Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Irmgard Keuns Werk

Hamburg

1. Irritation: Will ich hier und heute über Irmgard Keun (1905-1982) und ihr Werk schreiben, muss ich zuvor bekennen: Ich kannte die Schriftstellerin bisher nicht, hatte nie zuvor bewusst ihren Namen gehört, auch nicht in der Schule, noch stolperte ich in Buchhandlungen über den Namen Keun, obwohl ich mich seit je für Literatur interessierte und irgendwann, irgendwo, irgendwie von der Autorin doch gehört oder gelesen hätte haben müssen. Das irritierte mich. War dies meiner Ignoranz geschuldet? In einem nicht repräsentativen Feldversuch habe ich Menschen unterschiedlichen Alters nach dieser Schriftstellerin gefragt. Die meisten wussten erstaunlicherweise wie ich mit Keun nichts oder kaum etwas zu verbinden. Nur zwei Befragte bezeichneten sie spontan als „großartige Schriftstellerin“ und konnten Titel ihrer Werke nennen.

2. Grundsätzliches zur vorliegenden Publikation: 2009 haben die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Wüstenrot Stiftung gemeinsam eine Publikationsreihe ins Leben gerufen mit dem Ziel, wichtige Werke deutschsprachiger Literatur wieder zugänglich zu machen. Verlagsheimat für das Projekt ist der Wallstein Verlag. 2017 erfolgte eine Neuausrichtung dieser Editionsreihe. Unter dem sperrigen Titel „Bibliothek Wüstenrot Stiftung, Autorinnen des 20. Jahrhunderts“ werden nun herausragende Autorinnen des letzten Jahrhunderts gewürdigt, deren Werke vollständig und kommentiert vorgelegt und mit einem Essay von SchriftstellerkollegInnen eingeleitet werden, die gleichsam als Patin/Pate fungieren, ihren Bezug zur vorgestellten Autorin darlegen und in deren Publikationen einführen. Nach einiger Verzögerung liegt jetzt die erste Veröffentlichung vor, die sich der Literatur und dem Leben Irmgard Keuns widmet. Weitere Publikationen zu den Schriftstellerinnen Annette Kolb, Hermynia Zur Mühlen und Mechtilde Lichnowsky sind im Entstehen.

3. Die Schriftstellerin: Irmgard Keun veröffentlichte 1931 ihren ersten Roman „Gilgi, eine von uns“. Schon 1932 folgte ihr zweiter Roman „Das kunstseidene Mädchen“. Beide Bücher wurden Bestsellererfolge und machten sie schlagartig berühmt. Vier weitere Romane folgten: die drei im Exil publizierten Bücher „Nach Mitternacht“ 1937, „D-Zug dritter Klasse“ 1938 sowie „Kind aller Länder“ 1938 und 1950 Keuns letzter Roman „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“. Außerdem schrieb sie eine Fülle von Geschichten, Glossen und anderen Texten, darunter auch wenige Gedichte, die in Buchform, in Zeitschriften und im Rundfunk veröffentlicht wurden. Ihr letztes Buch „Blühende Neurosen“ erschien 1962, eine Sammlung medienkritischer Glossen. Darüber hinaus sind viele ihrer Briefe erhalten. Einige wurden in die Werkausgabe aufgenommen, etwa jene an den Schriftsteller Hermann Kesten oder der als gemeinsame Publikation geplante „Briefwechsel für die Nachwelt“ mit Heinrich Böll, der allerdings zu Lebzeiten nicht als Buch realisiert werden konnte.

4. Keuns Leben: Irmgard Keun wurde 1905 in Köln geboren, jener Stadt, in der auch etliche ihrer Texte angesiedelt sind. Sie war ausgebildete Schauspielerin, hatte 1927-1929 einige Theaterengagements. Ab 1931 trat sie als Schriftstellerin in Erscheinung, debütierte mit dem Roman „Gilgi, eine von uns“, der 1932 verfilmt wurde. Im selben Jahr erschien der Roman „Das kunstseidene Mädchen“. Nach Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 standen ihre Romane auf den Vorläufern der „Schwarzen Listen“, ihr zweiter Roman wurde als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“ eingestuft und aus Bibliotheken und dem Buchhandel entfernt. Ab 1935 standen schließlich beide Romane auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Keuns Möglichkeiten zu publizieren waren zunehmend eingeschränkt, ihre finanzielle Lage prekär. Sie hielt sich als freie Schriftstellerin mit der Veröffentlichung kürzerer Texte (Novellen, Märchen, Glossen) in Zeitungen über Wasser, bezeichnete sich in jenen Tagen sarkastisch als „Schriftstellerfabrik“, ihr Schreiben als „Fabrikbetrieb“, die entstandenen Texte als „läppische“ oder „kleine gängige Geschichten“. Oft zieht sie in diese betont harmlosen feuilletonistischen Glossen einen doppelten Boden ein und bringt sie so indirekt mit den politischen Verhältnissen in Beziehung. Ihre eigentliche Liebe jedoch galt immer dem Roman:

