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Lichtungen - Literatur, Kunst & Zeitkritik
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Lichtungen - Literatur, Kunst & Zeitkritik
Kritik

Beat & Beyond

Der Dichter Ira Cohen
Hamburg

Ira Cohen ist in Deutschland ziemlich unbekannt. Es gibt zum Beispiel keinen deutschen Wikipedia-Eintrag (dafür einen ausführlichen englischen). Neben dem hier vorliegenden, überarbeiteten Buch (Erstveröffentlichung Verlag Der Kollaboratör, Luzern 2012 ) ist jeweils nur ein Buch erschienen in der Stadtlichterpresse (Wo das Herz ruht, vormals erschienen im Rohstoff Verlag), bei AltaQuito Press (Kaliban und Andere Gedichte) und bei Books Ex Oriente (Das grosse Reispapier – Abenteuer von Kathmandu) – übrigens auch alle übersetzt von Florian Vetsch. Wobei das eigentlich gar nicht so wenig erscheint, allerdings sind das allesamt Kleinverlage, was aber meines Erachtens sehr gut zu Ira Cohen passt. Erinnert sei auch an Kozmik Blues, Magazin für neue Literatur, Rohstoff-Verlag, Ausgabe 2000, denn dort ist Ira Cohen mit fünf Gedichten, einem kurzen Text und etwas Mail-Art ebenfalls präsent.

Dieser kleine Band ist "eine Hommage an den verstorbenen Dichter und Multimedia-Schamanen Ira Cohen" und versammelt seine Gedichte, geht aber bei weitem darüber hinaus. Anlass bzw. Gegenstand ist eine Lesereise von Ira Cohen und Florian Vetsch vom 14. bis zum 21. September 2000 mit Lesungen in Konstanz (16.9.), St. Gallen (Kunsthalle, 17.9.), Zürich (Kino Xenix, 18.9.) und München (Lyrik Kabinett, 20.9.). Deswegen sind hier auch ganz unterschiedliche Publikationsformen versammelt:

  • Ein Bericht von Florian Vetsch über die gemeinsame Woche: "Eine Woche unterwegs mit Ira Cohen".
  • 15 handschriftliche Gedichte bzw. Briefe (an Florian Vetsch) von Ira Cohen immer als Faksimile und teilweise zusätzlich in gesetzter Form, wegen der Lesbarkeit. Dabei alle/s in Englisch.
  • Ein Text von Jürgen Ploog über den/die gemeinsame/n Abend/Nacht in Zürich: "Eine Nacht dämonischer Graffitis"
  • diverse Mail-Art und Collagen von Ira Cohen
  • 18 Fotos

Die wenigen Gedichte können dem Leser eigentlich nur einen Vorgeschmack auf das dichterische Werk Cohens geben. Dabei setzt er sich auch mit dem Schreiben bzw. mit dem Wesen von Gedichten auseinander. In dem Gedicht Insomnia unterscheidet er, ob jemand schreibt, weil er etwas zu sagen hat, oder eben nicht. Aber auch der zweite Fall ist für ihn interessant, nämlich um "to see where it takes you". Es geht ihm um Gefühle, die "beyond words" liegen, wobei er sich bewusst ist, dass ihm die Wörter nicht gehören (Gedicht Lost Words). Um etwas zu sehen, wenn wir unsere Augen schließen (Gedicht Shamanic Warrior). In dem Gedicht Marianne Moore  heißt es

"I
[...]
discover my syllables
in the act of writing
Not everyone is concerned
with losing a good line."

Hier könnte man auch an eine Line Koks denken. In dem Gedicht The Unreal Desert benutzt Cohen  solch schöne Sprachgebilde wie "the obscene mathematics of guilt" oder "torture has become the flower of capitalism", was durchaus eine gewisse Systemkritik erahnen lässt.

Ira Cohen muss schon eine schillernde Persönlichkeit der kulturellen Gegenbewegung gewesen sein. Wobei er sich nicht auf die "Kategorie 'Beat'" beschränken lassen wollte. Er sah sich wohl eher als einen Schamanen. Darauf geht Jürgen Ploog in seinem Text ein. Ploog war für einen Abend nach Zürich gekommen, um zu einer Dichterlesung zu gehen. Davon ist ihm nicht viel hängen geblieben, denn "Gedichte sind flüchtig. Wortfetzen, die der Wind hierhin & dorthin trägt". Die anschließende Nacht in Zürich im Hotel Franziskaner zusammen mit Cohen und Vetsch war da viel nachhaltiger gewesen, ein "Lehrstück in praktischem Schamanentum". Ploog: "Ich wusste, dass ich nach einer solchen Nacht nicht mehr derselbe sein würde."

Interessant sind die verschiedenen Koinzidenzen, die sich zwischen den Texten der drei Autoren ergeben haben. Sowohl Vetsch als auch Ploog gehen auf Dada (in Zürich!) ein. Vetsch beschreibt Cohen als einen "bekennende[n] Dadaist[en] und Freund des Surrealismus" und für Ploog "hatte sich das Hotelzimmer [im Franziskaner] in die Bühne des Cabaret Voltaire verwandelt." Beide sprechen in Bezug auf Cohens Gedichte von "killer poems", die beim Publikum wie eine Bombe einschlagen, und den eingefahrenen Literaturbetrieb aufmischen. Vetsch geht auch auf die Eigenart von Cohen ein, nämlich "Gesichter mit dem Motiv des Wilden Stiefmütterchen zu überkleben". Und entsprechende Mail-Art ist in diesem Band zu finden. Vetsch erwähnt auch Cohens Schlaflosigkeit: "Iras Insomnia machte für mich die Nächte seines Aufenthalts intensiv". Dazu korrespondiert das gleichnamige Gedicht von Cohen. In einem Brief "for Florian" schreibt Cohen: "It was Laurel & Hardy / who reminded me / I was not alone ...". Und Vetsch schreibt, Cohen "stellte mich und ihn als Laurel & Hardy vor", nämlich bei der Begrüßung zur gemeinsamen Lesung in Zürich.

Wer sich also einen Überblick über den schillernden und geheimnisvollen Counter-Poeten Ira Cohen verschaffen will, dem sei dieser kleine, bunte Band aus dem Mainzer gONZo Verlag von Miriam Spies empfohlen.
 

Ira Cohen
A Night in Zurich
Vorwort: Florian Vetsch, Nachwort: Jürgen Ploog
gONZoverlag
2018 · 72 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-944564-39-5

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