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Kritik

Im Gefängnis mit der Frau, die ich einmal war

Ingrid Strobls Erinnerungsschrift „Vermessene Zeit. Der Wecker, der Knast und ich“
Hamburg

Der Transport im Autokonvoi, die nach hinten gefesselten Hände, die körperliche Untersuchung vor dem Anlegen der Gefängnis-Kleidung – alles kommt einem*r aus Filmen und Romanen bekannt vor, und doch ist es, als läse man zum ersten Mal von diesen Dingen. Steigt an der Seite einer intellektuellen, wissbegierigen und nahbaren Angeklagten in die Dunkelheit der Isolationszelle hinab, durchlebt mit ihr Angst, Panik, Gefühlsleere und fühlt mit großer Erleichterung beim ersten Rundgang im Gefängnishof den Wind auf dem Gesicht.

„Nichts war normal im Gefängnis. Außer beim Schreiben des Buches und einiger Artikel konnte ich nie ganz authentisch, nie ganz ich selbst sein. […] Ich kann es mir nicht leisten, das, was mich belastet und quält, wirklich wahrzunehmen, denn sonst könnte es passieren, dass etwas in mir reißt und kaputtgeht.“

Kurz vor Weihnachten 1987 wurde die Germanistin und Rundfunk-Autorin Ingrid Strobl in die Justizvollzuganstalt München Neudeck eingeliefert und musste zweieinhalb Jahre wegen des Kaufs eines Weckers der Marke Emes Sonochron als mutmaßliche Terroristin nach §129a  in Haft leben. ___STEADY_PAYWALL___ Mit diesem Wecker hatten die »Revolutionären Zellen« Wochen zuvor einen Sprengstoffanschlag auf ein leeres Lufthansagebäude verübt, aus Protest gegen die „Bumsbomber“, günstige Flüge für deutsche Sextouristen in die Ferne, und gegen die Abschiebepraxis von Geflüchteten. Nur eine weitere Frau, die in dieser Zeit wegen eines Emes Sonochron-Weckers inhaftiert wurde, wurde ähnlich lange ihrer Freiheit beraubt.

Dass eine große Welle an Solidarität und Zuschriften Strobl erreichte, dass in Essen 10.000 Menschen bei einer Protestdemo mitliefen, dass Freunde am Weihnachtsabend ein Blaskonzert in der Nähe des Gefängnisses veranstalteten – all das ist Geschichte. Doch mit dem literarisch ausgeformten dokumentarischen Text, der im März bei Edition Nautilus erschien, macht uns Ingrid Strobl diese Geschichte erlebbar. Es ist einerseits ein spätes Geständnis gegenüber Unterstützer*innen, die von Strobls Unschuld überzeugt waren, denn die gebürtige Österreicherin macht klar, dass sie von dem geplanten Einsatz des Weckers für den Anschlag wusste. Es ist andererseits ein Abtasten der Vergangenheit, ein authentischer Versuch, sich die ‚reale‘ bis ‚surreale‘ Zeit im Gefängnis ins Gedächtnis zu rufen, eine Zeit, während der sich die damals 36-Jährige in kafkaesken Umständen des Wartens und Spekulierens befand, in der sie von den Mitinsassinnen isoliert wurde, aber auch eine Zeit, in der sie als politische Gefangene die Freundlichkeit vieler Wärterinnen schätzen lernte (zum Beispiel beim einmaligen Stopp vor dem Eisladen während einer Fahrt zum Anwalt) und durch die Arbeit an ihrem Buch zum bewaffneten Widerstand von Frauen gegen das NS-Regime fokussiert bleiben konnte. In München wie im Gefängnis in Essen sind es die Begegnungen mit den Mitinsassinnen und Besuche aus der Außenwelt, die die Gefängniszeit für Ingrid Strobl ertragbar machten. Immer wieder hat auch die Lektüre, das Schreiben und klassische Musik diese Wirkung.

„Die Über-Literatur-und-Film-und-Kunst-reden-Orgien, die wir bei den Besuchen feiern, befreien mich aus der Enge der Haft und nähren mich wie ein Ausflug ans Meer oder ins Hochgebirge.“

Die Freundschaften zu den Mitinsassinnen und die Hochzeit mit ihrem Freund während der Zeit im Gefängnis können jedoch nicht über die existenziellen Fragen nach der Legitimation von Widerstand und Gewalt hinwegtäuschen, mit denen Strobl sich im Gefängnis konfrontiert sah. Wie weit darf Aktionismus gehen? Hat der Anschlag etwas erreicht? Und war ich als junge Frau so wütend, weil die feministischen Ziele unserer Generation damals nur sehr langsam erreicht werden konnten? Gerade im Blick der heutigen Ingrid Strobl auf das dreißig Jahre jüngere Selbst werden diese Fragen noch einmal schärfer, kondensierter gestellt. ‚War es so, wie ich jetzt denke?‘, fragt die Autorin in ihrer meist erfrischend direkten, klaren Sprache, und somit sind nicht nur die Lesenden mit in den zwei Zellen, der mit schönem Blick in München und der dreckigen in Essen, sondern auch die Erzählinstanz begibt sich noch einmal ins Gefängnis –  mit der Frau, die sie einmal war.

 

Ingrid Strobl
Vermessene Zeit / Der Wecker, der Knast und ich
Edition Nautilus
2020 · 192 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-96054-228-5

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