Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Die Welt ist viel zu trist, mich Träumende zu trösten. –

Hamburg

Die unglaublichsten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben selbst. Genau in diese Kategorie fällt das als tragisch zu bezeichnende Schicksal von Jewdokija Rostoptschina, der wohl größten russischen Dichterin des 19.Jahrhunderts, hochgeschätzt von Puschkin und Lermontow. Noch zu Lebzeiten war sie zunächst anerkannt und berühmt, wurde dann aber zunehmend angefeindet und als nicht ernst zu nehmend dargestellt, um von den nachfolgenden Dichtergenerationen nahezu gänzlich vergessen zu werden.

Herausgegeben und übersetzt wurden die Gedichtauswahl von Jewdokija Rostoptschina und ihr Versdrama Die Menschenfeindin von Alexander Nitzberg im Klever Verlag. Die Gedichte von Rostoptschina sind zweisprachig abgedruckt, auf Russisch und Deutsch. Hinzu kommen dann noch die Übertragungen dreier Rostoptschina gewidmeter Gedichte von Michail Lermontow sowie ein umfangreiches und sehr aufschlussreiches Nachwort des Herausgebers und Übersetzers. Alexander Nitzberg hat sich bereits einen so großen Namen als Übersetzer gemacht, dass man schon alleine deswegen auf ein Buch aufmerksam wird, weil er es übersetzt hat, ohne zu wissen, wer die Autorin ist, oder jemals etwas von ihr gelesen zu haben. Wir haben es hier mit der ersten deutschen Einzelausgabe der Werke Jewdokija Rostoptschinas zu tun und Alexander Nitzberg hofft sehr bescheiden, „daß diese Publikation der deutschsprachigen Leserschaft dabei hilft, eine Perle der russischen Poesie für sich zu entdecken.“

An dieser Stelle möchte ich einen kurzen Einblick in die Rezeptionsgeschichte ihrer Werke geben, damit etwas besser nachvollziehbar wird, warum sie der Nachwelt so lange kaum bekannt war. Ihr erster Gedichtband wurde von der Kritik noch gefeiert, Alexander Nikitenko schrieb beispielsweise darüber:

Wir sind der Meinung, daß es in unserer heutigen Literatur überhaupt nur wenige Verse gibt, die so vornehm, harmonisch, beschwingt und lebendig wären, in der weiblichen aber sind es eindeutig die besten, die jemals aufs Papier gestreut wurden…

Und Ossip Senkowski bezeichnete ihre Gedichte als Glanzstücke: „Das alles sind zweifellos Glanzstücke, fähig, den Ruhm eines jeden, auch barttragenden, Dichters zu begründen.“

Doch der Lobgesang der Kritik sollte nicht ihr ganzes Schaffen lang anhalten. Die Veröffentlichung ihrer Ballade Die Zwangsheirat, einer kritischen Allegorie auf das Verhältnis von Russland zu Polen, war ein politischer Skandal und machte sie über Nacht zu einer dissidenten Autorin, die für immer beim Zaren in Ungnade gefallen war. Eine weitere Veränderung in ihrem Umfeld war die zunehmende Spaltung der intellektuellen Gesellschaft in zwei Lager, das der Westler und das der Slawophilen. Da Rostoptschina für keine Seite Partei ergreifen wollte, wurde sie schließlich von beiden Seiten heftig attackiert. Diese Erfahrung drückt sie auch in einem ihrer Gedichte aus:

Ich will betrachten, ohne zu verdammen,
das ganze wilde Treiben um mich rings …
Doch dafür brechen über mir zusammen
Verwünschungen von rechts wie auch von links!

Ihre Werke entsprachen den Vorstellungen des aufkommenden Naturalismus nicht mehr, was zu zunehmender Kritik führte, wie Alexander Nitzberg im Nachwort schreibt:

Doch die in Puschkinscher und Lermontowscher Manier verfaßten Werke treffen nicht mehr den vom Naturalismus und Liberalismus forcierten Zeitgeist. Die linken Kritiker beginnen, Rostoptschina als Dichterin und vor allem auch als Frau anzugreifen.

Sie selbst stilisierte sich in ihren Gedichten als „letzte Priesterin“ einer längst vergangenen Zeit und fühlte sich verstorbenen befreundeten Literaten wie Puschkin, Lermontow oder Gogol näher verbunden, als der neuen Generation:

Hin die Gefährten meiner frühen Tage,
verstummt der Sänger stolze Freundesschar.
Als letzte Priesterin steh ich und klage
vor einem längst zerschlagenen Altar!