„Ich mach’ mir letzten Endes verflucht wenig draus, kleine Sachen zu schreiben. Ich fang nun mal erst an, meine Menschen erst von der 40. Seite an zu lieben. Und erst ab der 100. Seite kann ich mich richtig mit ihnen verständigen und an ihrem fremden Leben restlos teilnehmen. So geht’s mir ja auch im normalen Leben.“ (Zitiert aus einem Brief an ihren Geliebten Arnold Strauss, 13.6.1934)

Und am 14.4.1934 schreibt sie in einem Brief:

„Ich kann nur Romane und hab’ auch nur daran Freude. Aber lernen kann man schliesslich auch beim grössten Quatsch.“

1936 emigrierte Keun nach Ostende. Im Exil erschienen rasch hintereinander der Geschichtenzyklus „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“, der später als Roman rezipiert wurde, und drei Romane, die sogleich in zahlreiche europäische Sprachen übersetzt und von der Kritik zum Teil begeistert, zum Teil verhalten aufgenommen wurden. Keun pflegte im Exil den Umgang mit anderen geflohenen Autoren, etwa Joseph Roth und Hermann Kesten, die ihr eigenes Schreiben bereicherten. Nach der Besetzung der Niederlande 1940 tauchte Keun unter und flüchtete unter falschem Namen zurück nach Deutschland. Hier lebte sie illegal an wechselnden Orten. Nach dem Krieg arbeitete Keun zunächst als Rundfunkautorin, ab 1947 neuerlich für Zeitungen, publizierte mehrere Bücher, u.a. „Bilder aus der Emigration“, das ein fiktionalisiertes Porträt ihrer Exilzeit sowie den Gedichtzyklus „Lieder der Flüchtlinge“ enthält, und 1950 den schon erwähnten Episodenroman „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“. Keun hatte in Briefen wiederholt von ihren Alkoholproblemen berichtet, litt an bis ins Suizidale gehenden Depressionen und hatte immer wieder mit existentiellen Schreibkrisen zu kämpfen. Nach der Veröffentlichung ihres letzten Buchs 1962 verstummte sie literarisch, lebte zurückgezogen in Krankheit und Vergessenheit. Erst 1970er Jahren wurde Keun von der Öffentlichkeit wiederentdeckt, Neuausgaben ihrer Romane folgten, doch kein neues Buch mehr. 1982 starb sie in Köln – am 7.Mai 2017 jährte sich ihr Todestag zum 35. Mal.

5. Das Werk - ein Monsterprojekt: 3 Bände, rund 1600 Seiten Literatur, insgesamt 2044 Seiten umfasst die vorliegende Ausgabe, in die alle derzeit erreichbaren Texte aufgenommen wurden, die Irmgard Keun in Buchform, im Rundfunk, in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht hatte. Manche Texte lagen in verschiedenen Varianten vor, da Keun ihre Arbeiten u.a. aus Geldnot über längere Zeiträume hinweg zuweilen mehrfach bearbeitet und in unterschiedlichen Kontexten publiziert hatte, wobei in „Das Werk“ zumeist die Erstdrucke veröffentlicht und die Varianten dann im Kommentar belegt und verglichen wurden. Bei den Recherchen konnten obendrein rund 20 bislang unbekannte Arbeiten der Schriftstellerin entdeckt und aufgenommen werden. Gleichwohl sei damit zu rechnen, so die HerausgeberInnen Heinrich Detering und Beate Kennedy, dass in Zukunft vereinzelt noch weitere, bisher unbekannte kürzere oder Versionen bereits publizierter Texte gefunden werden.

