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Komm! Ins Offene haus für poesie
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Komm! Ins Offene haus für poesie
Kritik

Alles ist wichtig, alles ist erlaubt

Jan Faktor und Annette Simon haben eine Auswahl aus Ivan Blatnýs „Hilfsschule Bixley“ übersetzt
Hamburg

Der tschechische Dichter Ivan Blatný, 1919 im mährischen Brünn (Brno) geboren, wuchs, frei von materiellen Sorgen, in gutbürgerlichem Elternhaus auf, der Vater war Dichter und Dramatiker, und sein Sohn folgte ihm nach, schon mit 14 begann er zu dichten, mit 17 schloss er sich in Brünn einer surrealistischen Gruppe an und wurde alsbald als eine der neuen großen Begabungen der tschechischen Gegenwartsdichtung gefeiert. Dann kamen die Deutschen, Brünn wurde besetzt, wurde Teil des sogenannten Protektorats Böhmen und Mähren. Trotzdem konnte Blatný mehrere Gedichtbände veröffentlichen. Kurz nach der kommunistischen Machtübernahme im Frühjahr 1948 aber kehrte er von einem Stipendienaufenthalt in England nicht zurück. Der BBC sagte er, er hätte in der Tschechoslowakei nicht weiter frei leben können – die Dichtergruppe, der sich Blatný zugehörig fühlte, die Gruppe 42, war verboten worden.

Für Blatný war die Entscheidung folgenreich: Mit dem harten, entbehrungsreichen Leben im Nachkriegsengland kam er nicht zurecht, binnen weniger Monate entwickelte er Zwänge und paranoide Ängste. Schon im September 1948 wurde er das erste Mal in die Psychiatrie eingewiesen, ein Vorgang, der ihm aus der Zeit der deutschen Besatzung während des Kriegs bereits vertraut war – da hatte er sich zu seinem Schutz zweimal gewissermaßen in der Psychiatrie versteckt, eine durchaus riskante Praxis, wie wir heute wissen, aber das Vorgehen der Nazis gegen Psychiatriepatienten war Blatný damals wohl nicht bekannt. In England hatte er Glück, die Psychiatrie war fortschrittlich, er wurde als voluntary (Freiwilliger) geführt, hatte ein wenig Privatsphäre und Ausgang.

Unvorstellbare 38 Jahre lebte Blatný in verschiedenen Kliniken, eingebunden in einen Alltag, der ihm Struktur gab und Zeit für alles Mögliche ließ, und bezog Sozialhilfe. Lange, sehr lange Zeit schrieb er nicht – das heißt, eigentlich weiß man es nicht, jedenfalls blieb mehr als zwanzig Jahre hindurch nichts von vielleicht doch auf Toilettenpapierstreifen gekritzelten Notizen erhalten. Das änderte sich erst Ende der siebziger Jahre, als die Krankenschwester und Hebamme Frances Meacham, auf Bitten von Brünner Freunden, den hospitalisierten Dichter aufsuchte, ihn zum Schreiben ermutigte und begann, seine Notate zu sammeln. Sie schickte sie an den tschechischen Exil-Verlag 68 publishers, der 1971 von Josef Škvorecký und seiner Frau Zdena Salivarová in Toronto gegründet worden war, und dort erschien 1979 nach über dreißig Jahren wieder ein Gedichtband von Blatný: „Alte Wohnsitze“. Im Jahr darauf besuchten ihn der Journalist Jürgen Serke, der Schriftsteller Jiří Gruša und der Fotograf Wilfried Bauer, die zusammen eine Reportage für den „Stern“ schrieben, die als zwölfter Teil in der Serie „Die verbannten Dichter“ unter dem Titel „Flucht ins Irrenhaus“ herauskam und Blatný über die Emigrantenkreise hinaus bekanntmachte – er bekam Hilfsangebote und endlich auch eine Schreibmaschine.

Die „Hilfsschule Bixley“, aus der der Schriftsteller Jan Faktor zusammen mit seiner Frau Annette Simon, die Psychologin ist, eine Auswahl übersetzt hat und die, mit Kommentaren und einem informativen Nachwort versehen, in einem wunderschönen, azurblau leuchtenden Band in der Edition Korrespondenzen erschienen ist, ist ein Kondensat der jahrzehntelangen harten Lebensschule in „Bixley Ward“, der Krankenhausabteilung, in der Blatný untergebracht war. Blatný, vor dem Krieg einer der berühmtesten surrealistischen Dichter tschechischer Schule, ist sein ganzes Leben lang dem Surrealismus treu geblieben und hat sich, sicher befördert durch seine geografische und soziale Isolation, einen undogmatischen Surrealismus der ersten Stunde bewahrt, was für ihn bedeutete:

ALLES, WAS MIR EINFÄLLT, HAT SINN, AUFGESCHRIEBEN ZU WERDE, ALLES IST WICHTIG, ALLES IST ERLAUBT.

Wie viel das mit der von Breton und seinem Kreis entwickelten écriture automatique zu tun hat, bleibe dahingestellt; vielleicht ist es auch ein künstlerisch weiterentwickeltes therapeutisches Schreiben, ein Schreiben also, das an die vorsurrealistischen Ursprünge zurückkehrt. Auch die écriture automatique war ja zunächst ein vom französischen Psychotherapeuten Pierre Janet entwickeltes Verfahren, bei dem ein Patient, eine Patientin in Halbschlaf, Trance oder unter Hypnose zum Schreiben angehalten wurde, um Unbewusstes ins Bewusstsein zu heben, neue Ideen oder Ideenkombinationen oder Assoziationen zu entwickeln und dadurch verdrängte Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten. Die Surrealisten instrumentalisierten die den Psychologen entwendete Methode dann gewissermaßen zur Kreativitätserweiterung.

