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Kritik

Hühnerhabicht oder Mäusebussard, Garten- oder Hausrotschwanz?

Hamburg

Breughels Affen: Der Titel ein Versprechen, das mich sogleich mit heller Vorfreude erfüllte, sah ich dieses Bild doch wiederholt vor nicht allzu langer Zeit bei der großen Breughel-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien. Der australische Dichter John Mateer machte mich auf das Gedicht „A Glimpse“ des amerikanischen Dichters John Wieners zu diesem Bild aufmerksam, nach welchem man das Bild anders sieht.

There is a knot in the middle of my head
that will never be untied.
              Two monkeys sit there,
[...]
              painted by Breughel, I see
them in a mirror when I look for my own face.

Breughels Bild vor Augen und John Wieners Gedicht in Ohren, freute ich mich daher schon ungemein auf den Gedichtband Breughels Affen von Jan Röhnert. Ich erwartete allein vom Titel und vom Cover, welches eine sehr gelungene Anspielung / Adaption des Bildes ist, auf dem einer der beiden Affen zu einer abgewandten sitzenden Frauenfigur wird, einen Gedichtband, der sich voll und ganz diesem außergewöhnlichen und nur vom Format her kleinen Bild widmen würde. So wie es beispielsweise auch der wunderbare Gedichtband Die Elster: Nach Claude Monets „La pie“ von Michael Donhauser macht, der sich ausschließlich mit diesem einen Gemälde von Monet befasst. Die Buchgestaltung bestärkte diese Erwartungshaltung noch, ist doch jedem Kapitel ein Detailausschnitt aus Breughels Affen vorangestellt. Zu sehen sind zwei Vögel im Himmel, die Stadtsilhouette in der Ferne oder auch die am Boden liegenden Nussschalen. Soweit, so vielversprechend. Die Ernüchterung kam dann jedoch sehr schnell als ich damit begann, den Gedichtband von Jan Röhnert zu lesen.

Nein, der Inhalt hat nur sehr wenig mit dem Titel und der wunderschönen Buchgestaltung zu tun. Wir haben es mit einem Band mit Naturgedichten und einem Abschnitt mit einer modernen Abwandlung eines klassischen Frauenlobs, wie wir es aus dem Minnesang kennen, zu tun. Wenn in den Gedichten eine Tierart zentral ist, dann sind es nicht die titelgebenden Affen, sondern Vögel, die in nahezu jedem Gedicht vorkommen. Breughel und Bildende Kunst an sich spielen in den Gedichten nur eine als marginal zu bezeichnende Rolle. Neben Breughels Affen wird in den Gedichten nur ein weiteres Gemälde ausdrücklich genannt, und zwar eines von Antonello da Messina:

[…] Antonello da Messina
malte die Pfeile des Sebastian, als wäre er dabeigewesen.
Sie stecken noch immer tief im Fleisch, bis
zum Abend hast du Zeit, sie ihm herauszuziehn.

Ja, es gibt weit hinten im Band ein einzelnes Gedicht zu Breughels Affen, dem berühmten Gemälde. Nach diesem Gedicht ist auch das fünfte und letzte Kapitel benannt. Vielleicht könnte man dieses Gedicht auch als Schlüsselgedicht bezeichnen und damit rechtfertigen, warum der ganze Gedichtband ausgerechnet nach diesem einen, singulären Gedicht benannt ist. Eine gängige Auslegung dieses Bildes ist, dass die beiden angeketteten Äffchen für die angekettete Menschheit stehen. Das Gedicht wiederum vertritt die These, dass die Affen, gerade weil sie angekettet sind, frei sind, was man damit als Kernaussage des Gedichtbandes auslegen könnte, sofern man das möchte:

Angekettet sind sie Träumer, Visionäre, Sektierer, Marschälle, Erfinder
und hinreißende, von sich selber hingerissene Halunken, berauscht an
den Worten, die auf ihren Zungen schaukeln, für das, was sie zu sehen
glauben. Wer wüsste zu sagen, was ihnen ohne ihre Kette blüht? Der
Blick ins Weite, die ewig ungestillte Sehnsucht wäre Luft. Und was
an sie erinnern wird, sieht man schon jetzt: die Nussschalen, die sie
knackten, auf dem Sims.

Im ersten Moment war meine Enttäuschung so groß, wie es zuvor meine Vorfreude gewesen war. Gefreut hatte ich mich auch deswegen so sehr auf diesen vermeintlichen Gedichtband über ein Gemälde, weil mich Gedichte zu Bildender Kunst schon viele Jahre lang begleiten, beschäftigen und begeistern. Ich musste den Band daher, um den Gedichten trotzdem gerecht werden zu können, erst einmal beiseitelegen um mich langsam mit der Tatsache anfreunden zu können, dass es in Breughels Affen, mit Ausnahme eines einzelnen Gedichts, gar nicht um Breughels Affen geht. Denn abgesehen von diesem Missverständnis meinerseits, haben wir es hier mit einem sehr lesenswerten Gedichtband zu tun.