Ihre Zugehörigkeit zum russischen Hochadel verbat es ihr, sich direkt gegen die Angriffe zur Wehr zu setzen oder sich in der öffentlichen Debatte überhaupt zu Wort zu melden. Durch diese scheinbare Wehrlosigkeit wurden die Angriffe immer dreister und unverschämter, steigerten sich in ihrer Bösartigkeit ins schier Unermessliche: „Wir kennen in der russischen Literatur keine Frau, die lächerlicher wäre als sie“ (Nikolaj Dobroljubow, anonym veröffentlicht). In ihren Gedichten wehrte sie sich jedoch sehr wohl gegen ihre Kritiker. Direkt angesprochen werden diese von ihr im 1856 verfassten Gedicht „Meinen Kritikern“, welches mit den folgenden Zeilen beginnt:

Ich staune nicht über die grimme Sprache,
mit der ich grausam angegriffen bin –
mich ehrt das laute Krähn der Almanache,
und ihr Gewetter ist mir ein Gewinn.

Rostoptschina starb 1858, mit siebenundvierzig Jahren, an Krebs. Doch selbst nach ihrem Tod gaben ihre Gegner keine Ruhe, wie Alexander Nitzberg beschreibt:

Aber Jewdokijas Tod beendet nicht die Angriffe gegen sie. Im linksgerichteten Feuilleton erscheinen immer noch vernichtende Urteile über ihr Werk. Sie wird nur noch als Salondichterin und flatterhafte Ballkönigin erwähnt. Und es ist diese Orientierung der Literaturkritik, die später nach der Oktoberrevolution kanonisch wird. Die große russische Dichterin des 19. Jahrhunderts wird im nachhinein praktisch aus der Literaturgeschichte getilgt.

Der Vorwurf der „flatterhaften Ballkönigin“ wäre, wie so viele andere Vorwürfe auch, ganz einfach zu entkräften gewesen, hätte man nur in ihren Gedichten und Werken nachgelesen. Denn der wirkliche Grund, warum die Dichterin Maskenbälle liebte, war wahrlich kein flatterhafter:

Nur darum liebe ich die freien Maskeraden:
Von niemandem erkannt, von niemandem durchschaut,
rede ich Wahrheiten unübertönbar laut!
Von der Gesellschaft arg geknechtet und verraten,
auf Wiedergutmachung und Rechenschaft erpicht,
lach ich ihr einmal doch noch sieghaft ins Gesicht! …

Es ist ungeheuerlich nachzulesen, wie die wohl größte russische Dichterin des 19. Jahrhunderts, die eine so starke, selbstbewusste Frau war und sich auch politisch in ihrem Schreiben immer wieder für Unterdrückte und Schwächere einsetzte, von den Zeitgenossen zunehmend geschmäht und als nicht ernst zu nehmen dargestellt wurde und welch fatale Auswirkungen das für die Rezeptionsgeschichte ihrer Werke auch noch bis lange nach ihrem Tod hatte. Alexander Nitzberg gebührt große Achtung dafür, diese große Autorin nun erstmals mit einer Auswahl ihrer Gedichte und dem Stück Die Menschenfeindin einem deutschsprachigen Publikum vorgestellt und zugänglich gemacht zu haben.

