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Kritik

Ein Magier zweiter Ordnung

Hamburg

Jan Wagner lässt sich Zeit mit einer neuen Gedichtsammlung. Nach dem großen Erfolg der "Regentonnenvariationen" inklusive des Novums, dass es einem Lyrikband gelang, in der Gunst der Jury all die schönen Romane oder das, was sich dafür hält, hinter sich zu lassen und den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 zu gewinnen, musste nun also etwas her, das die Lücke bis zur nächsten lyrischen Großpublikation des neuen Hoffnungsträgers der gebundenen Sprache deutscher Zunge überbrücken könnte. An Erfolge muss man schließlich so unmittelbar anknüpfen wie nur möglich, das ist ein Gesetz nicht nur in der Verlagsbranche, und so lancierte Hanser 2016 erst den Sammelband "Selbstporträt mit Bienenschwarm", so etwas wie ein lyrisches Best Of seit 2001. Im nächsten Schritt lag es nahe, verstreute Prosatexte Wagners zu sichten und für einen weiteren Band auszuwählen. Das könnte misstrauisch machen, denn der auf den ersten Blick recht bunte Strauß aus Vorträgen, Dankesreden, Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen, Radiolesungen und Laudationes wirkt zunächst ein wenig beliebig in seiner Zusammenstellung. Der Untertitel "Beiläufige Prosa" lässt das Buch zudem beinahe überbetont bescheiden auftreten. Doch der Verdacht, Dichter und Verlag hätten es sich womöglich einfach gemacht und einen lieblos hingeschluderten Überbrückungsband bis zur nächsten großen Gedichtveröffentlichung auf den Markt geworfen, verpufft schon beim ersten Anlesen.

"Der verschlossene Raum" versammelt Texte, die sich mehrheitlich um Probleme des Produzierens und Rezipierens von Literatur und ihren Institutionen drehen, flankiert von ein wenig lyrischer Prosa über Rom, Kalifornien und Neukölln, die Wagner "Postkarten" nennt und denen tatsächlich die grandiose Beiläufigkeit der immer mehr verschwindenden Form der Ansichtskarte innewohnt: Kabinettstückchen der treffenden metaphorischen Formulierung, oftmals kaum eine Seite lange Splitter aus einer zitierten Welt, die uns eine Wort gewordene Wirklichkeit gegenwärtig macht, als stünden wir neben Jan Wagner vor der kleinen Schneiderei in der Via Michele di Lando, neben den Zelten aus schwarzen Müllsäcken der Obdachlosen von Los Angeles oder der Angeschriebenen namens Barbara, die lautmalerisch mit Gerbera, Barbieren, Bierbars, und sonderbarem Rhabarber in Berliner Szenen verwoben wird. Diese kleinen Perlen der Prosa machen da weiter, wo Jan Wagner als Lyriker aufhört.

Doch der überwiegende Teil der Texte widmet sich mehr dem sekundären Vergnügen am Literarischen, und hier kommt bei einigen der Dankes- und Huldigungsreden ein etwas altväterlicher Ton auf. Der Beitrag "Gedenke der Lücke - Eine Rede für Abiturienten" etwa versammelt dermaßen viele weise Zitate und Beispiele noch weiserer Männer (weise Frauen dagegen sind schon spärlicher vertreten), dass einem nicht nur als jungem Menschen ganz schwindlig werden kann angesichts der schweren bildungsbürgerlichen Fracht, die Wagner hier verbal unters staunende Schülervolk bringt, und die mancher vielleicht schon als Über-Frachtung wahrnehmen mag, so eloquent, stets schlüssig und planvoll der Autor hier auch Kollegenworte aus aller Welt und drei Jahrtausenden aneinanderreiht, intellektuell zwischen Calderón und Keats, zwischen Ovid und Joseph Brodsky hin- und herhüpft und dabei freilich auch Philosophie, Kunst, Politik, Religion und Musik nicht vergisst. Manchmal reißt es Wagner mit seinem eigenen, fast hymnischen Duktus fort - solche Zeilen als Fazit zu Wirken und Schreiben des englischen Dichters Ted Hughes beispielsweise wären stilistisch auch vor hundert Jahren denkbar gewesen:

"Ted Hughes' poetisches Werk [...] erhebt sich ehrfurchtgebietend über den Köpfen von uns Jüngeren, aber wir stehen nicht in seinem Schatten, sondern ganz im Licht."

