Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Blaue Stunden

zur sechsten Ausgabe der JENNY
Hamburg

Die JENNY (ihres Zeichens Anthologie für junge Literatur, herausgegeben von Studierenden des Instituts für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien) erschien im Herbst 2018 zum sechsten Mal (mit dem wohl existenzialistischsten Cover aller Ausgaben) und ist wieder voller eigenwilliger Aphorismen, die als Buchstabensuppe auf der blauen JENNY-Farbe schwimmen – und, natürlich: voller Texte.

Den Anfang macht Martin Peichl mit „Eine Topographie der Abschiede“, eine Sammlung kurzer Texte, die auf pointiert-poetische Art mit ihren Stichworttiteln interagieren. Das liest sich dann bspw. so:

            Fallhöhe
Jedes Mal, wenn ich dich sehe: ein Gefühl, als wärst
du ein paar Zentimeter gewachsen.

Agil und teilweise auch ganz schön clever, zumindest nicht ohne doppelte Böden, ist dieses kleine Verzeichnis. Manches wirkt mitunter, gerade wenn es um Amore geht, allzu vertraut, was aber die poetischen Dimensionen von Peichls Deklinationen nicht schmälern soll.

Ich hör vielleicht was. Das Knallen und Schrillen und Brennen brennt sich durch, aber die Jalousien sind ja zu, ich zieh die Füße an die Brust. Die erste Handgranate gab es in China schon im ersten Jahrtausend, das stand in einem Kinderbuch. Du bist bei den Pattexjungs, da bin ich sicher.

In Fiona Sironics „Molly / Da sind ja Löcher“ sind wir dann schon jenseits der Abschiede, hier ist schon Postapokalypse angesagt: Draußen wird geschossen, drinnen, hinter Jalousien und schwarz angemalten Fenstern, eine leicht verwahrloste Szenerie. Kaum etwas funktioniert noch. Und nicht nur das Ich im Text, sondern der Text selbst scheint fragil zu sein, wie nach einem betäubenden Schlag, Sätze und Motive wirken hier und da wie in Spiralbewegungen gefangen. Aber Stück für Stück zeichnet sich ein Bild ab und diese Apokalypse ist nicht turbulent und abenteuerlich wie ein HD-Film, sondern trist und ansatzlos, was eindringlich inszeniert wird. Es dominieren Körperlichkeit und ungenaue Konturen. Eine stechende und beißende Lektüre.

das schönste tor des jahres
2000 schoss ein gnu

in meinem herzen hausen bloß
kanye west (den schmeiß ich raus)
und michelangelo

Die Assoziationsräume die Stephan Roiss Gedichte entfalten sind gleichsam riesig und winzig; ersteres, weil ein Haufen Verweise sich darin auftürmt, die Funken in alle Richtungen fliegen, letzteres, weil in diesen Verweisstrukturen auch eine gewisse Beliebigkeit steckt, der nicht entgegengewirkt wird. Sie sind rasant und skurril, diese Texte, aber bei aller Spritzigkeit und dem energischen Ton nicht wirklich originell.

Als er betäubt und verfroren aus dem Zugfenster in den nebligen Tag blickte, versuchte er sich erneut vors innere Auge zu halten, welcher seiner Tage bisher still genannt werden durfte.

Beeindruckender ist da der Text von Laurenz Schönthaler, eine Art Versuch über den still(st)en Tag, der mit seinen knappen bis elaborierten Sätzen, die mitunter sehr auf ihre eigenständige Konsistenz zu pochen scheinen, zart an manche Prosa von Peter Handke erinnert, ähnlich objektivierende und abstrakte Töne anschlägt, diese aber mit Melancholie und kleinen Eruptionen unterfüttert. Ein wunderbarer Satz aus dem Text:

Beim Lesen fremder Texte wurde ihm versichert, dass eine ungewusste Sprache in ihm ruhte und dass eine gewisse Form des Erwachens bisher noch ausgeblieben war.

Leon Wienhold weist uns bereits mit seinem ersten Satz (was für ein Bild …) in die Dynamik seines kurzen Prosatextes ein:

Ein Elefant aus Mahagoni, die Zeit, die es braucht, bis er versunken ist in Honig.

Behutsamkeit, die in „Honig“ federführend ist, wird hier, zusammen mit einer kleinflammigen Sehnsucht, geradezu bekennend, zelebriert. Der Text bleibt allerdings eine zurückhaltende Meditation, die sich nicht verausgabt in ihren Motiven, und somit auch der Gefahr entgeht, ins Manieristische abzudriften. Vielmehr erzählt er, halb abgewandt, von einer Großmutter, vom Sterben, von der Zeit, die uns verschluckt, süß und zäh. 

Das Versprechen an etwas zukünftig Besseres hält sich hartnäckig. Das Streben danach nimmt Stück für Stück die Erinnerung ein.

