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Kritik

Spleen & Zen in Ohio

Anmerkungen zu den Gedichten von James Wright
Hamburg

Die Gedichte, die 1963 gesammelt in dem Band The Branch will not break erschienen, führen in großer Dichte alle Qualitäten vor, die James Wright in seinem Heimatland USA berühmt gemacht haben: soziale Sensibilität und Lakonie, der genaue Blick auf die Verhältnisse und das Visionäre, pointiert hervorgehoben, herauskristallisiert durch die größtmögliche Präzision im Ausdruck.

James Wright (1927-1980) Poetryfoundation

Im Kulturestablishment seiner Zeit blieb er, obwohl preisgekrönt, dennoch eher eine Randfigur, ließ er sich doch keiner der beiden großen literarischen Strömungen seiner Generation zuordnen.___STEADY_PAYWALL___ Zu traditionell und zugleich zu wenig urban, konnten ihm weder die Beatniks noch die New York Poets längerfristig ein geistiges Obdach bieten.

Seine Vorbilder fand er in fremden Kulturräumen (Lateinamerika, Europa, China) und vergangenen Zeitaltern. Eines seiner Markenzeichen, die langen Titel, weisen zurück auf die chinesischen Dichter der Tang-Dynastie, denen er sich verbunden fühlte. ___STEADY_PAYWALL___Chinesisch bzw. zenbuddhistisch mutet denn auch der Titel seines wohl populärsten Gedichts an: „Herbstbeginn in Martins Ferry, Ohio“ (Autumn begins in Martins Ferry, Ohio).

Es entführt in das Football Stadion von Shreve High, wo das lyrische Ich, unsichtbarer Teil eines anonymen Publikums, sitzt und an seine Kumpels draußen denkt: An die biertrinkenden „Pollaken“, die ihre Schicht beendet, und an die „Neger“ mit den aschgrauen Gesichtern, die ihre am „funkensprühenden“ Hochofen des Stahlwerks gerade begonnen haben, während der Nachtwächter von seinen „Helden“ wenigstens träumen darf.

(In the Shreve High football stadium,
I think of Polacks nursing long beers in Tiltonsville.
And gray faces of Negroes in the blast furnace
at Benwood,
and the ruptured night watchman of Wheeling
 Steel,
Dreaming of heroes.)

Die Ethnophaulismen „Pollake“ und „Neger“ bezeichnen dabei einerseits präzise den gesellschaftlichen Status der Hilfsarbeiter, und lassen sie andererseits im Mund des Autors wie Ehrentitel erscheinen, trotzige Deklaration eines Arbeiterkinds.

Und wenn er in der zweiten Strophe mit ihnen gemeinsam das Stadion verlässt, am Ende des Spiels, folgt er ihnen nicht ohne Wehmut, den „stolzen Vätern“, die sich schamgebeugt auf den Weg nach Hause machen, zu ihren Frauen, „ausgezehrten Hühnern“, die „vor Liebeshunger sterben.“

( All the proud fathers are ashemed to go home.
Their women cluck like starved pullets,
Dying for love.)

Ausklingt das Gedicht mit einem Schlaglicht auf die „selbstmörderisch schönen“ Helden am Platz: ihren Söhnen, den Footballspielern. Nach Abzug aller Projektionen bleibt in der klarsichtigen Perspektive des Autors auf das Spiel der Helden davon nicht viel mehr übrig als ein leeres Ritual, in dem die Männer in wildem Galopp ihre Körper brutal aneinanderschlagen.

(Therefore,
Their sons grow suicidally beautiful
At the beginning of October,
And gallop terribly against each other´s bodys.)

Der amerikanische Traum gleicht hier wie in anderen Gedichten mehr einem Gefängnis, welches beide, die Insassen wie auch die anderen, die es hinaus geschafft haben, fest umschließt. Beide blicken von einer anderen Seite auf dieselbe Mauer, aber die ersten auf eine graue und die zweiten auf eine bunt gestrichene Wand.

Auf einen trockenen Witz herunter bricht das ein Gedicht mit dem langen Titel: Antwortend auf das Gerücht, dass das älteste Bordell von Wheeling, West Virginia, verdammt sei (In response to a rumor, that the oldest whorehouse in Wheeling, West Virginia, has been condemned).

