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Kritik

Der deutsche Horaz (1604-1668)

Hamburg

Wer war Jacob Balde? Die abgegriffene Antwort auf diese Frage lautet „der deutsche Horaz“, womit Balde endgültig der literarische Garaus gemacht wird. Denn die Bezeichnung legt nicht nur nahe, dass er bestenfalls ein raffinierter Nachahmer gewesen sei, sondern anonymisiert ihn zugleich, lässt ihn ins Massengrab der Altvorderen fallen, um die wir uns zum Glück nicht mehr zu kümmern brauchen. Ironischerweise ist es die Tatsache, dass Jacob Balde auf lateinisch schrieb, die ihn, wie viele andere sogenannt humanistische Dichter, ins Abseits befördert hat, jenseits der Literaturen, für die sich die Intellektuellen dieser oder jener nationalsprachlichen Prägung verantwortlich fühlen. Dabei empfand Balde selbst den Sachverhalt gerade umgekehrt. In seinem Gedicht „Melancholia“ beklagt er, ganz Deutschland sei ihm ein Kerker (tota mihi ... Germania carcer), aus dem ihn nur der freie Geist und die göttliche Poesie befreien könnten, die es ihm sogar ermöglichen würden, die „wolkentragenden Alpen“ zu überqueren. Die Poesie war die lateinische Poesie, der eben keine engen deutschen Grenzen gezogen waren, weder geographische noch zeitliche; denn auf lateinisch wollte er an Horaz, Vergil, Juvenal anknüpfen und alles Provinzielle hinter sich lassen. Da sich aber die Provinzen durchgesetzt haben, ist der deutsche Horaz heute zu Unrecht namenlos. Gegen dieses Unrecht ist nun die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung vorgegangen, die Baldes Satyra contra abusum tabaci in einer zweisprachigen Ausgabe mit einer sehr lesbaren deutschen Prosaübersetzung sowie einem Nachwort und Kommentaren von Alexander Winkler vorgelegt hat.

Jacob Balde war Jesuit, Dichter und Raucher. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges studierte er im Zug der Gegenreformation an einer jesuitischen Hochschule, wo ihm die humanistische Bildung eingepfropft wurde, von der seine zahlreichen neulateinischen Texte zehren, insbesondere der geschmeidige Umgang mit dem Latein. Nebenbei qualmte der Humanist wie ein Schlot und muss fürchterlich gelitten haben, als die jesuitischen Oberen den Ordensleuten im Jahr 1655 das Rauchen oder „Tabaktrinken“ untersagten. Vermutlich um sich mit seiner unglücklichen Situation zu arrangieren, verfasste er die „Satire wider den Tabakmissbrauch“, in der er sich, wie er in der Vorrede selbst erwähnt, an den klassischen römischen Satirikern orientiert, Horaz und Juvenal, zwar „ohne die Nächte des Persius“, sprich, ohne die stilistischen Schwierigkeiten, für die Persius berüchtigt ist, aber doch mit dem Anspruch, den Vorbildern ebenbürtig gegenüberzutreten, wie sich schon an der für eine Satire bemerkenswerten Länge von über tausend Hexametern zeigt.

Es ist wohl kaum die Aktualität des Themas, die Baldes Satire interessant macht. Man mag eine gewisse Befriedigung empfinden, wenn man, gerade einer nikotingeschwängerten Silvesterparty entkommen, Verse wie die folgenden liest:

O qualis facies et quali digna tabella,
Si video longa manantia labra saliva. (III.6-7)           

O, welch ein Gesicht, welch eines Gemäldes wert! –
wenn ich sehe, wie ihm der Speichel in langen Fäden von den Lippen hängt.

(Winklers Übersetzung)

Insgesamt verhindert jedoch, Gott sei Dank, der artifizielle Bau der Verse eine ungefilterte Anwendung auf unseren psychologischen Zustand im 21. Jahrhundert. Baldes Satire lässt sich nicht problemlos in unseren Diskurs einpassen, und deswegen ist sie interessant. Man rückt dem Autor schon näher, wenn man ihn als typischen Dichter des deutschen Barock neben Gryphius stellt. Die Entsetzlichkeit des Krieges und die Allgegenwärtigkeit des Todes prägen Baldes Werk, ja man könnte die Tiraden gegen die Verwüstungen, die der Tabakkonsum anrichtet, als Klage über den Krieg lesen. Die Doppelung von Tod und Tabak findet sich in der Satire von Anfang an, wenn es heißt, dass „nicht einmal sieben Begräbnisse einen solchen Gestank ausstoßen“ wie ein Raucher mit seiner schlechten Ausdünstung (I.5-6), und gipfelt in einem Vergleich der Tabaksucht mit der Pest, der auf lateinisch eng geflochten ist, da „pestis“ beide Plagen bezeichnet:

            In pestem solam pestis valet fugandam.
            Sunt consanguineae. (XXVII.2-3)

            Diese Plage vermag nur die Pest zu vertreiben.
            Beide sind blutsverwandt

(Winklers Übersetzung)

Zuletzt werden die Plagen zu zweit zu den Toren der Unterwelt gesandt, wo eine dritte Furie auf sie wartet, die Schlacht in Person, die als Keule eine Zypresse trägt, Symbol für den Tod:

            Vos ad avernales expectat tertia portas:
            Nuda pedes, exserta sinus, armata cupressu,
            Vivaces diffusa comas surgentibus hydris. (XVII.10-12)

            Euch erwartet die dritte Schwester bei den avernischen Toren:
            Sie ist barfuß, hat ihre Brüste entblößt, eine Zypresse[1] als Waffe,
            und trägt in alle Richtungen lebhaft züngelndes Schlangenhaar.

(Winklers Übersetzung, angepasst)

Jacob Baldes Satire kann deshalb als barockes Memento mori gelesen werden, und so endet das Gedicht auch mit einem „Epilog über die Kürze des Lebens“ und dem Spruch: „Schleichend zerfließen wir alle / ins Meer wie die Wasser“ (XXXI.23-24).

Gleichzeitig ergießt Balde seinen Spott über das barocke Mantra. Unter der Überschrift „Vanitas vanitatum etc.“ erwägt er, ob die Raucher ihr Laster mit Vergänglichkeitsfloskeln übertünchen könnten: „Was ist schon das Leben des Menschen? – ... Rauch, Luft, Dampf“ (VI.4-5). Doch verschüttet er Süchtigen den einfachen Ausweg mit einer weiteren Spottflut, die sie mitsamt ihrer Gebetsmühle beiseite wäscht:

            Tantum Bertrandus (res compertissima) paeti
            Intra aliquot menses exsorbet faucibus unctis,
            Tres anno ut quovis Brasilas emulgeat orcas. (VI.16-18)

            Bertrandus – das ist allgemein wohlbekannt –
            schmaucht mit seinem geölten Schlund innerhalb weniger Monate so viel,
            dass er jedes Jahr drei Tabaktonnen aus Brasilien[2] leert.

(Winklers Übersetzung)

Der Dichter wendet sich vom barocken Beschwören der vanitas ab und folgt weiter dem Gang seiner römischen Satire. Obwohl man also die typischen Züge seiner literarischen Epoche in Baldes Satire nicht unterschätzen sollte, wäre es ein Missverständnis, sie auf Kosten ihres antik-römischen Gestus zu gewichten. Denn wie zu Beginn erwähnt, betrachtet Balde die neulateinische Dichtung unter anderem als eine Fluchtmöglichkeit aus den deutschen Gegebenheiten, in denen er nun einmal lebte. Aus einem regelrecht eklektischen Patchwork antiker Motive springt der Funke, an dem sich Baldes satirischer Zorn literarisch entzündet.

Die Zitate aus Horaz, Persius und Juvenal durchziehen den gesamten Text und können dank Winklers Kommentar leicht nachverfolgt werden. Beinahe interessanter sind jedoch die Abschnitte, in denen nicht-satirische Quellen in die Satire einfließen. Das auffälligste Beispiel ist die Beschreibung eines „paetophilen“, d.h. tabakversessenen Arztes, die Balde mit einem Intertext aus Vergils Aeneis unterfüttert, um durch den Kontrast des epischen Ernsts mit der Lächerlichkeit des Rauchers letzteren vollends bloßzustellen. Balde lässt den Arzt zunächst den Tabak über alle anderen Lockstoffe heben, sogar über Nektar und Ambrosia, und zeigt ihn „versenkt in den holden Schwaden“ (XIII.26). Durch eine abenteuerliche Assoziation verknüpft Balde dieses Bild mit der berühmten Szene in der Aeneis, wo sich Aeneas von Venus mit einer Wolke umhüllt Karthago nähert. Schließlich erfolgt die Enthüllung des Rauchers aus seinen Schwaden, und wiederum stützt sich die Schilderung auf das Epos, ja ist beinahe nichts anderes als ein Vergil-Zitat. Zunächst Vergils Text (mit meiner Übersetzung):

            restitit Aeneas claraque in luce refulsit
            os umerosque deo similis. (Aeneis I.588-89)

            Aeneas stand da und erstrahlte im hellen Licht,
            Kopf und Schultern einem Gott gleich.

