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Kritik

Mühsal und Überschwang

Hamburg

Rezensierend kann man sich einem Buch von verschiedenen Seiten annähern. Aber nur selten scheint es so zwingend wie hier, „ich“ zu sagen und mit den eigenen Schwierigkeiten bei der Lektüre zu beginnen. Ich habe mir dieses Sachbuch, den Umfang vorab kennend, vor sehr langer Zeit zur Rezension ausgesucht, weil ich in den Kosmos des Wieners Karl Kraus (1874-1936) eintauchen wollte, um diesen widersprüchlichen Polemiker besser zu verstehen. Doch:

Dieses Buch ist eine Zumutung!

Viele Monate lang begleitete mich der gewichtige Ziegel, kam an Orte und Plätze, wo ich üblicherweise lese, und wieder zurück auf die Ablage Schreibtisch, wo ich andere Dinge erledigte, die sich vordrängten – es waren ihrer viele. Vom schwarzen Cover blickte mich währenddessen ein ernst dreinschauender Karl Kraus an, die rote Schrift schrie: lies, lies, so lies endlich! Wenn ich dann las, kam ich kaum voran, mal waren es drei oder fünf Seiten, dann wieder dreißig, selten mehr. Man kann sich ausrechnen, wie lang man braucht, wie lang ich brauchte ...

Dieser Ziegel ist dick und sperrig, mit rund 1150 Gramm deutlich zu schwer, um ihn in halbwegs bequemer Position in Händen halten und dann auch noch aufmerksam lesen zu können. Rätselhaft, warum der Verlag die rund 1100 Seiten nicht auf zwei oder drei Bücher aufteilte, handlichere, kundinnenfreundlichere. Auch hätte ein aufmerksames Lektorat den Umfang deutlich reduzieren (und vereinzelte Druckfehler ausmerzen) können. Denn das Buch ist voll mit Wiederholungen. So hat man, um ein kleines Beispiel zu nennen, Kraus’ Zuneigung zu Werk und Sprache von Shakespeare, Nestroy und Offenbach beim ersten Lesen begriffen, doch man wird wieder und wieder damit konfrontiert, ihnen werden dann sogar noch drei eigene Kapitel gewidmet. Eine weitere Erschwernis bei der Lektüre ist die Sprache des Autors, was umso mehr irritiert, als im Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung der begnadete Sprachmaniker Karl Kraus steht, dem die Sprache über alles ging und dem der Biograf mit stilistischer Uneinheitlichkeit nachspürt. So gibt es leicht eingängige Passagen neben anderen, die eher in einen wissenschaftlichen Kontext passen, gelegentlich ein Geschwurbel verschachtelter Sätze oder simples Geschwafel. Ich vermute, dass Jens Malte Fischer, der sich sein ganzes (Berufs)Leben lang mit Karl Kraus beschäftigte, etliche dieser Texte zu unterschiedlichen Zeiten, Zusammenhängen und für  unterschiedliche Zielgruppen verfasst hatte, hier zusammenfügte und erweiterte, ohne die Teile auch sprachlich abzustimmen – Karl Kraus wäre darüber vermutlich indigniert gewesen! Ein unerfreulicher Aspekt ist zudem die Geschlechterperspektive. Welchen Platz gewährt Fischer den Frauen um Karl Kraus? Wohl gibt es in seinem Buch ein Kapitel „Kraus und die Frauen“, in dem er auf dessen Beziehung zu Annie Kalmar, Irma Karczewska und Mechtilde Lichnowsky eingeht, sowie ein Kapitel, in dem er dessen durchwachsene Beziehung zur 12 Jahre jüngeren Sidonie Nádherný von Borutin nachzeichnet, die auch in andere Kapitel einfließt. Fischers männlich wertender Blick auf Äußerlichkeiten stößt auf, zum Beispiel wenn er Sidonie anhand eines Porträts folgendermaßen beschreibt: „[sie] zeichnete sich durchaus durch weibliche Formen aus“. Wen interessiert diese Perspektive des Biografen, die auch nicht gemildert wird durch sein in Klammern nachgesetztes „(man kommt nicht ganz ohne solche Klischeeformulierungen aus)“. Oh doch, man könnte im Jahr 2020 „durchaus“ ohne solch klischierte (richtiger: sexistische) Wertungen auskommen, es sei denn, es wären ausgewiesene Zitate des Porträtierten selbst. Ärgerlicher wird es noch im Kapitel XIX mit seinen zweierlei Maß von Aufmerksamkeit und Wertschätzung. In „Die Anderen“ widmet Fischer etlichen männlichen, weniger wichtigen Bekanntschaften Kraus' eigene, voneinander deutlich abgesetzte Kurzporträts, die als Titel jeweils den fett gedruckten Namen dieser Personen tragen, indes nur einer einzigen Frau, nämlich der Komponistin Dora Pejačevič. Als letzter in dieser Abfolge steht ein Text mit dem fett gedruckten Titel „Frauen“, in dem Fischer einige Wegbegleiterinnen ohne trennenden Absatz, ohne fett gedruckte Hervorhebung der Namen subsummiert, als wären sie, eine wie die andere, nur Teil eines bedeutungsminderen Haufens. Man nimmt es zur Kenntnis und ist verstimmt. Dennoch:

Dieses Buch ist eine Großtat,

die dem Porträtierten und seinem Riesenwerk mit eindrucksvoller Materialfülle gerecht wird! Jens Malte Fischer legt eine so umfassende wie detailverliebte Zusammenschau von Leben und Werk von Karl Kraus vor, ergänzt sie mit Fotografien und rundet sie mit Anmerkungen, einem ausführlichen tabellarischen Lebenslauf und einem Personenregister ab. Fischer schreibt:

Es ist ein schier hoffnungsloses Unterfangen, das Werk eines Autors wie Kraus, der ... als einer der größten Satiriker der Literaturgeschichte betrachtet wird (manche lassen sich nicht davon abbringen, dass er der Größte dieser Spezies ist), auf einige wenige handliche Formeln zu bringen. Kraus ist eben nicht nur Satiriker, daneben auch noch Lyriker, Dramatiker, Rezensent, Theaterkritiker und Pressekritiker, sondern er ist in der Breite, in der Höhe, in der Tiefe vor allem eines: Satiriker.

Fischer geht in seinem Buch weitgehend linear vor, beginnt zunächst mit einem Einblick in die Wiener Wohnverhältnisse von Karl Kraus, um dann seinem Leben von Geburt und Herkunft bis nach dessen Tod nachzugehen. Eingebettet ist die Biografie in die Beschreibung der politischen Umbrüche und Krisen des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, vor allem der verheerenden Gewalt des 1. Weltkriegs, des Endes der Habsburgermonarchie, der Spannungen der Ersten Republik und des Aufkommens des Nationalsozialismus. Kraus, der 1899 im Alter von 25 Jahren Die Fackel gründete und sie von 1911 bis 1936 allein mit „äußerstem Bedacht komponiert“e, hat zeitlebends polarisiert. Er war ein Sprachrichter, bekannt für seine Pressefeindlichkeit, verabscheute „die verlogenen Tonfälle“, die Liebe der Journalisten zum Phrasensumpf, generell deren Schludern mit Sprache und lieferte sich mit ihnen und Zeitungsherausgebern zahlreiche Scharmützel. Fischer zeigt an vielen Beispielen, dass Kraus kein einfacher Zeitgenosse war. Er entbehrte nicht einer gewissen Hybris, war ein „radikale[r] Moralist“, ein Widersprecher und sprachmächtiger Einzel„Kämpfer gegen seine Zeit“, konnte jedoch selbst mit Widerspruch nicht umgehen. Kraus pflegte unerbittlich zahlreiche Feindschaften, die zum Teil auch vor Gericht ausgetragen wurden. Trotzdem war er auch „ein Genie der Freundschaft“, wie Fischer ausführt.

