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Die Annotation des Verschwiegenen

Jeffrey Yangs Langgedicht »Yennecott« folgt den Wurzeln der USA und findet statt einem Ende eine Geschichte von Gewalt und Geld sowie ein Ich auf einer Halbinsel, deren Name vor langer Zeit in Vergessenheit geraten ist.
Hamburg

Amerika ist ein merkwürdiger Kontinent. Allein schon deshalb, weil er eigentlich zwei Kontinente ist und diese aller Gemeinsamkeiten zum Trotz unterschiedlicher kaum sein könnten. Beide haben ihre ganz eigene Geschichte, ihre eigene Folklore und ihre eigene Kulturen ausgeprägten. Von allen merkwürdigen Ländern Amerikas ist die USA das merkwürdigste. Hier nämlich gründet sich Folklore und Kultur allein auf der Geschichte, die mythisch überdehnt wird. Die Folklore, der Folk der USA, sie sprechen und singen von keinem Volk, sondern einer historisch gewachsenen Gesellschaft. Die USA hat keinen Ursprung, an den diese anknüpfen könnte, sie hat nur Ursprungsmythen, die sich wiederum aus ihrer Geschichte speisen. Geschichte wird aber, wie das eben so ist, von Siegern geschrieben, und von ihnen allein.

In seinem Langgedicht Yennecott begibt sich Jeffrey Yang folgerichtig nicht auf die Suche nach einem Ursprung, sondern folgt den Wurzeln dieser merkwürdigen Nation. Schon allein der Titel des Gedichts, das Yangs Gedichtband Vanishing Line entnommen und für die Einzelausgabe durch den Berenberg-Verlag von Beatrice Faßbender ins Deutsche übertragen wurde, ist merkwürdig. Denn außerhalb Yangs Zeilen »This place / the Corchaugs called / Yennecott« (»Yennecott / nannten die Corchaug / diesen Ort«) lässt sich kaum ein Hinweis darauf finden, wo jener Ort liegen könne. Ein Yennecott Drive findet sich per Suchmaschine, gelegen an einem der äußersten Zipfel von Long Island, etwas abseits von den Hamptons, wo sich die Ferienresidenzen der Reichen und plastisch Schönen befinden. Eine kurze Suche nach dem indigenen Stamm der Corchaug bestätigt, dass es sich wohl um Yennecott handeln muss.

Yang betreibt Wurzelkunde in der sonnenabgewandten Seite einer Nation, er gräbt abseits der Erholungsorte der von Siedlern abstammenden Sieger nach dem, was sie verschwiegen haben. Und er wertet dieses Schweigen nicht: Sowohl der Originaltext als auch die Übersetzung Faßbenders bieten keine Fußnoten, erläutern nicht, geben kein Wissen wieder. Yennecott wird so als terra incognita suspendiert, fordert Eigeninitiative bei ihrer Erkundung. Dabei setzt sich der Langtext zu überwiegenden Teilen aus Zitaten zusammen, denen Yang manches Mal nur Initialen beiseite stellt. Seine rhizomatische Post-Geschichtsschreibung kennt keine subjektive Perspektive. Vorerst zumindest.

Zu Beginn des Textes ist Yennecott ein konkreter, beschreibbarer Ort, der der Ordnung der Dinge unterliegt, von Yang in knappen Worten angedeutet. Ohne Vergangenheit, da ohne Vergangenheitsformen geschildert. Dann aber tritt die Sonne, das Licht auf. »summoning / past beyond forgetting« (»lockt / Vergangenes hervor am / Vergessen vorbei«). Die Schatten werden buchstäblich beleuchtet, in gereihten, kaum mehr assoziativ zu nennenden Zeilen, die Zitate montieren, deren Authentizität durch die fehlenden Verweise ins Unentscheidbare verschoben wird.

Yang selbst lässt seine eigenen Beigaben zu diesen Versen vorauseilend oder rückblickend affirmativ kommentieren – seine Anmerkungen zu den Gräueltaten an den Native Americans und versklavten Menschen, die von Afrika nach Amerika verschleppt und dort verkauft werden, erlauben sich keinen Widerspruch zu dem, was in den Text eingepflanzt wird. Yang stellt seine Methode über kritische Impulse und ästhetische Befindlichkeiten, er mischt sich nicht ein. Sondern annotiert das Verschwiegene.

Das macht Yennecott einerseits sperrig und passagenweise völlig egal, in seiner Sprödigkeit aber gleichsam stark. Es erzählt auf indirekte Art eine Geschichte des Kolonialismus, die in der Erfindung des Kapitalismus mündet und simuliert beider Strategien mit einer Indifferenz, die Widerwillen hervorruft. »new diseases spread / a new economy« (»Neue Seuchen / eine neue Wirtschaft«) heißt es über die Verwüstung eines Kontinents, der gleichzeitig auf andere Art urbar gemacht wird. Yangs Sprechen, das höchstens durch subtile Enjambements oder Alliterationen vorsichtig Ästhetisierung wagt, ist radikal im ursprünglichen Sinne des Wortes.

Indem er einen Flickenteppich aus Fakten webt, der eher einer diskursiven Faltenbewegung folgt als einer chronologischen Historizität, die von der Deutungshoheit der Sieger vorformuliert wurde, schafft Yang ein Netz von Gewalt und Geld. Ohne dessen Verschlingungen zu lamentieren, konstituiert er seine Kritik rein in der gedanklichen Bewegung des Textes. Diese geht den Nebenverästelung einer Kultur, die a priori »uprooted« (»entwurzelt«) und a posteriori »without a name« (»namenlos«) ist und deren Geäst sich noch in der Ideologie der Gegenwart abzeichnet.

Langsam schleicht sich dann doch eine subjektive Perspektive in das Gedicht ein, bis das Individuum gewordene, aber produzierte Ich – »You are not myself / nor any other / we are: thoughts«  (»Du bist nicht ich / auch kein anderer / wir sind: Gedanken«) – das verschlungene, diskursive Quasi-Narrativ dort aufnimmt, wo es seinen Anfang nahm: Am Ende des Textes spaziert dieses Ich durch Yennecott, saugt die noch in den ersten Versen knapp und trocken geschilderte Umgebung in sich auf und damit die artifizielle Historizität, die Yennecott geschaffen hat. Das Individuum konstituiert sich selbst, geht als Sieger aus der Geschichte der beiden Konstituenten Kolonie und Kapital hervor. Das lässt hoffen. Oder verzweifeln.

Jeffrey Yang
Yennecott
Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
Berenberg
2015 · 116 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-937834-81-8

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