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Ein Franzose in der DDR

Während seiner zahlreichen Besuche in der DDR lernte der französische Germanist Jean-Pierre Hammer kritische Genossen wie etwa Robert Havemann kennen und ließ sich von deren politischen Mut inspirieren.
Hamburg

Der „Kalte Krieg“ und vor allem die hermetische Grenzziehung gegenüber der Bundesrepublik Deutschland brachten es mit sich, daß die DDR auf Außenstehende zuweilen wie ein unbekannter Kontinent wirkte. Umso spannender geraten Berichte von Besuchern aus dem westlichen Ausland wie etwa des amerikanischen Germanisten Richard A. Zipser „Von Oberlin nach Ostberlin“(2013) oder die vorliegenden Erinnerungen des französischen Germanisten Jean-Pierre Hammer.

Jean-Pierre Hammer hatte sich als Aktivist der politischen Linken in Frankreich für das real existierende Experiment eines praktizierten Sozialismus interessiert. Während seines ersten Aufenthaltes in Ostberlin im Frühjahr 1962 war er über das Interesse an ihm und seiner wissenschaftlichen Tätigkeit seitens offizieller Kontaktleute sehr überrascht.

Über seine Bekanntschaft mit den österreichischen Reformkommunisten Ernst und Louise Fischer erhielt Hammer einschlägige Adressen in Ost-Berlin: Stefanie Eisler, die Witwe des Komponisten Hanns Eisler, die Brecht-Gefährtin Helene Weigel, Spanienkämpfer und Verleger Walter und Charlotte Janka, Peter Huchel und Robert Havemann, Widerstandskämpfer im Dritten Reich und angesehener Wissenschaftler. Schnell sollte sich herausstellen, um welch hochkarätige Persönlichkeiten es sich handeln sollte. Jean-Pierre Hammer war somit in den unmittelbaren Umkreis kommunistischer Intellektueller geraten, die mit dem ideologischen Kurs ihrer Partei- und Staatsführung ganz und gar nicht einverstanden waren. Ein für bürgerliche Demokratien alltäglicher Vorgang, nicht aber für den „real existierenden Sozialismus“. Hier fürchtete man jedwede öffentliche Fehlerdiskussion, da sie angeblich dem Klassenfeind nützt. Ein verhängnisvoller Irrtum, wie sich spätestens während der Demonstrationen im Spätherbst 1989 erweisen sollte.  

Besonders die Freundschaft mit Robert Havemann war Jean-Pierre Hammer im Laufe seiner Besuche in der DDR immer wichtiger geworden, zumal ihm Havemanns politische Positionen als unabhängiger Marxist und scharfer Kritiker des „real existierenden Sozialismus“ persönlich sehr nahe kamen. Über Havemann vermittelt entwickelten sich bald auch enge Freundschaften mit dem kritischen Liedermacher Wolf Biermann sowie dem Schriftsteller Jürgen Fuchs. Hammer übertrug Biermanns Lieder in das Französische, gab Übersetzungen heraus und setzte sich in seiner Heimat unermüdlich für die Solidarität französischer Intellektueller wie auch linker Parteigänger für die verfolgten Freunde und Genossen in der DDR ein. Im Falle des französischen Schriftstellers Louis Aragon hatte es, wie Hammer mit seiner wiedergegebenen Korrespondenz belegt, an die zehn Jahre gedauert, bis dieser sich öffentlich gegen die fortdauernde Reglementierung Wolf Biermanns geäußert hatte.

Als Illustration zahlreicher geschilderter Begebenheiten im vorliegenden Band werden immer wieder einschlägige Faksimiles der Stasi-Einschätzungen wiedergegeben. Derlei Dokumente wie auch lebendig geschilderte Erlebnisse unterstreichen die Authentizität wie auch den politischen Ertrag dieser Erinnerungen an die einstmals „real existierende DDR“.

Jean-Pierre Hammer hatte bald schon die Aufmerksamkeit der allgegenwärtigen Staatssicherheit erweckt und mit einer ganzen Reihe ihrer „Maßnahmen“ Bekanntschaft gemacht. Die Bandbreite reichte von abgehörten Gesprächen, verschwundenen Postsendungen über die festgelegte Denunziation Hammers als „erwiesenen Agenten des BND“ bis hin zu einer inszenierten Gefährdung durch ein mit überhöhter Geschwindigkeit vorbeifahrendes Auto.

Die Lebhaftigkeit von Hammers Schilderungen werden abschließend durch den Zyklus „Bilder aus der DDR“(1977-1978) des französischen Reporters und Fotographen Alain Fischer unterlegt. Bezeichnend für Impressionen in der DDR ist oft das Nebeneinander von pathetischen revolutionären Parolen mit einem muffigen Spießertum. Die weitgehende Abschottung durch ein rigides Grenzregime hatte neben der politischen Verkrustung nicht zuletzt auch für eine kulturelle Erstarrung gesorgt. Die Aufnahmen von Alain Fischer gewinnen ihre Pointen auch durch jene unfreiwillige Komik, welche zuweilen den „real existierenden Alltag“ der DDR-Wirklichkeit kennzeichnete. Da sitzen drei Rentnerinnen mit Handwägelchen beim Plausch und hinter ihrer Sitzbank verkündet ein großes Plakat eine weitere Losung zu Ehren des 30. Jahrestages der DDR: „Dynamisch, rationell, effektiv“.

Jean-Pierre Hammers Erinnerungen und die Bilder von Alain Fischer illustrieren sich gegenseitig, wenn es darum geht, an ein Leben in Unfreiheit zu erinnern. Hier schließt sich der Kreis, denn Jean-Pierre Hammer hatte sich gleich zu Beginn seiner Erinnerungen gegen eine sich abzeichnende DDR-Ostalgie gewandt: „Die Bevölkerung dieses Staates war das erste Opfer des repressiven kommunistischen Systems, das über 40 Jahre die Macht innehatte“.

Jean Pierre Hammer (Hg.)
Es war einmal die DDR. Bericht eines Augenzeugen aus Frankreich
U.a. mit ürgen Fuchs, Wolf Biermann und Peter Huchel, der Spanienkämpfer Walter Janka, der Dichter und Politiker Ernst Fischer und der Komponist Hanns Eisler.
Dreilinden Verlag
2014 · 282 Seiten · 27,95 Euro

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