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Kritik

Selbstporträt eines Verhüllten

Jan Wagner hat Gedichte aus fünfzehn Jahren zusammengestellt
Hamburg

Zweierlei auf den ersten Blick unvereinbare Standpunkte und Auffassungen dienen im Allgemeinen als Leitfaden bei der Zusammenstellung „Ausgewählter Gedichte“: die Auswahl müsse entweder die formale und inhaltliche Bandbreite eines Werkes quasi exemplarisch im Kleinen abbilden — oder sie müsse allein in sich stimmig sein. Nun ist Jan Wagners Werk glücklicherweise nicht von einer frappanten, größtmöglichen Diversität der Stile geprägt, so daß diese Aspekte keine zwingende Entscheidung erforderten. Aus sieben (bzw. acht) Titeln hat Wagner auf rund zweihundertfünfzig Seiten das vereint, was er, nach eigenen Worten, gerne selber wiederlesen und vorlesen würde; das also, was auch dem dritten und vierten kritisch prüfenden Blick standgehalten hat. Und tatsächlich ist es ihm gelungen, mit weitgehend objektivem Zugriff eine Art „best of“ vorzulegen, das zum erneuten Lesen und vielleicht sogar Neuentdecken und Neubewerten ebenso einlädt wie zu einem repräsentativen Gang durch sein Gedichtœuvre. Daß jeder, der mit Wagners Lyrik vertraut ist, wahrscheinlich das eine oder andere ihm liebgewonnene Gedicht vermißt, tut solchem Befund nicht den geringsten Abbruch.

Obwohl sich in Jan Wagners Lyrik verschiedene unveränderte Konturen von Anbeginn abzeichnen, ist doch graduell eine Entwicklung auszumachen: Das — ohnehin sparsam vertretene — subjektive Moment tritt zugunsten von Rollenperspektiven weiter zurück, gleichzeitig betritt eine spielerische Leichtigkeit mehr und mehr souveränes Terrain, die Mittel werden gezielter eingesetzt, ohne indessen etwas von ihrer Wirkung einzubüßen. Nun kommt bei der virtuosen Beherrschung der Mittel gerne der Verdacht auf, sie kaschierten einen Mangel an Erfahrung und Empfindung — so denn dies überhaupt die wesentlichen Maßstäbe sind —, und das mag grundsätzlich auf manches Elaborat zutreffen; hier jedoch benennt das titelgebende Gedicht, vielleicht nicht ganz unironisch, ein hübsches Paradoxon, das sich am Ende tatsächlich als ein Selbstporträt auffassen ließe: der von einem Schwarm eingehüllte Mann ist „wirklich sichtbar erst mit dem verschwinden“, die Bienen verleihen ihm Kontur, so wie das, worüber Jan Wagner schreibt, seine Interessen abbildet, denen er eine gewisse Präsenz und Wichtigkeit aufprägt, indem er sie ins Gedicht holt. Damit ist nicht die Suche nach Ähnlichkeit oder Übereinstimmung gemeint — denn Wagner ist kein ausschließlich affirmativer Beobachter —, sondern die Suche nach jenem Punkt, an dem die Dinge die Kreativität entfachen, an denen sie sich reiben kann. Historische Persönlichkeiten, Landschaften, Gemälde, Tiere, Pflanzen, Ereignisse, einstig oder gegenwärtig, aus allen Weltgegenden, kommen zu einem großen Weltreigen zusammen. Die Silben-Spürhunde werden überall fündig. Im unscheinbaren Detail steckt die Fülle.

Als Einstieg in Jan Wagners Gedichte (oder als anregendes Geschenk) ist dieser Band allemal zu empfehlen. Arge Magenschmerzen bereitet allerdings die verlagsseits umgelegte Bauchbinde — daß Jan Wagner „der beste Lyriker seiner Generation“ sei, wie vollmundig aus einer Rezension zitiert, ist ebenso dümmlich-kurzsichtig wie floskelhaft, denn die Dichtung ist kein Wettbewerb, an dessen Ende ein Autor gekürt wird. Solche Blendereien hat Wagner nicht nötig, sie sind Bauernfängerei und stoßen den ernsthaften Lyrikleser vor den Kopf und womöglich sogar ab. Fort also mit der Bauchbinde ins Altpapier — und mit Wagner auf Wort- und Welterkundung gegangen!

Jan Wagner
Selbstporträt mit Bienenschwarm
Hanser Berlin
2016 · 256 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-446-25075-8

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