Bei Blatný kommen nun zwei Dinge zusammen: Die Spielart des zwar von den Franzosen und Spaniern inspirierten, aber doch einen sehr eigenen Charakter und Humor besitzenden tschechischen Surrealismus (die leider im Ausland, zumal in Deutschland, viel zu wenig bekannt ist). Und sein Psychiatrie-Alltag, in dem er der künstlerisch vertrauten Methode, in den medizinischen, therapeutischen Kontext zurückkatapultiert, wiederbegegnet. War die Flucht ins Krankenhaus nicht nur Lebensuntüchtigkeit und Flucht vor vermeintlichen Geheimdienstspitzeln, sondern vielleicht auch die einzige Möglichkeit zur Rettung einer dichterischen Technik? Der Status als Patient beschützte nicht nur ihn als Person, sondern auch Blatnýs Dichtertum – er galt ja ohnehin als „verrückt“, also konnte er seine innere Zensur auf ein Minimum herunterschrauben und die inneren und äußeren Stimmen, viersprachig (Tschechisch, Englisch, Französisch, Deutsch), ungezügelt sprechen lassen: Er musste niemanden beeindrucken, keine Preise gewinnen, kein Geld verdienen – die beste Voraussetzung für diese Art des Schreibens, das hatte auch André Breton im ersten „Surrealistischen Manifest“ von 1924 formuliert:

„Schreiben Sie schnell, ohne vorgefasstes Thema, schnell genug, um nichts zu behalten, oder um nicht versucht zu sein, zu überlegen.“

Film, Dichtung, bildende Kunst, Fotografie, Grafik werden in Tschechien bis heute vom Surrealismus geprägt. In den sechziger und siebziger Jahren, mit dem Beginn einer neuen künstlerischen Blüte nach den Jahren des dogmatischen sozialistischen Realismus und dann nach dem Abtauchen in den Untergrund infolge der Niederschlagung des Prager Frühlings, war das Wiederanknüpfen an die erste Generation tschechischer Surrealisten ungeheuer stark. Die Bände mit Texten von Blatný, die die kanadischen Exil-Verleger Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre herausbrachten, stießen daher auf großes Interesse – nicht nur bei den Schriftstellern der älteren Generation, die Blatný noch von früher kannten, sondern auch bei den jüngeren, für die er ein neuer, neu zu entdeckender Autor war. Schon 1981 erschien der erste im Exil verlegte Band Blatnýs dann auch in der Tschechoslowakei im Samisdat.

Im Jahr seines Wiedererscheinens, 1979, als „Alte Wohnsitze“ herauskommt, besucht auch der inzwischen international anerkannte, gerade mit einem DAAD-Stipendium in Berlin lebende Künstler und Dichter Jiří Kolář, auch er vom Surrealismus geprägt, von Max Ernst, vom Dadaismus und Kurt Schwitters, den wiederauferstandenen Blatný und ermuntert ihn, eine Art dichterisches Tagebuch zu führen, in dem er alles Raue, Alltägliche festhalten solle. Dass Blatný die Kernfassung der „Hilfsschule Bixley“ nach Kolářs Besuch in nur drei Wochen niedergeschrieben hat, ist sicher auch der Ermutigung durch den etwas älteren Kollegen zu verdanken.

Natürlich ist es furchtbar schwer, Blatnýs Gedichte zu übersetzen, selbst wenn sich ein Dichter, dessen Muttersprache Tschechisch ist und der seit dreißig Jahren in Deutschland lebt, Jan Faktor, sowie eine Psychologin, die aus berühmtem Schriftstellerhause stammt, Annette Simon, zusammentun. Blatnýs Gedichte sind eine Assoziationsmaschinerie, kalauernd, voller Redundanzen, Geistesblitze, Zufälle, Zitate, sie ziehen Gegenwart und fernste Erinnerungen, den englischen Klinikalltag, Fernsehnachrichten und das ferne, unerreichbare, nie wiedergesehene Brünn mit seinen ehemaligen Dichterfreunden in einen Vers zusammen, wechseln dabei von einer Sprache in die andere und reimen über die Sprachgrenzen hinweg – unmöglich zu „verstehen“, mit dem Kopf, was Blatný meint, worauf er anspielt, was er in einer „Geschirrtruhe“ findet, zusammensteckt:

Minority

In der Geschirrtruhe liegt die Tasche der alten Blašková
I should be very glad if the bus was allowed in the kitchen

The moon does
we all do circling round mothers

Ich bekam mit achtzehn alle Vollmachten
I decided to triumph.

Aber darum geht es nicht. Es geht darum, sich der „Musik der Bedeutungen“ – so charakterisierte Blatný in einem späten Interview seine Dichtung – zu überlassen, und die Betonung liegt auf „Musik“ UND „Bedeutung“. Es ist nicht-paraphrasierbare Dichtung, man muss sie lesen, sich vorlesen, den Kopf schütteln, sich ihr anvertrauen, sich von ihr wegtragen lassen vom eigenen Verstand. Vieles rieselt beim Lesen nur durch einen hindurch. Aber manches ist so hakenschlagend, irrwitzig komisch, dann wieder rührend, schlagfertig, lebensgierig, lakonisch, dass es einen voll in Magen, Augen, Herz, Lunge, Nieren, Kniekehlen trifft. Blatný ist ein großer tschechisch-englischer Narr, mit allen dichterischen Vollmachten. He has triumphed.

Ivan Blatný
Hilfsschule Bixley
Aus dem Tschechischen und mit einem Nachwort von Jan Faktor und Annette Simon
Edition Korrespondenzen
2018 · 240 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-902951-31-1

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