Keuns literarische Arbeiten entstanden in drei Werkphasen, die durch politische Umstände und zuletzt durch private Turbulenzen unterbrochen wurden. Die vorliegende Gesamtausgabe folgt diesen Werkphasen. Band 1 trägt den Titel „Weimarer Republik“ und erfasst die 1931-1933 erschienen Texte. In Band 2 „NS-Deutschland und Exil“ sind alle von 1933-1940 veröffentlichten Texte enthalten, in Band 3 „Nachkriegszeit und Bundesrepublik“ jene von 1946-1962. Es erstaunt, mit welcher Unbeugsamkeit die Autorin auch in Zwangslagen an ihrem Schreiben festhielt und dass sie nach Brüchen trotz widrigster Umstände Kraft und genügend Motivation fand, noch einmal neu zu beginnen. Wie Keuns Werke, im Besonderen ihre vielschichtigen Romane, die Verwerfungen des letzten Jahrhunderts widerspiegeln, ist beeindruckend. Lustvoll spielt sie darin immer wieder mit der eigenen Biographie, fiktionalisiert Erlebnisse und Begebenheiten und legt zugleich das politische und soziale Zeitgeschehen frei, das immer ganz nah an Keuns Schreibzeit lag. Sie erzählt vom alltäglichen Leben der kleinen Leute, die zumeist in größeren Städten leben und von den Zeitläufen gebeutelt sind. Hauptpersonen sind oft Frauen, die scheinbar naiv aus der Ich-Perspektive heraus plappern, doch dabei so viel mehr erzählen, als sie wissen.

Eine thematische Konstante in Keuns Werk ist die Darstellung von Geschlechterrollen und –beziehungen, die sich wandeln. Auffallend in beinahe allen Geschichten ist zudem ihre Erzählökonomie, sind die satirischen, parodistischen Zuspitzungen, die durchaus auch in bitteren Sarkasmus abgleiten, der nah an den Schmerz führt. Fazit: Will man erfahren, was in den 1930er und 1940er Jahren passierte, kann man Geschichtsbücher zu Rate ziehen. Will man aber wahrnehmen und begreifen, wie es sich anfühlte, in diesen Zeiten zu leben, sollte man Bücher wie jene von Irmgard Keun lesen, um zu wissen.

Eingeführt wird diese Werkausgabe von der Schriftstellerin Ursula Krechel, die als Patin fungiert. Zu Beginn ihres Essays erzählt sie von ihren ungeschickten Versuchen, als junge Frau in den 70er Jahren Kontakt zur scheuen und wortkargen Irmgard Keun aufzunehmen und gibt Teile eines misslingenden Interviews wieder, ehe sie einen Überblick über das Werk der von ihr bewunderten Schriftstellerin gibt. Begleitet und abgerundet wird diese Werkausgabe vom sorgfältig erstellten, äußerst umfangreichen, dennoch spannend zu lesenden Kommentar, der die „Begleitmusik“ darstellt, in die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Werks einführt, politische Hintergründe erläutert und in Beziehung setzt, sowie die zum Teil völlig unterschiedliche Rezeption ihrer Werke vor und nach dem 2. Weltkrieg vor Augen führt. Auch auf Keuns Position als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit sowie ihre sprachlichen und erzählerischen Mittel wird näher eingegangen, zu denen u.a. ihre „filmische“ Schreibweise zählt. Von besonderer Aussagekraft sind aber die persönlichen Zeugnisse Keuns über ihr Leben und Schaffen, das uns vor allem durch Zitate aus erhalten gebliebenen Briefen, die sie von 1933-1947 an ihren bereits in die USA emigrierten Geliebten Arnold Strauss schrieb, begreifbar wird und uns eine hellsichtige Schriftstellerin mit vielen persönlichen und literarischen Facetten zeigt. Oder wie es Ursula Krechel ausdrückt: „eine Schriftstellerin auf Messers Schneide“.

Irmgard Keun · Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (Hg.) · Wüstenrot Stiftung (Hg.) · Heinrich Detering (Hg.) · Beate Kennedy (Hg.)
Das Werk
Mit einem Essay von Ursula Krechel
Wallstein Verlag
2017 · 2044 Seiten, 3 Bände · 39,00 Euro
ISBN:
978-3-8353-1781-9

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge