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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Nur scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten

Hamburg

»So grausam starb die Künstlerin – so schadenfroh war die Schlagzeile. Wir hatten ein Wunder erlebt und auf ein weiteres Wunder gehofft. Wir lebten im Glauben – einst hoffnungsvoll, seitdem trostlos -, die Realität sei nach Belieben wandelbar

Mir diesen Sätzen beginnt der Roman Das Gift der Biene von Isabel Fargo Cole und diese wenigen Worte fassen den Inhalt des Buches treffend zusammen. Geht es doch für die jungen Protagonisten, die eine Zeit lang in einem ehemals besetzten, nun renovierten Haus mit billiger Miete zusammenwohnen, um die Suche nach dem richtigen Leben.

Wir befinden uns in Ostberlin in der Mitte der 1990iger Jahre und es ist ein buntes Häufchen, das sich da zusammengefunden hat. Da wäre beispielsweise Meta, die dort einen Salon betreibt, in dem Bewohner und Besucher über Gott und die Welt reden, über Kapitalismus, Sozialismus, über Vor- und Nachteile der neugewonnenen Freiheit. Neben Meta gibt es noch Wolfgang, ein ehemaliger Grenzsoldat, und viele andere Mitbewohner. Zu dieser Gruppe stößt die Amerikanerin und Ich-Erzählerin Christina, die in der Nachwendezeit und in dem Leben dieser Wohngemeinschaft unbegrenzte Möglichkeiten sieht, hat sie sich doch bereits in ihrem Studium mit Utopien beschäftigt.

Doch nach einer Phase der Unbeschwertheit, während der sie sich in den eigenbrötlerischen Wolfgang verliebt, lernt sie, dass sich die Vergangenheit ihrer Freunde nicht ausblenden lässt. Meta hat als Punkerin in der DDR die Härte des Regimes kennengelernt und Wolfgang als Grenzsoldat im Harz wahrscheinlich – so ganz eindeutig sagt er das nie – einen Menschen bei dessen Flucht erschossen. Als schließlich die Malerin Vera auftaucht, wird das Zusammenleben recht schwierig. Denn Vera bringt eine geheimnisvolle Geschichte über ihre Familie mit, von der bis zum Schluss nicht klar wird, was Realität und was erfunden ist. So richtig weiß Vera das selbst nicht, aber sie ist immer auf der Suche nach irgendetwas, nach sich selbst, ihrer Familie und es wird zunehmend deutlich, dass sie depressiv und voller Angst ist. Auch ein Wunderrabbi wird mit ihrem Namen in Verbindung gebracht, aber auch das löst sich als unwahrscheinlich auf.

Nicht nur bei Vera bleibt vieles im Ungewissen, auch die anderen Bewohner sind ständig auf der Suche nach Wahrheit. Dann geschieht das, was sie Wunder nennen. Der Blick in ein Wasserglas, der ihnen andere Sichtweisen offenbart.

»Was soll ich denn sehen können?«, fragte ich. Und sah es doch schon.
Glich es einer Spiegelung, einem fernen, umgekehrten Abbild, das sich wieder aufrichtet, scharfstellt, in den Brennpunkt rückt? Oder einem Vexierbild, das sich im Spiegel entzerrt? Lag das Bild auf dem Wasser, darunter, darüber, unter meiner Schädeldecke? Egal: Stimmen bekamen Gesichter, Gestalten gerieten zwischen meine Hände, so klar, dass die Form des Ganzen genauso greifbar vor mir liegen müsste, sähe ich nur richtig hin.

Es gibt Überlegungen, ob dieser »Wunderrabbi « etwas damit zu tun haben könnte und ein paar Seiten später heißt es:

Auch untereinander war es schwer, über Wunder zu reden, es kam auch gar nicht so darauf an. Sondern darauf, dass wir einander mit anderen Augen sahen, schon durch die neuen Launen, Pläne, Stärken, Schwächen, die zum Vorschein kamen. Wir vertrauten einander, waren doch alle im selben Boot, hatten dieselbe Schwierigkeit, das Geschehene mitzuteilen.

Es geschieht noch sehr viel im Verlauf der weiteren Handlung und auch wenn es zu Beginn nicht den Anschein hat, hängt doch alles miteinander zusammen. Es ist schon beeindruckend, welche Themen Isabel Fargo Cole in diesem klug und raffiniert komponierten Roman thematisiert und wie sie die Fäden verknüpft.

Vorerst löst das »Wunder« bei den Protagonisten ungeheure Aktivitäten aus, denn, klein wie es war, ließ es all die hässlichen Realitäten schillern, die leicht umgewandelt, Vorstellungen, die umgedacht werden können.

Aber, wie schon der Anfang nahelegt, lässt sich die Realität nicht auf Dauer ausblenden. Meta stirbt fast durch den Stich einer Biene und Vera kommt durch vergessene Munition auf dem Gelände um. Aber auch diese Ursache des Unglücks ist wieder keineswegs sicher.

Isabel Fargo Cole
DAS GIFT DER BIENE
Edition Nautlius
2019 · 224 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-96054-196-7

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