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 Annäherungen  Sieben Essays zu W.G.Sebald, Vandenhoek und Ruprecht Verlage (Böhlau)
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 Annäherungen  Sieben Essays zu W.G.Sebald, Vandenhoek und Ruprecht Verlage (Böhlau)
Kritik

Orientalisches Augusterlebnis

Jakob Heins grandioser Schelmenroman über die deutsche Türkeipolitik im Ersten Weltkrieg
Hamburg

Das Kaiserreich war ein treuer Verbündeter der Osmanen. Das reichte so weit, dass seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutsche Offiziere als Ausbilder ihren Dienst in der osmanischen Armee versahen. Der preußische General Colmar von der Goltz, der in Jakob Heins neuem Roman einen kurzen Auftritt hat, war der bekannteste von ihnen. Nach seinem Tod 1916 wurde er im Garten der Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Konstantinopel beigesetzt. Unter den Türken trug er den Ehrentitel Pascha. In seiner Funktion als Reformator des osmanischen Armeewesens war von der Goltz, wie andere auch, an der Organisation des Genozids an den Armeniern beteiligt.

In der deutschen Öffentlichkeit beobachtete man die Entwicklungen in der Türkei deswegen sehr genau, vor allem die militärischen. Dummerweise erwies sich die Schlagkraft der türkischen Truppen trotz der deutschen Bemühungen auch weiterhin als eher beschränkt. Dies wurde unter anderem in den Balkankriegen 1912/13 deutlich, als sich die französischen Creusot-Kanonen der Bulgaren den Krupp-Geschützen der Osmanen als überlegen erwiesen. In Teilen der deutschen Presse wurde die Niederlage als eine Schmach aufgefasst, die nicht nur den Türken, sondern auch dem Deutschen Reich zugefügt wurde.    

Vor diesem historischen Hintergrund ist die auf einer wahren Begebenheit basierende „Orient-Mission des Leutnant Stern“ angesiedelt, Jakob Heins – Jahrgang 1972 und hauptberuflich Psychiater mit, glaubt man dem Internet, beeindruckenden Praxisöffnungszeiten – bereits vierzehntes Buch. Dass Hein ein grandioser Satiriker ist, hat er in der Vergangenheit wiederholt unter Beweis gestellt. In seinem neuen Buch knüpft er daran nahtlos an. Einmal mit der Lektüre begonnen, legt man den schmalen Band nicht mehr zur Seite.

Die Nachricht vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges erreichte Edgar Stern im Belgienurlaub. Mit Frankreich fühlt sich der gelernte Journalist eng verbunden, beinahe hätte er eine Französin geheiratet. Verhindert hatte dies lediglich die Weitsicht des anvisierten Schwiegervaters, der die nun eintretenden politischen Kalamitäten vorhergesehen hatte. So kam es, dass Stern sich mit seiner Theodora verbandelte – und bei Kriegsbeginn seinen Dienst im 1. Westfälischen Pionier Bataillon antrat.

Allerdings stellte sich das Umgraben rechtsrheinischer Weinberge zum Zweck der Errichtung einer militärischen Auffanglinie rasch als eine eher dröge Tätigkeit heraus. Weswegen Stern sich in seinen Freistunden der Weltpolitik widmete und einen Plan ersann, wie sich ein britischer Kriegseintritt noch abwenden ließe. Seinen Vorschlag der Sprengung des Suez-Kanals, um die Verbindungslinien zum Empire abzubrechen, übersandte er in kühner Missachtung sämtlicher Befehlslinien direkt dem Berliner Generalstab. Dort war man begeistert – und die Mission des Leutnant Stern nahm seinen Anfang.

Doch kam man vom ursprünglichen Suez-Plan schnell wieder ab. Gleichwohl hatte sich Stern in den Augen führender Militärs als kreativer Kopf erwiesen – dass er Jude war, war man dafür bereit in Kauf zu nehmen –, und so wurde er mit einer Mission von nicht minder welthistorischer Bedeutung betraut. Statt den Suez-Kanal von der Landkarten verschwinden zu lassen, würde er nun die Ausrufung des Heiligen Krieges – des Djehad – durch die Türken in Konstantinopel flankieren. Dieser sollte binnen kürzester Zeit auf die gesamte islamische Welt übergreifen und die Kräfte der Briten, Franzosen und auch Russen so umfassend binden, dass einem Sieg des Deutschen Reiches in Europa nichts mehr im Wege stünde. Immerhin hatte Deutschland nicht nur keine Kolonien mit islamischer Bevölkerung, auch hatte sich Wilhelm II. mehr als einmal als guter Freund der Muslime präsentiert. Darauf ließe sich aufbauen, so die Annahme der Generalität. Um deutscherseits die Aufrichtigkeit des Ansinnens zu untermauern, sollte Stern in einer Geheimmission 16 muslimische Kriegsgefangene nach Konstantinopel bringen und dort feierlich dem Sultan übergeben. Als Begleiter wird ihm Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen zur Seite gestellt, ein intimer Kenner nicht nur des Orients, sondern auch der deutschen Orientpolitik.

Tatsächlich gelingt es Stern, den kleinen Trupp, getarnt als bunte Zirkustruppe, nach Konstantinopel zu schleusen. Auch der Aufruf des Sultans zum Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen verläuft wie geplant, in Konstantinopel herrscht Volksfeststimmung. Allerdings vergessen die ins Auge gefassten 300 Millionen Muslime, den deutschen Plan auch in die Praxis umzusetzen – was die weltumspannende Durchschlagskraft des Unterfangens nachhaltig beschränkt. Vergeblich wird Stern nach Bagdad entsandt, um dort die schiitischen Bevölkerungsteile doch noch zum Aufstand zu bewegen. Immerhin hat die Reise den positiven Nebeneffekt, dass er zwei der vormals 16 Kriegsgefangenen unbemerkt in die Freiheit entlassen kann. Ob ihnen der Weg zurück in die marokkanische Heimat gelingt, bleibt offen.        

„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ zeigt einmal mehr, dass die Wirklichkeit oftmals die ungeheuerlichsten Geschichten schreibt. Das Verdienst von Jakob Hein ist es, daraus einen ebenso klugen wie rasanten Roman erschaffen zu haben, bei dessen Lektüre man bisweilen an André Gides Satire „Die Verliese des Vatikans“ erinnert wird. Wer sich über die breiteren historischen Zusammenhänge des Romangeschehens informieren möchte, sollte zu dem kürzlich bei Klett-Cotta erschienenen Buch „Für Prophet und Führer: Die islamische Welt und das Dritte Reich“ von David Motadel greifen.   

Jakob Hein
Die Orient-Mission des Leutnant Stern
Galiani Berlin
2018 · 256 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-86971-172-0

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