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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
Kritik

Vergangenheit, die nicht vergeht

Hamburg

Zugliebhaber werden bei dem neuen Roman des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš Winterbergs letzte Reise auf ihre Kosten kommen, denn wie der Titel schon andeutet, geht es in dem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman um eine Reise, genauer gesagt um eine Bahnreise, quer durch Mitteleuropa. Und vor der eigentlichen Lektüre verrät uns bereits die Inhaltsangabe der einzelnen Kapitel, wohin uns diese Reise u. a. führen wird: nach Königgrätz, Reichenberg (Liberec), Budweis, Pilsen, Linz, Wien, Brünn, Budapest, Zagreb bis kurz vor Sarajewo.

Rudiš hat in seinem ersten in deutscher Sprache geschriebenen Roman allerdings ein äußerst seltsames Paar auf eine Reise geschickt, die für die beiden alles andere als ein Vergnügen ist. Da ist zum einen Jan Kraus, ein ungefähr fünfzigjähriger Altenpfleger und Sterbehelfer. Er sieht sich ein bisschen wie Charon, nennt seine Patienten „Matrosen“ und deren Weg in den Tod „Überfahrt“.

Für eine solche „Überfahrt“ wird er auch von der Tochter des 99jährigen Wenzel Winterberg engagiert, als dieser nach dem dritten Schlaganfall zu sterben scheint. Aber als Jan Kraus dem vor sich hindämmernden Kranken erzählt, dass er aus dem tschechischen Vimperc, dem früheren Winterberg, komme, geschieht ein Wunder.

Als ich mir Winterberg ansah, war ich mir sicher, unsere Überfahrt dauert nicht lange. Doch dann kam die erste Nacht und ich sagte Winterberg, und Winterberg machte die Augen auf und schaute mich an.

So machen sich die beiden irgendwie verrückten Typen auf die Reise, weil Winterberg nicht sterben will, ehe er in Sarajewo den Mörder seiner ehemaligen Geliebten, der Halbjüdin Lenka, finden will. Natürlich ist es nicht realistisch, dass ein fast hundertjähriger Mensch eine solche Strecke mit der Bahn, mit Umsteigen, mit Fußmärschen usw. unternimmt und das Ganze wird noch verrückter, weil ihnen ein Baedeker aus dem Jahr 1913 als Orientierung dient.

Nach ein paar Seiten ist Winterberg, der letzte Straßenbahnfahrer von Westberlin, manchmal so munter, dass man zwischenzeitlich sein Alter vergisst, andererseits wirkt er bei seinen Erzählungen oft verwirrt. Sein veralteter Baedeker hilft ihm (und dem Autor) nicht nur Orte, Grenzen und Geschichte von Österreich-Ungarn zu skizzieren, sondern liefert ihm auch Stichworte für seine Obsessionen: Errichtung von Bahntrassen und Tunnelbau sowie die hygienischen Vorteile einer Feuerbestattung. Seitenweise wird aus dem Reiseführer und anderen Büchern zitiert und so anstrengend das ist, sollte man sich über seine Intention nicht täuschen lassen. Es geht Winterberg bei seinen Monologen um die Bedeutung der Geschichte.

Ja, ich weiß, lieber Herr Kraus, ich weiß, was sie sagen möchten, zu viele Geschichten und zu viel Geschichte, ja, ja, es gibt kein Entkommen, man kann die Geschichte leider nicht so einfach wie die Alpen überschienen, so einfach wie den Böhmerwald, die Geschichte  wehrt sich, sie greift uns an, ja, ja, in der Geschichte kann man sich nur verlieren, ja, ja, doch man muss sich sogar vielleicht in der Geschichte verlieren, um sie wirklich zu verstehen, man muss verrückt werden, um nicht verrückt zu sein.

Wobei für ihn der Sündenfall nicht in dem übicherweise als Urkatastrophe bezeichneten Ersten Weltkrieg besteht, sondern im Bruderkrieg von Königgrätz. Und die Geschichte ist nichts Abstraktes, sondern für ihn mit einer persönlichen Schuld verbunden. Er war es nämlich selbst, der die jüdische Lenka verraten hat, weil er als Sudentendeutscher während der Nazizeit nicht zu ihr stand.

Auch Jan Kraus trägt eine Last mit sich herum. Weil er während des Kalten Krieges aus der Tschechoslowakei geflohen und in Westdeutschland ins Gefängnis gekommen ist, hat er seine Familie ins Unglück gestürzt. Winterbergs Belehrungen versucht er sich manchmal zu entziehen, indem er an seine Schwester denkt, die als Kind überfahren wurde, oder an Carla, eine junge Frau, die er liebte und dennoch beim Sterben begleiten musste. Dies beschreibt Rudiš eindrucksvoll an einer Stelle, in der Winterberg einmal wieder über Waffen und Feldzüge monologisiert, während Kraus sich an Carlas letzte Tage erinnert.

Die einzige große gemeinsame Reise, die wir zusammen machten, war unsere Überfahrt.‘
»Kasten 362. Uniformen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.«
Am Anfang der Überfahrt hatte Carla sich noch ein wenig bewegen können.
»Ich kann es mir einfach nicht merken, traurig, traurig, und Ihnen ist es egal, lieber Herr Kraus.«
Am Ende der Überfahrt konnte sie nicht mehr atmen. Das Einzige, was sich noch bewegte, waren ihre schönen Lippen.

Es sind diese Stellen, die mich berühren und die Personen plastisch erscheinen lassen. Gerne hätte ich davon mehr und weniger von Tunnelbauten und Bahntrassen gelesen, deren technische Daten ich bestenfalls zur Kenntnis nehme.

Jaroslav Rudiš setzt sich mit der Geschichte Mitteleuropas recht differenziert auseinander, und es ist sicherlich kein Zufall, dass dies ein tschechisch/böhmischer Autor macht. Auch wenn er es erstaunlicherweise in deutscher Sprache unternimmt und der Roman (nicht von ihm) 2020 ins Tschechische übersetzt werden soll. Er arbeitet viel mit Wiederholungen, was oft recht reizvoll ist. Nur, wie gesagt, ein paar „Überschienungen“ weniger hätten nicht nur Jan Kraus gereicht.

Jaroslav Rudiš
Winterbergs letzte Reise
Luchterhand
2019 · 544 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87595-8

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