Jacob Balde verwurstet die Verse dann wie folgt (mit meiner Übersetzung):

            Hic quoque, si fas est cygno componere corvum,
            Restitit Aeneas dubiaque in luce refulsit
            Os humerosque deo similis, qui in veste recincta
            Exercet furvos Siculo Cyclopas in antro. (XIII.31-34)

Auch [der Arzt], wenn es erlaubt ist, einen Raben mit einem Schwan zu vergleichen,
            stand als Aeneas da und erstrahlte im Zwielicht,
            Kopf und Schultern dem Gott gleich, der mit nacktem Oberkörper
            In der sizilianischen Höhle die rußigen Zyklopen antreibt.

In Baldes Persiflage wird „clara“ zu „dubia“, d.h. das helle Licht zum Zwielicht, wie ja der Rabe (der rauchende Arzt) schwarz, der Schwan (Aeneas) aber weiß ist, doch ansonsten übernimmt Balde Vergils Verse Wort für Wort. Nur bettet er die Worte anders ein, um ihnen einen neuen Drall zu geben. Es steht eben nicht mehr Aeneas da, sondern der Arzt als Aeneas, und der Gott, dem er gleicht, wird zuungunsten des Rauchers spezifiziert: Es handelt sich um den hässlichsten aller Götter, den hinkenden Schmied Vulkan in seiner dreckigen Schmiede. Die epischen Wendungen stürzen hier ins tiefste Bathos ab, und mit ihnen stürzt der verspottete Paetophile.

Die Satire funktioniert allerdings nur, wenn dem Leser das zerfledderte Epos vor Augen steht. Im Grunde ist es verrückt: Balde steigt voll in den Kontext einer seit über 1500 Jahren vergangenen literarischen Kultur ein, als hätte sich in der Zwischenzeit poetisch nichts getan. Dabei übernimmt er nicht nur die Gattung und die Wendungen von den römischen Dichtern, sondern auch ihre Methode: Das fein veränderte Zitat, dessen Zweck sich nur durch genaue Kenntnis der Vorlage erschließt, ist selbst ein Hauptwerkzeug der hellenistischen und römischen Literatur. Jacob Balde ist kein deutscher, sondern ein römischer Dichter – soweit die Suggestion. Nun ist die Waagschale natürlich in die andere Richtung gekippt. Denn wie wir oben sahen, lässt sich Balde auch als typischer Dichter des deutschen Barock verstehen. Es scheint schließlich die Verschränkung von barocken mit antiken Motiven zu sein, die Baldes Stil ausmacht. Diese Verschränkung mag auch die Ursache sein, aus der sich ein Wegbereiter der Weimarer Klassik wie Herder für Jacob Balde begeisterte. Wie anfangs aus dem Gedicht „Melancholia“ zitiert, zieht es Balde zumindest geistig über die Alpen aus Deutschland heraus, doch zugleich ist er mit seiner Obsession für Verwüstung und Vergänglichkeit in seiner Zeit und seinem Land verankert.

Eigentlich würde uns Jacob Balde einiges angehen. Zieht nicht schon die Mär eines großen, transnationalen europäischen Romans ihre Kreise? Nun, Balde hat sich nicht in einer nationalen Literatur versteckt, sondern strebte nach einer Dichtung, die nicht an lokale Idiome geknüpft war, eine Weltliteratur, die er, schon damals eher anachronistisch, durch die klassische lateinische Tradition vertreten sah. Wir haben allerdings keine lingua franca mehr zur Verfügung, schon gar keine poetische, zumindest solange uns das angelsächsische Patois noch nicht mit Haut und Haar verschluckt hat. Einige Autoren inszenieren sich zwar als globale Schriftsteller, indem sie ihre Romane gleichzeitig in mehrere Sprachen übersetzt veröffentlichen. Aber das ist doch nur ein jämmerlicher Ersatz für einen Text, den alle in aller Welt lesen und begreifen können und der auch zeitlich nicht regional ist, sondern in Kontexten operiert, die Jahrhunderte oder Jahrtausende alt sind. Jacob Baldes Anspruch bleibt also utopisch oder dystopisch, je nach Perspektive. Da er aber so schief in der national geprägten literarischen Landschaft steht, in die wir unsere Hütten gebaut haben, ist Balde, wie auch die humanistische Literatur insgesamt, unsere Aufmerksamkeit wert.

Nachsatz: Ich schrieb diese Zeilen, als das Sturmtief „Burglind“ eine Tanne auf das Haus des Nachbarn stürzen ließ.

 

[1] Winkler übersetzt „cupressus“ als „Fackel“, aber wörtlich handelt es sich eben um den Begräbnisbaum, die Pluto geweihte Zypresse.

[2] Der Tabak kam hauptsächlich aus Brasilien.

Jacob Balde
Satire wider den Tabakmissbrauch
Satyra contra abusum tabaci
Übersetzung:
Alexander Winkler
Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung
2015 · 192 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-87162-085-0

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