Der Band ist in fünf Kapitel unterteilt, die da heißen: „Nowaja Semlja“, „Ziegenmelker“, „Teheran-Fenster“, „Parvane“ und, wie bereits gesagt, „Breughels Affen“. Wobei „Teheran-Fenster“ nicht zufällig das mittlere Kapitel ist, sondern tatsächlich das Herzstück des Bandes ist. Die in dem Band versammelten Gedichte sind durchwegs länger, meist haben sie einen Umfang von ein bis zwei Seiten. Und dann gibt es auch mehrteilige Gedichte, wie das 3-teilige Gedicht „Die Bienenfresser“ und das 33-teilige „Teheran-Fenster“.

Jan Röhnert zeigt sich in seinen Gedichten als ein sehr genauer Beobachter seiner Umwelt und insbesondere als ein begnadeter Vogelbeobachter. Vögel als Seelenverwandte der Dichter und Dichterinnen sind ein altes Motiv. Da gibt es beispielsweise den Albatros bei Baudelaire oder die Schwalben bei Mayröcker. Bei Jan Röhnert gibt es nun nahezu kein Gedicht, das ohne Vögel auskommt: Amseln, Spatzen, Mauersegler, Ziegenmelker, ein Steinkauz, ein Mäusebussard, Bienenfresser, Dohlen und viele, viele mehr. Vögel werden dabei zur Heimat und zum Anker. Egal wo auf der Welt wir uns befinden, findet der Blick in den Gedichten bei den Vögeln immer Halt und Ruhe. Vögel sind auch mit Kindheitserinnerungen verbunden, das ist vielleicht auch mit ein Grund, warum sie zur vertrauten Heimat in der Fremde werden.

Halt geben die Vögel auch in der Wiederholung. So ist beispielsweise der Abflug der Mauersegler gen Süden ein wiederkehrender Fixpunkt im Jahresrhythmus. Jeden August brechen die Mauersegler auf, das steht fest. Sie fliegen ab, egal, ob wir diesem Abflug beiwohnen:

Maler begannen die Fassade zu streichen,
aus der vor drei Tagen die Brut
stob. Du klaubst die Reste des Sommers
aus der Erinnerung – […]

Oder ob wir ihren Abflug, möglicherweise im Jahr darauf, verpassen und erst ihr Fehlen bemerken:

Wieder Sommer – das Augustgefühl,
die Perspektive kehrt
zu ihren weiten Fluchten zurück;
etwas fehlt und du brauchst ein wenig,
bis du die Leere im Blau
ohne Mauersegler begreifst,

Die Mauersegler werden damit zu einer Konstante im eigenen Leben und Schreiben. Auch bei Friederike Mayröcker lässt sich das beobachten, bei ihr sind es jedoch die Schwalben (Vgl. siehe hierzu auch meine Rezension zu Pathos und Schwalbe). Besonders bei Jan Röhnert ist, dass er keine einzelne Vogelart als Metapher für sich auswählt, sondern uns ein unglaublich breites Spektrum von Vogelarten anbietet. Eine Vogelart ist mit einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr verknüpft, eine andere mit einem speziellen Ort, oder wieder eine andere mit einer Person, wie mit dem Großvater, oder noch eine andere mit einer ganz spezifischen Erinnerung. Jan Röhnert webt so in seinem Gedichtband ein feines und engmaschiges Netz an Vogelverknüpfungen. Man könnte fast von einem persönlichen Vogel-Alphabet sprechen, das er uns im Laufe des Bandes in seinen Gedichten nach und nach erklärt.

Vögel werden in den Gedichten beschrieben als die Welt umfangende, umspannende Lebewesen, die mit ihrem Flug erst den Himmel weben, wie ein Stück Stoff:

[…]
weil du, greifst du nach dem, was du siehst,
ins Leere greifst, das von den

sirrenden Vögeln durchschossen ist,
als wollten sie zeigen, es sei
der Stoff, den sie spinnen, ihr Element,
und nichts dahinter, das uns betrifft,

Oder die Vögel werden selbst zum Himmel und spannen den Sommerhimmelbogen:

Die Mauersegler sind das Blau;
federleichte, beinah schwerelose Flügelsehne,
die den Sommerhimmelbogen spannt.

In der Antike wurde der Flug der Vögel als Orakelspruch der Götter gedeutet. Jan Röhnert beobachtet Vögel in seinen Gedichten mit vergleichbarem Ernst und lernt dabei sehr vieles, selbst gewöhnliche Spatzen könnten uns durch „ihre behende Freude, die / Lebendigkeit, das Aufgehobensein im Augenblick“ Lehrmeister sein. Vögel nötigen Jan Röhnert „sprachloses, sprachlos glückliches Staunen ab“ und dieses ehrfürchtige, glückliche Staunen  merkt man den Gedichten an.