Neben seiner Arbeit an der Zeitschrift Die Fackel hat Kraus zahlreiche Werke verfasst. Am bekanntesten sind seine radikale Abrechnung mit dem 1. Weltkrieg in der Tragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ sowie mit Hitler und dessen „Hakenkreuzottern“ in die „Dritte Walpurgisnacht“. Kraus verfasste Essays, war geschätzt für seine mehr als 2000 satirisch-polemisch gestimmten Aphorismen, die mit wenigen Ausnahmen zunächst in der Fackel erschienen und zwischen 1909 und 1919 vom Autor selbst in drei Büchern gesammelt wurden. Er schrieb Gedichte, veröffentlicht in neun Bänden mit dem Titel „Worte in Versen“, für die sich der Biograf begeistert, was allerdings anhand der angeführten Beispiele im Buch nur bedingt nachvollziehbar ist. Kraus hielt darüber hinaus 700 Vorlesungen in Wien, Zürich, Prag und Berlin, in denen er eigene Texte rezitierte oder jene seiner Lieblingsschriftsteller, zu denen wie schon erwähnt Shakespeare und Nestroy, aber auch Peter Altenberg oder Frank Wedekind, bei dem Kraus Gemeinsamkeiten mit Nestroy sah, zählten.

Fischer gibt zudem Einblicke in das gesellschaftliche Leben Wiens der Jahrhundertwende und des frühen 20. Jahrhunderts, zeichnet Alltag und Arbeitsroutinen von Karl Kraus nach. Er schweift dabei immer wieder ab, zeichnet Freund- und Feindschaften nach und widmet einzelnen Protagonisten wie Peter Altenberg oder Adolf Loos biografische Skizzen. Und er lässt immer wieder Menschen zu Wort kommen, die mit Kraus befreundet und/oder von ihm fasziniert waren, zitiert u.a. Walter Benjamin, Elias Canetti und Ernst Krenek ausgiebig. Fischer, der sieben Jahre nach dem Tod von Karl Kraus geboren wurde, erklärt am Ende des Buchs:

Dieses Buch wurde nicht auf den Knien der Anbetung geschrieben. ... Dennoch ist es konzipiert und verfasst, um die Schlussformel der Briefe des Verlags Die Fackel zu benutzen: mit vorzüglicher Hochachtung.

Nein, Anbetung ist nie die Grundhaltung dieses Buchs, das aus jeder Seite die Faszination des Biografen über sein Forschungssubjekt atmet, sondern Hochachtung und Ehrerbietung. Fischer würdigt und bezieht Stellung. Dass er nach so vielen Jahren der Beschäftigung noch viel mehr wüsste, gern sehr viel mehr schreiben würde, sich aber bescheiden musste, erfahren wir ebenfalls an unzähligen Stellen. Dass es ihm schwer fällt, sich auch jenen Irrtümern und problematischen Haltungen zu widmen, die kaum zu begreifen sind, liegt auf der Hand, etwa den antisemitischen Äußerungen des (konvertierten) Juden Karl Kraus, seiner Parteinahme für Engelbert Dollfuß und seiner vehementen Opposition zur (österreichischen) Sozialdemokratie. Der Biograf kneift nicht, breitet dazu ausführlich seine Recherchen und sein Ringen um ein Verstehen aus und bekennt, wenn er mit Meinung und Haltung von Karl Kraus nicht einverstanden ist. Allerdings leitet er solche Geständnisse seines Widersprechens dann meist umständlich ein, etwa mit: „Es fällt dem Autor nicht leicht, das Folgende zu formulieren...“

Fazit: ein kolossales Geschichtsbuch, das viel über Karl Kraus und seine Zeit erzählt, manchmal quälend, oft erhellend ist und vor kurzem mit dem Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch ausgezeichnet wurde.

Jens Malte Fischer
Karl Kraus / Der Widersprecher
Zsolnay Verlag
2020 · 1104 Seiten · 45,00 Euro
ISBN:
978-3-552-05952-8

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