Über den Fluss in Wheeling heißt es dort an einer Stelle, er habe nur zwei Ufer, „das eine in der Hölle/und das andere in Bridgeport, Ohio“ (For the river at Wheeling, West Virginia,/ Has only two shores/The one in hell, the other/In Bridgeport, Ohio). Aber keiner, führt der Autor weiter aus, „würde sich umbringen/nur um nach dem Tod/nach Bridgeport zu kommen“ (And nobody would commit suicide, only/to find beyond death/Bridgeport, Ohio).

Wenn das alles ist, was uns  jenseits des Flusses im Paradies erwartet, Bridgeport und seine Bürger, Martin Ferrys und sein Football-Stadion, dann kann man ebenso gut auch in der Hölle ausharren (solange nur das älteste Bordell darin den Verdammten offen bleibt).

In den Augen des empathischen Außenseiters unterscheiden sich das Wrack in der Fabrik und der Crack im Stadion nicht mehr wesentlich. Verbraucht werden beide, sodass die Karriere am Ende die Mühe des sozialen Aufstiegs gar nicht mehr lohnt. Der illusionslose Blick auf die, die es geschafft haben, erstickt dabei nicht nur jeden Schaffensdrang, sondern vereint die Abgehängten auch in einer unverbrüchlichen Schicksalsgemeinschaft, wunderbar eingefangen in dem Gedicht Haken (Hook). Ein Habenichts empfängt darin in einer eiskalten Winternacht von einem anderen, jüngeren Habenichts das Kleingeld für die Weiterfahrt mit dem Bus, ausgehändigt von einer Handprothese. „Ich nahm es“, bemerkt das lyrische Ich abschließend. „Es war nicht das Geld, was ich brauchte. /Aber ich nahm es.“(I took it./It wasn´t the money I needed./ But I took it.)

Einen Ausweg aus dem alternativlosen Horror der amerikanischen Realität (der Realität jeder Leistungsgesellschaft) deutet der Dichter in einem anderen Text hellsichtig an, seinem vielleicht schönsten. Titel: In einer Hängematte liegend in William Duffy´s Farm in Pine Island, Minnesota (Lying in a Hammrock at William Duffy´s Farm in Pine Island, Minnesota).

Der Dichter zeichnet darin das Bild eines ländlichen Idylls mit Schmetterlingen, zitternd wie Blätter „in ihren grünen Schatten“, Sonnenflecken zwischen Kiefern, Kuhglockengeläut und Pferdeäpfel, leuchtend wie „goldene Steine“ im Licht des Nachmittags. Eine Momentaufnahme wie aus dem Vergil, so archaisch wie anachronistisch. Am Ende, wie losgelöst vom Rest, gleichsam als umgekehrte Epiphanie, also Einbruch der Wirklichkeit in das Wunderbare der bukolischen Utopie, dann die vernichtende Selbsterkenntnis: „Ich habe mein Leben vergeudet“ (I have wasted my life).

James Wrights Pointen sind gelegentlich mit Stromschlägen verglichen worden, ich weiß nicht, ob in Anspielung auf seine Depressionen und seinen Alkoholismus, die mit Elektroschocktherapien, der damals üblichen Methode, behandelt wurden. Doch wie der Schlag eines Zen-Meisters mit dem Bambusstock führt auch dieser zuweilen zu einer Erkenntnis, die den Schmerz mit einer prickelnden Wärme umhüllt, anästhesiert (statt ästhetisiert). Das ist der Fall in den Naturgedichten, die manchmal einen geradezu kreatürlichen Optimismus verbreiten (A blessing, Beginning u.a.) nicht weniger als in den anderen, güte- und zahlenmäßig gewichtigeren, die einen zivilisationskritischen Ton anschlagen. In Autumn beginns in Martins Ferry, Ohio reichen der Titel und die wiederholte Erwähnung der Jahreszeit im Text („Anfang Oktober“), um die Aufmerksamkeit von den menschlichen Figuren weg und wieder auf die Vorgänge in der Natur zu lenken. Im Fieber der Geschöpfe, wenn sie träumen, sich verzehren, spielen, kämpfen, schürt der große Herbst nur seine Glutnester. Wie in der alten chinesischen Landschaftsmalerei erscheint der Mensch auch in der neuen Architekturlandschaft punktiert nur am Rand, als flüchtiger Statist.

(Alle Zitate aus: James Wright, The Branch will not break, Wesleyan 1963)

James Wright
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