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Kritik

Aufschlag eines Literikariers

Hamburg

Unter einer ikarischen Nummer versteht man in der Akrobatik eine Darbietung, bei der eine liegende Person mittels ihrer Beinkräfte eine andere Person nach oben schleudert, um ihr den nötigen Schwung zur Ausführung verschiedener Sprungkombinationen und Salti zu verleihen. Auf die Literatur bezogen lässt unmittelbar das Gottfried Bennsche Schlagwort von der Artistik grüßen, welche der Meister in seinem bis heute vielzitierten Essay "Probleme der Lyrik" von 1951 als unabdingbares Merkmal moderner Poesie einstufte. Und auch sonst scheint Jungautor Jakob Leiner, Jahrgang 1992 und seines Zeichens ebenfalls Mediziner, seinen großen Vorgänger in Dichtung und Heilkunst aufmerksam rezipiert zu haben.

Doch dazu gleich mehr - denn der Begriff des Ikariers ___STEADY_PAYWALL___kann auch in Hinblick auf ein ganz anderes, zumal literarisches Phänomen hin gedeutet werden, benannten sich doch so die Anhänger des französischen Schriftstellers und frühen Sozialisten Étienne Cabet (1788-1856) nach dessen Roman "Voyage en Icarie", der 1840 erschien und eine utopische Gesellschaft der Gleichheit und Gütergemeinschaft entwarf, an deren Verwirklichung seinerzeit sowohl in Frankreich als auch in den USA in verschiedenen Projekten politisch mit einiger Verve gearbeitet wurde. Wie der des antiken Namensgebers war auch dieser versuchte Höhenflug zum Scheitern verurteilt - womit wir wieder bei Jakob Leiner und seinem Gedichtband sind. Cabets Ideen haben nur insofern Überschneidungen mit denen Leiners, als dass beide sich mit letztlich Unerreichbarem auseinandersetzen.

Einz - Swei - Trei - Pfier sind die jeweils annähernd gleich langen Abteilungen lapidar überschrieben. Doch damit hat ein aufscheinender Ansatz von Humor in der Sprachgestaltung bereits ihr Ende erreicht, denn Jakob Leiners Texte hüllen sich schon gleich zu Beginn in eine wie selbstverständlich alles ummantelnde fachsprachliche Sperrigkeit; die medizinisch durchschnittlich eher ahnungslose Leserschaft googelt Kapno-Peritoneum und Anastomose, reimt sich zusammen, dass es wohl um kolendioxydgeblähte Bauchräume und Verbindungsgänge zwischen anatomischen Strukturen, hier offenbar zwischen Blutgefäßen, gehen muss und hat so schon im ersten Teil des ersten Gedichts auch ihren ersten Aha-Effekt: "Chirurgisches Triplett" wirkt in seiner drastischen Schonungslosigkeit ein wenig wie ein Nachhall von Benns Morgue-Gedichten, mit "Sickerblutungen vom Feinsten" und "festliche[r] Handsuche nach der Milz".

Doch wenn man einige Texte weiter erst einmal die "Krebssuppe im Thorax" und ein paar heideggernde Hirnrindenreflexionen à la "Ich bin Variation / und war ein Soll, ein Werde" hinter sich gelassen hat, wird es zum Ende von "Einz" konkreter, und die bis dahin bei soviel fast schon monstranzartig vorgeführter Ungerührtheit schmerzlich vermisste Ironie blitzt endlich doch auf:

"DIETRICHSAMMLUNG // Gelassenheit / wächst wie ein Schlüsselbund. / Teils unerwartet, / teils kalkuliert. Und Stück für Stück. / Das öffnet mehr und mehr Türen. Man hat die meisten wohl verdient. / Bisweilen aber bückt man sich. / Gelassenheit / wird schwerer in der Tasche / und klimpert länger."

Das gemahnt ein wenig an die augenzwinkernden lyrischen Sentenzen eines Ludwig Steinherr, freilich ohne dessen schwebende Leichtigkeit zu erreichen. Aber ist die überhaupt intendiert? Traute die sich denn auch ein halb so alter Dichter ernsthaft zu? Die "ikarischen Nummern" wirken zwar aufs erste Ansehen einstweilen noch etwas hüftsteif, die ausgeführten Salti und Figuren konstruiert und in ihrer Abfolge merklich unrund, auch im zweiten Abschnitt des Buchs, in welchem die Natur als Bezugspunkt aufscheint und ein auffallend altertümelnder Stil der abstrakten gedanklichen Führung diametral gegenüber zu stehen scheint:

"Königsvögeln öffnet sich Erbrachtes / ebenso wie das gewährte Antlitz steter Welt".