Stefan Langers 13 Sprechstücke, gesammelt unter dem Titel „Protein“, lassen sich schwer auf einen Nenner herunterbrechen. Sie arbeiten gleichermaßen mit Darstellungen und mit Überlegungen, mit Innen und Außen, mit Direktheit und Kommentar. Es sind mitunter Stücke gegen und über den Wahn, gegen Norm und Konform, aber sie werden auch sinnlich, es gibt sowohl abstrakte als auch konkrete Passagen. Wird hier ein Individuum zerlegt? Ist „alles Kommende Zurichtung“ wie der Untertitel ansagt? Die Stimmenvielfalt lädt zu unterschiedlichen Interpretationsansätzen ein.

über den Alpen gehen die Lifte wie
gondelnde Granaten, die zur Sprengung in
den Hang geworden sind, ganz oben versagen
uns die Beine, denn wir schweben fast und
sind noch nie so nah gewesen einem Grund

Manon Hopfs drei „Geländefluchten“ kombinieren lapidare Tonlagen mit starken Bilden und das I-Tüpfelchen besorgt eine Nuance ländlichen Abscheus. Atmosphärische Lyrik ohne große Schnörkel und dennoch mit jenen Spuren von Eigensinn, die jede Lyrik haben und verfolgen sollte.

Merk dir das, sagte Mathilda. Merk dir die lila Tage. Ich erkannte aber, von oben, auch halb verweste Tierkadaver in den Lavendelfeldern, brennende Müllberge, Raubkatzen, rostende Militaria aus den Weltkriegen, Trickbetrügerinnen, Ölfilme, Verletzte mit eiternden Wunden.

Johannes Koch (es hat mich gefreut, mal wieder einen Text von ihm zu lesen) erzählt in „Lila ist die Farbe unserer sorglosen Tage“ eine Art schwelgende und alles andere als sorgenfreie (wenn auch von Sorglosigkeit durchzogene) Geschichte zwischen Dystopie und Utopie, in der die Truckerin Mathilda einige Kinder, die auf Raststätten von den Eltern zurückgelassen wurden, aufnimmt und mit ihnen durchs Land fährt. In Kochs Text funkelt immer wieder eine berückende Schönheit auf, leicht mystische Tendenzen, ein slapstickhafter Witz schaltet sich immer wieder ein, trotzdem wirkt die Szenerie nie friedlich, ein Tick Bedrohung schnippt neben dem Takt.

der große Auftritt der Ratten & Maden. Rotwein aus Humpen in den
Hühnerkopf geschlürft, nachm Selbstmord auf der Bühne lieben dich
die Diebe und die Mädchen, du Dragoman, du drogensüchtiger Satyr
& Dionysosextremist, du fröhlicher Toter, du Volkstribun & Corps-
Sstudent, du Assassine mit Jakobinermütze unter der Pickelhaube

Lasse Jürgensens furiose Gedichte, die wie die Fundamentfanale einer neuen Beat-Generation in die Eisen steigen, sind die Art von Aufstand, den ich mir lieber ansehe/-höre, als davon zu lesen. Aber Scherz beiseite – es wirkt wirklich so, als hätte der Autor ein bisschen viel Beat Generation oder Uli Becker gelesen. Trotzdem, die Gedichte machen schon Spaß und die Schlussakkorde gelingen meist vorzüglich. Als Grantkapitel der Ausgabe nett, aber eben ein bisschen over the top für meinen Geschmack. Wer’s mag: einfach draufloslesen.

Ich zeigte ihr, wie man russische Comics schaut. An die Heizung gelehnt, mit den Wollsocken und der Tasse heißen Schokolade. Sie erlaubte es mir, auf ihrem Bett zu sitzen und Schopenhauer zu lesen.

Geradezu süß ist Carlo Maximilian Engeländers „Schopenhauer im Winter“ – der Text über die im Kiosk geschlossene Freundschaft zwischen einem schrägen Vogel und einer jungen (innerlich alten) Dame, der sich wie eine O Henry-Geschichte mit Anleitung gegen Winterdepressionen liest und außerdem zu sagen scheint: werdet nicht so schnell erwachsen, dann kommt ihr nur auf dumme Gedanken.

niemand prognostiziert einen
namen. dem du nicht hörig bist, passgenau
dem zungenschlag nach, dieser behörde. und
nicht, wie dein vater dich nannte. genannt haben
dich viele. und viel mehr ist nicht übrig, als
eine haarlocke.

Ronya Othmanns Gedichte scheinen mitunter die von ihnen angesprochenen Phänomene und Abläufe zu zerkleinern, als könnte man so den Dingen beikommen, sie mundgerecht machen oder ihre zersetzende Wirkung betonen – als ließen sich durch Sprache die Wesenszüge einer Sache in Puzzleteile verwandeln, die Leser*innen zusammenstecken können und schon haben sie vor sich ein Bild des Phänomens.

mit deinen ständig wallenden erkenntnisschüben verletzt du mich zutiefst, denn. dein wahnsinn reißt mir die adern aus dem arm wie elektrische leitungen. reißt sie raus. bindet sie zu. bindet sie dreimal um mich herum. zu. gibt mir die enden – wenigstens.

