralisch schreibt, dass sich eine an die Randgruppen der Gesellschaft traut, und den sozialen Abstieg und die „Gentrifizierung“ ganzer Stadtteile beschreibt.

In kurzen Szenen schildert dieser „Episodenroman“ die „Entwicklung“ von hauptsächlich acht Personen vom Spätsommer bis zum darauf folgenden Frühjahr. Etwa neun Monate begleitet Mahlke ihre Protagonisten, die Dauer einer Schwangerschaft lang.

Schwierige Schwangerschaften, ungewolltes Leben zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Eine alte Frau, die sich nicht mehr an ihre Tochter erinnern kann, und den Enkel, der sie besucht, nicht erkennt. Eben jener Enkel schwängert eine junge Frau und hat nachdem er davon erfährt nur noch eine Frage auf dem Herzen: Ist es schon weggemacht worden? Eine alleinerziehende Mutter ist von ihrem Leben überfordert. Als sie im Backshop kündigt, um Gelegenheitsdomina zu werden, scheint sich alles zum Guten zu wenden, bis die Kunden ausbleiben und sie das Geld zwischen sich und ihrem achtjährigen Sohn aufteilt, bevor sie ihn allein in der Wohnung zurück lässt.

Class arbeitet als Psychotherapeut, ist aber nicht fähig sich selbst zu helfen, Teresa, seine Frau, zieht die Konsequenzen, als der Gerichtsvollzieher vor der Haustür steht: Mein Mann wohnt nicht mehr hier. Also zieht Claas in die heruntergekommene Immobilie, die er irgendwann in seinem Kaufrausch erstanden hat. Dort wohnt auch seine Tochter, die sich dem Leben verweigert und die Wohnung nur noch verlässt um sich neues Gras zu besorgen, gerne von den Drogendealern, die im Erdgeschoss leben, ohne Heizung, dafür aber in zweistelliger Anzahl und Angst vor der Abschiebung.

Die Fäden der Einzelschicksale (wobei man eigentlich nicht von Schicksalen sprechen kann, gezeigt werden nur Momentaufnahmen), laufen in dem Miethaus, dessen Klingelschilder auf dem Cover abgebildet sind zusammen, schließlich kommt es zu einem Showdown, in dem alles gut wird, ohne dass sich etwas geändert hat.

Mahlke handelt das ganze Programm ab, Asylanten, Schuldenfalle, Drogen, Kindesvernachlässigung, schwierige Schwangerschaften. In schnellen Schnitten wechselt die Erzählung von einem zum anderen. Der Wechsel und die Trostlosigkeit der Schicksale erinnern an das Fernsehprogramm der Privatsender, man zappt von einem Kanal in den nächsten, und überall sieht man Überforderung und Elend, Menschen, denen es noch schlechter geht als einem selbst, so funktioniert Unterhaltung, so funktioniert auch dieser Roman.

Die Rechnungen werden nicht beglichen, höchstens ausgesetzt, es wird auch keine Geschichte erzählt, sondern Schlaglichter auf einzelne Menschen geworfen, die nicht über die Klischees einer Versuchsanordnung hinausgehen. Man liest von Zerfallsmomenten, die man nicht spürt. Das trifft offensichtlich den Zeitgeist. Vielleicht auch, weil der Roman in Berlin spielt, in Neukölln, wo auch längst die „Gentrifizierung“ um sich greift. Die Feuilletons sind jedenfalls begeistert. Mit dem Auszug aus Rechnung offen, gewann Mahlke im Sommer vorigen Jahres den Ernst-Willner Preis beim Ingeborg Bachmann Wettbewerb.

Für mich blieb am Ende des Romans eine Rechnung offen. Das ist möglicherweise gewollt. Überzeugt hat er mich nicht. 

Inger-Maria Mahlke
Rechnung offen
Bloomsbury
2013 · 288 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-827011305

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