Aber geht es ja nicht gerade auch um das Ausloten von Fallhöhen, der zumindest theoretischen Möglichkeit des Scheiterns, des Abstürzens? Die ironische Brechung vom Ende des ersten Teils kassiert Jakob Leiner zwar offenbar ohne Zögern; doch grinst uns nicht gerade in diesem Rückzug auf mit vermeintlichem Zeigefinger vorgetragene Weisheiten doch wieder ganz plötzlich die Erkenntnis an, dass der Lyriker das so ernst nicht gemeint haben kann? Spielt er nicht vielmehr auf dem ultraschmalen Grat der Idee des Artistischen und ihrer intrinsischen peinlichen Fehlleistung? Anders gefragt: sind Jakob Leiners Verse der Aufschlag eines kraftvollen Tennisspielers oder der eines vom Himmel Fallenden, dessen Schirm sich nicht geöffnet hat?

Natürlich beides, das ist ja gerade das ikarische Moment im Sinne der eingangs beschriebenen artistischen Technik des Abstoßens und des Abgestoßenwerdens und der, ins Literarische übersetzt, daraus resultierenden poetischen Höhenflüge. So mag das lyrische Ich tatsächlich ausnahmsweise einmal annähernd kongruent mit dem Autor sein, wenn es bekennt: "Es gibt das aufrechte Stehen / und das niedere Tun. / Ich weiß, dass ich mich wiederhole, / Wichtiges liegt mir halt" und sich selbst im weiteren Verlauf des Textes als "meistens [...] panisch / rational und steif" charakterisiert.

Wenn sich Leiner dann in Teil "Trei" schwerpunktmäßig mit Gesellschaft und Kunst auseinandersetzt, verfestigt sich der Eindruck, dass der Autor sein Publikum hinter die (oder gar den?) Fichte führen will (Johann Gottliebs Idee vom absoluten Ich, in welchem Handlung und Produkt der Handlung in eins fallen, scheint dem Autor durchaus gegenwärtig zu sein). Oder wie sonst soll man das Auftaktgedicht interpretieren, in welchem "[d]er Stilbegriff / [...] mein unerhört / tugendhafter Wunsch / nach gelungener Verkleidung [sei] , die getrost / Unbedarftheit stopft / und qualifiziert." Oder die einige Texte weiter völlig unverklausuliert eingestreute Erkenntnis: "Übrigens: Angewandte Collagetechnik / macht aus der gröbsten Nichtaussage Kunst".

Bumm - da war er doch wieder, der doppelte ikarische Aufschlag.

Die bemerkenswertesten Gedichte des "pfierten" Teiles sind vielleicht diejenigen, die sich mit modernen Plastiken und deren Kunstschaffenden befassen, so etwa das sprachlich auf einmal ganz unprätentiös gestaltetete ergriffene "L'ange Protecteur / Niki de Saint Phalle, 1997", in welchem von der "Grazie deiner Büffelhüfte" die Rede ist und die Gestaltete das betrachtende Ich sphärisch erhöht: "du meine Königin / vulvenfeuchter / Dotter der Altwelt / zieht uns hinan / gesichtslos / wirft das Band." Hier wirkt seine poetische Sprache unmittelbar bildlich, ohne den Umweg über bemühte gedankliche Konstrukte zu nehmen und entwickelt authentische Kraft.

Daneben resümmiert Jakob "The Brain" Leiner noch einmal seine ikarischen Perspektiven und schafft sich doppelironisch die folgende

"WOHLTAT // Den Zeitgemäßen ein heiserer Jubel! / Ihr schweres Wort ist simpler Effekt, / just eine Kaskade der Selbstbeweise / gelangt ins Rollen und donnert zu Tal. / Der Originelle jedoch beschäftigt / in wachsamer Isolation ein Heer / aus wesenseigenen Mordkommandos / und hat seinen Heidenspaß daran."

Und der sei ihm doch ausdrücklich von Herzen gegönnt.

Jakob Leiner
Ikarische Nummern
Radius Verlag
2019 · 72 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-87173-052-8

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