Hannah Bründls „wenn wind – ein monolog für eine stimme“ hat etwas von einer Tirade, aber auch von einem sinnlichen Streifzug. Die Dinge werden ausgehöhlt, aber auch balanciert; viel Schmerz ist da oder doch eher mehr Leere? Das lyrische Ich will sich nicht einer Autorität unterwerfen, aber Widerstand scheint vergeblich, vielleicht wegen der Sehnsucht, die doch dazwischenfunkt? Zwischen Entkörperung und gepresstem Ich-sein protokolliert Bründels Sprache schwer zu fassende Abgründe, in denen man oft schon drinsteckt, wenn man sie entdeckt; das Hängenbleiben und Fallen.

Was soll sie denn denken, Anton, wenn die Uhr, sagen wir, auf dem Bett liegt. Leg die Uhr doch in den Kleiderschrank, aber nimm die Batterien vorher aus der Uhr, denn sonst tickt die Uhr im Schrank noch dumpfer und sie wird fragen.

Bei Artur Krutschs monologischer Prosa „Auf Trebe irgendwo da draussen, in ein andres Paar blaue Augen“, bekommt man schon beim Lesen Komplexe – oder direkt eine handfeste Krise. Eigentlich ist da ja nur eine Küchenuhr, die eine eventuelle, peinliche Stille beim Besuch des neuen Kaffeegastes mit ihrem etwas zu lauten Ticken erfüllen könnte. Aber wohin mit der Uhr? Diese Frage gestaltet der Text verflixt und neurotisch aus, in vollendeter Manier, die einen fixen Gedanken auf die Spitze treibt. Kopfschmerzausrastgänsehaut!

Sitz 5C lese ich mich ein
Schnee im August Umriss
einer Kirche steht heute
Santa Maria Maggiore
ob meinen Wünschen
Pläne folgen

In den Gedichten von Frieda Paris flattert die Poesie von Wort zu Wort, von Vers zu Vers wie von Zweig und Zweig, auf der Suche nach Sonnenlicht, nach Bleiben, nach Herznahrung, nach Gründen zum Singen vielleicht. Lichtdurchflutet sind ihre Texte, werfen aber genauso tiefe Schatten. Sie sprechen von einem Unterwegs, da ist eine Sehnsucht namens Meer, das vielleicht auch ein Bild für die Ferne ist, die noch in der Nähe lauern kann. Mit diesen Gedichten kann man träumen, stolpern, stillstehen.

Wie immer sagte ich dann; Ich möchte eigentlich lieber nur ein Bier trinken, und wie immer sagt Josef dann;
Jetzt habe ich aber schon angefangen alles klein zu schneiden.

In Anna Neatas Text gibt es Wurstsalat und einen heißen Sommer. Der eine macht den/die namenlose Protagonist*in fertig, der andere wird von Josef fertig gemacht, denn Wurstsalat hilft vielleicht (ist er dafür bekannt? Hilfreicher Wurstsalat?). Ach ja: es gibt auch Josef, er ist sogar Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, die unter der brütenden Hitze vor sich hinköchelt; er erklärt und liebt und sorgt. Es gibt wenig Bewegung, wenig Handlung – kein Wunder, bei der Hitze! Dennoch ist es ein sehr sympathischer Text, er wirkt irgendwie herrlich selbstlos, herrlich unarrogant, ein bisschen traurig, ein bisschen heiter.

Adrianna Bugatti, fünf vor sechzig, von Sehnen durchzogenes Gesicht, fehgraues Haar, klitoral selbstbefriedigt, vaginal verdrossen, engagierte Vito für Renovierungsarbeiten in ihrer venezianischen Villa. Er tapezierte, bohrte, schwitzte in dem Haus und seinem Unterhemd, während sie sich wünschte, er ginge zu ihrem Frauenzimmer über.

Tja, so geht es dann weiter – als dritter kommt in Helena Este Adlers „Aale, die von Herzen kommen“ später noch Lorenzo hinzu, Adriannas aalglatter, bis in die Haarspitzen gelackter Ehegatte. Insgesamt wirkt der Text als hätten Fellini und David Lynch sich vorgenommen eine illustre Telenovela zu drehen und sich schon sehr früh auf Trash geeinigt. Sicherlich einer der verstörend-unterhaltsamsten Texte, die ich seit langem lesen durfte. Irgendwo zwischen banaal und banaalisch.

Erinnere mich: lerne Knoten binden
Nur abgetuscht alle Bilder
Verschläft sie die Anfangswandlung
Es bleibt eine folgende Reise:

Im Sommer aufgetaucht

Den Schlusspunkt dieser JENNY-Ausgabe setzt Helene Sued mit „Erntebeginn“, ein sehr zerfaserter Text, in dem jede Zeile wie ein loser Faden daherkommt. Ganz werde ich nicht schlau aus diesem Gespinst.

In der Hoffnung, dass Textausschnitte und Beschreibungen Lust auf mehr gemacht haben, überlasse ich das letzte Urteil den Leser*innen, die sich hoffentlich auf diese Ausgabe stürzen werden und sich ein, zwei blaue Stunden um die Ohren hauen.

Institut für Sprachkunst Universität für angewandte Kunst Wien (Hg.)
JENNY Ausgabe 06 / 2018. Denken. Glänzen. Text.
De Gruyter Verlag / edition Angewandte
2018 · 132 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-11-061787-0

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