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Kritik

„Der Krieg hat alles verändert“

Iwan Bunins Erzählungen der Kriegs- und Revolutionszeit 1916-1919
Hamburg

Zu den Autoren, die Thomas Mann aufrichtig bewunderte und zu deren Büchern er zeit seines Lebens immer wieder gerne griff, gehörte Iwan Bunin. Die entsprechenden Leseeindrücke sind in zahlreichen Tagebuchnotizen festgehalten.

Von den 18 Erzählungen dieses Bandes sind acht nun erstmals auf Deutsch erschienen, übersetzt von Dorothea Trottenberg. Sie entstanden in den Jahren 1916 bis 1919, unmittelbar vor Bunins Auswanderung nach Frankreich, wo er den Rest seines Lebens verbrachte; nach Russland kehrte er nie wieder zurück. Zuvor hatte sich der Antibolschewist Bunin bereits vom hochpolitisierten Moskau ins vermeintlich ruhigere, da zu diesem Zeitpunkt noch ukrainisch-unabhängige Odessa zurückgezogen (das 1919 sowjetisch wurde, was den Auslöser für seine Flucht lieferte). Wenig verwunderlich sind seine Erzählungen dieser Zeit geprägt von den Eindrücken des Ersten Weltkrieges sowie der Oktoberrevolution 1917 und ihrer Folgen. Der Band schließt an an die ebenfalls im Dörlemann 2017 veröffentlichten Erzählungen Bunins der Jahre 1914/1915. Für die historische und literaturgeschichtliche Einordung sorgt auch diesmal wieder Thomas Grob, der ein ebenso lesenswertes wie fundiertes Nachwort beisteuert.

Neben den Tagebüchern und kleineren feuilletonistischen Arbeiten entstanden in den drei Jahren vor seiner Übersiedelung nach Frankreich einige der bekanntesten Erzählungen Bunins. Der Duktus der meisten Texte ist melancholisch-fatalistisch, jedoch selten pessimistisch. Kriegs- und Revolutionsgeschehen treten eher am Rande auf, etwa als Gegenstand von Gesprächen unter der Landbevölkerung. Das eigentlich konstitutive Element seiner Text aus dieser Zeit sind die eindrücklichen atmosphärischen Beschreibungen, Landschaften, Empfindungen, Geräusche, Gerüche.

In „Changs Träume“ schildert er das Erleben aus der Perspektive eines Hundes, Trinker wie sein Herr, der das Unglück seines Besitzers nacherlebt. In der titelgebenden Erzählung „Leichter Atem“ geht es um eine 16-jährige Gymnasiastin – in Bunins Geschichten geht es häufig um junge Frauen –, die aufgrund der ihr unterstellten moralischen Lasterhaftigkeit auf eine Katastrophe zusteuert. Wenngleich nur 12 Seiten lang, lassen sich hier Anklänge zu Tolstois „Anna Karenina“ ausmachen. Doch geht Bunin einen Schritt weiter. Seine Protagonisten Olja will sich mit den Vorwürfen ihrer Umgebung nicht einfach abfinden. Auf die Kritik der Schulleiterin an ihrem unmädchenhaft-anzüglichen Auftreten reagiert sie mit dem Hinweis, dass sie längste eine Frau sei, was dem 56-jährigen Bruder der Lehrerin zuzurechnen sei; aus heutiger Sicht, und wohl auch in Bunins Augen, also eindeutig eine Vergewaltigung. 

Neben der russischen Landbevölkerung tauchen auch immer wieder Bunins ausführliche Reiseerfahrungen in den Texten auf. Sowohl jene in Asien und vor allem im damaligen Ceylon, was eine Anknüpfung an seine wohl berühmteste Erzählung „Ein Herr aus San Francisco“ darstellt, als auch von ausgiebigen Reisen in Europa, die Bunin in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unternommen hatte.

Von den Zeitgenossen wurde Bunin als unvergleichlicher Stilist geschätzt, auf Augenhöhe mit Tschechow oder Tolstois (nicht Dostojewski, den Bunin nicht ausstehen konnte). Die nun im Rahmen der Gesamtausgabe erschienenen Erzählungen der Jahre 1916 bis 1919 unterstreichen dies. Autobiografisch markieren sie den Abschluss einer prägenden Phase in Bunins Leben, historisch eine wichtige Wegmarke in der russischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. 

Iwan Bunin
Leichter Atem
Verhängnisvolle Affären
Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Grob Neu- und Erstübersetzungen
Dörlemann
2020 · 288 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
9783038200734

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