Es stimmt allerdings nicht ganz, dass es in den Gedichten nur Vögel gibt, gesellen sich im dritten und damit mittleren Kapitel des Bandes doch zunehmend Schmetterlinge zu den Vögeln. Am Schluss des Bandes, auf den letzten Seiten übernehmen dann allerdings wieder die Vögel. Damit schließt sich der Kreis und das Buch führt an seinem Ende wieder an seinen Anfang zurück. Das merkt man auch schon an den Gedichttiteln, findet man im zweiten und fünften Kapitel doch zwei sich spiegelnde Titel. Aus „Die Spatzen“ aus dem zweiten Kapitel werden im letzten „Die Spatzen von Ljubljana“ und aus „Die Mauersegler“ werden „Die Mauersegler von Duino“, womit der Bogen über den ganzen Band gespannt wird und der Kreis sich schließt. Überhaupt werden in den Gedichten einzelne Motive immer wieder neu aufgegriffen und über die Kapitel hinweg weitergeführt, wodurch der Band ein Ganzes ergibt. 

Das Herzstück des Bandes ist das dritte Kapitel mit dem Titel „Teheran-Fenster“. Es enthält ein 33-teiliges Liebesgedicht und  Frauenlob. Stadt, Traum, Legende (Scheherazade), Liebe und persische Dichtung (Shamlu, Sepheri, Rumi) werden darin miteinander verwoben. Und Schmetterlinge sind ein wichtiges Motiv. Dass sie eine Metapher für die Liebe an sich sind, erkennt man unter anderem daran, dass sie nur für die beiden Liebenden zu sehen sind:

die Luft voller Schmetterlinge
die man nicht sieht
weil sie die selbe
hellblaue Farbe der Luft
sie fliegen wie du
aus in den pulsierenden Tag
nur du kannst sie sehen
nur ich kann sie sehen

Die Schmetterlinge sind aber auch das Symbol der schönen Frau, welche im Mittelteil nach allen Künsten des klassischen Minnesangs besungen wird. Frauenlob. Das kennen wir schon (zum Nachlesen sei an dieser Stelle beispielsweise auf meine Rezension der Minnesang-Anthologie Unmögliche Liebe, oder auf die des Schreibhefts Nr. 89 verwiesen). Die Angebetete ist selbstverständlich ebenso schön wie unerreichbar, das ist nun einmal eine der Regeln des Minnesangs. Jeglicher Versuch, ihre Schönheit in Worten zu fassen ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, auch das kennen wir zur Genüge aus dem Minnesang:

weil das Bild von dir
mit keinem Wort einzuholen
kein einziges
reicht an dein Bild

Spannend und neu ist, dass die Besungene selbst Dichterin ist und damit nicht allein im Rahmen eines klassischen „Wechselgesangs“ eine eigene Stimme hat. Die ferne Geliebte wird explizit in ihrer Rolle als Schreibende geliebt, für ihre Sprache und für die Sätze, die sie dem Ich schreibt:

ein Witz? It depends
on us two
, schreibst du
im Telegram. Ich liebe dich
für diesen Satz,
der alles offen lässt

Oder auch:

jeder Buchstabe den du mir schickst
ein Augenaufschlag
Abglanz vom Paradies
du gehst mir nicht aus dem Sinn
wäre zu wenig gesagt

In der tatsächlichen Begegnung sagen dann aber Gesten viel mehr als Worte:

es wurde spät
und wir suchten den Bus
die Gasse hinab
wo der himmlische Duft
irdischen Mehls frisch
aus dem Ofen drang
und dich halten ließ
aus deiner Hand das Brot
zu brechen
gefährlich
nahe am Paradies

Ich habe dieses Buch sehr oft und sehr lange / langsam gelesen. Es ist kein Buch, das man schnell einmal überfliegt, auch wenn darin vieles fliegt. Das Buchcover ist ganz in braun gehalten und doch sehe ich, wenn ich an das Buch und die Gedichte darin zurückdenke, eine andere Farbe vor mir, die als Hintergrund zwischen den Zeilen hervorblitzt: Himmelblau. Blau, das ist die Farbe dieser Gedichte, deren Worte so selbstverständlich auffliegen möchten, wie es die Vögel oder Schmetterlinge in den Gedichten tun.  Im Zurückdenken an dieses Buch meine ich auch erkennen zu können, wonach Jan Röhnert mit seinen Gedichten strebt und zwar danach, Augenblicke mit Sprache einzufangen. Seine Sprache ist dabei aber nicht das Schmetterlingsnetz, mit dem er fangen möchte, was an ihm vorbeiflattert. Nein, seine Sprache ist der Blick des staunenden Betrachters, der innehält, um den vor ihm am Boden herum hüpfenden Vogel nicht aufzuschrecken.

Nein, ich habe den Traum nicht aufgegeben,

dass wir uns eines Tages so gut verstehn,
dass keine Schrift mehr nötig ist
und wir zur selben Zeit zur selben Richtung sehen,
wo es in den Zweigen singt. Die Schatten
gleiten übers Gras, dein Haar im Licht. Da spielt die Musik.

Jan Röhnert
Breughels Affen
Elif Verlag
2019 · 154 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-946989-23-3

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