Aber das sind schon fast kleinliche Einwände angesichts - und das ist nun keineswegs ironisch gemeint - der unaufgeregten Weltklugheit, die ansonsten aus Jan Wagners Essays und Reden spricht. Seine Ausführungen zu Problemen des Schreibens, zu zeitgenössischen DichterInnen oder denen vergangener Epochen, zu einzelnen Gedichten oder bestimmten Orten der Literatur zeugen zu jedem Zeitpunkt von profundem Sachverstand, der sich mit echter persönlicher Leidenschaft und der besonderen Gabe der anschaulichen Vermittlungsfähigkeit zwischen seinen Sujets und seinem jeweiligen Publikum zu einer inhaltlich wie literarisch stimmigen Einheit verbindet. Er spart dabei nicht mit Geistvoll-Anekdotischem, wie beispielsweise der Geschichte von jener privaten Bibliothek innerhalb eines Universitätsbaus, die so umfangreich war, dass ihre zeitweilige Entfernung zur Renovierung des Gebäudes eine bedenkliche Veränderung der Statik mit sich gebracht hätte:

"Die Bücher blieben, wo sie waren, um einen Einsturz der gesamten Brown University zu verhindern. Wo die Architektur sich der Literatur so fügen muss, darf man getrost von einem Sieg des Papiers über den Stein sprechen."

Am eindrucksvollsten sind freilich diejenigen Passagen, die weniger seinem durch Lektüre, Reflexion und zahlreichen Gesprächen akkumulierten Wissen entspringen, sondern in erster Linie seinen persönlichen Erfahrungen. So geht es in seiner faszinierenden Dankesrede zum Paul-Scheerbart-Preis um die Kunst der lyrischen Übersetzung, zu der Wagner gleich zu Beginn bemerkt, dass, wer Gedichte übersetze, verzichten können müsse. Und anhand eines Beispiels seines Kollegen, des etwa gleichaltrigen US-Lyrikers Kevin Young, in welchem stereotype Liebesseufzer lautmalerisch persifliert werden, macht er die Problematik auf erheiternde Weise anschaulich. Es muss natürlich darum gehen, nicht nur den semantischen Gehalt, sondern auch die sprachlich zugrundeliegende Wendung sichtbar werden zu lassen. So macht Wagner etwa aus den Young'schen Versen " I want to cold you / in my harms // & never get lo" ein gleichermaßen sinn- wie strukturkonformes" Ich will dich umargen / dich ganz fest kalten //  & immer blei dir sein".

In einem anderen Beitrag, in dem Wagner über Gedichtanfänge und -schlüsse und den etwaigen Einfluss des Übernatürlichen, des kreativen Impulses sinniert, kommt er zu dem Ergebnis:

"Dichtung, man kann es nicht leugnen, ist kein magischer Akt; vielleicht aber wird man sie, die den Leser oder Hörer augenblicklich gebannt sein lässt, als Magie zweiter Ordnung bezeichnen dürfen."

Die verschlossenen Räume, die Jan Wagner uns mit seinem neuen Buch aufschließt, weisen  vor allem ihn selbst als einen dieser selten gewordenen Sprachzauberer aus, auf dessen nächste Gedichte zu warten seinen LeserInnen nicht lang werden sollte, wenn sie einstweilen auf seine Prosa vertrauen.

Jan Wagner
Der verschlossene Raum
Hanser Berlin
2017 · 272 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25475-6

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