Der größte Abschnitt des Buches enthält das fünfaktige Versdrama Die Menschenfeindin. Hin und wieder hört man am Theater und von Schauspielerinnen, dass es zu wenige starke Monologe für Frauenrollen gäbe. Man könnte da dezent auf Jewdokija Rostoptschina verweisen. Denn Zoë, die Heldin aus Die Menschenfeindin, ist eine ungeheuer starke Frauenfigur, klug, selbstbestimmt und unabhängig und das alles in einem Stück aus 1849. Das aktive und passive Wahlrecht erhielten Frauen in Russland 1917. Rostoptschina selbst sagte über ihre Hauptfigur: „Zoë ist das Duell einer Frau gegen die Welt.“ Und Alexander Nitzberg schreibt, dass Zoë wohl der einzige weibliche Dandy in der Weltgeschichte sei. Sie hat alles, was man sich nur wünschen kann, ist schön, klug, wird bewundert und verehrt und ist als reiche Gutsherrin und Alleinerbin auch finanziell unabhängig. Doch sie lebt ein Leben als Eremitin auf ihrem Landgut, empfängt keine Fremden, lässt Briefe ungelesen im Kamin verbrennen. Das alles, weil sie von der Gesellschaft aus Neid verraten und Zielscheibe von Intrigen geworden war, die sie an ihrem einzigen verwundbaren Fleck angegriffen hatten: ihrer erwiderten Liebe zu ihrem damaligen Verlobten, der sie daraufhin verließ. Doch auch nach dieser und weiteren schlechten Erfahrungen ist sie nicht komplett verbittert. Der Titel „Die Menschenfeindin“ stellt eine Verbindung zu „Der Menschenfeind“ von Molière her. Doch Zoë selbst unterscheidet sehr stark, dass sie den Menschen selbst gerade eben keine Verachtung entgegen bringt, sondern nur der Gesellschaft:

Die Unschuld mit der Schuld zugleich zu schmähn,
dies sei mir fern: Es sind ja nicht die Menschen,
die schlecht sind – die Gesellschaft nur ist schlecht …
Die Menschen lieb ich, die Gesellschaft haß ich …

Eine Frau, die sich derart der Gesellschaft verweigert und dabei doch so eine gute Partie wäre, ist natürlich eine ungeheure Provokation, welche von der Männerwelt als Herausforderung verstanden wird. So ist der eitle Valentin schnell entschlossen, diese uneinnehmbare Frau schon bald sein Eigen nennen zu können und schließt, ohne sie jemals gesehen zu haben, leichtfertig eine Wette ab, dass er sie schon binnen eines halben Jahres heiraten würde. Um sich ihr nähern zu können ersinnt er einige Ränke, bringt ihr Pferd erst zum Durchgehen um sie dann scheinbar zu retten und fällt in weiterer Folge selbst vom Pferd um mit vorgetäuschter Verletzung Zutritt in ihr Haus zu erhalten. Doch natürlich durchschaut Zoë ihn und seine Absichten und sie beginnt mit ihm zu spielen, während er sich tatsächlich in sie verliebt. Und auch ihr ehemaliger Verlobter schafft sich durch Verkleidung Zutritt in ihr Haus. Als sie ihn erkennt und erstaunt ist über die lächerliche Verkleidung in die der Graf Jurij geschlüpft war um ein Gespräch mit ihr zu erschleichen, rechtfertigt er sich wie folgt und beschreibt die große Misere der armen Männer:

[…] Also früher, in der Zeit
des Rittertums, da fiel es leicht, die Festung,
das Schloß, ja, ganze Städte einzunehmen,
darin die stolzen Herrinnen gehaust.
Das Motto hieß: Erober oder stirb!
Und heutzutage, wo die freien Damen
nicht mehr in Türmen eingeschlossen werden,
sind wir kaum fähig, gegen ihren Willen
zu ihnen zu gelangen. […]

Es kommt dann beinahe zum Duell zwischen Valentin und Graf Jurij, doch Zoë kommt hinzu und stellt sie beide wie zwei kleine törichte Jungen zur Rede, um sie im Anschluss daran unverrichteter Dinge wieder heim zu schicken:

Sie sind im Streit? … Weshalb? … Sie kennen sich
noch kaum … Und wollen kämpfen? … Doch um wen? …
Etwa um mich? […]
Man eifert einzig um sein Eigentum:
bin ich Ihr Eigentum? – Das ist zu dreist!

Es ist keine Ausnahme, dass in diesem Stück von Rostoptschina eine so starke selbstbewusste Frau im Mittelpunkt steht. Den Fokus auf Frauen, die den Männern in vielerlei Hinsichten überlegen sind, kann man als durchaus programmatisch für Rostoptschina bezeichnen. In einem Brief aus 1854 an den Dramatiker Fjodor Koni schreibt sie:

… Die Aufgabe, die ich mir von klein an gestellt habe: In meinen Werken zeichne ich ausschließlich weibliche Charaktere und leuchte sie aus hauptsächlich in Konflikten mit Männern, an denen sie leiden, die sie jedoch an Herz und Gemüt weit übertreffen, das heißt, so, wie mir die Frauen fast immer erschienen und nach wie vor erscheinen – im Leben, in der Welt, in der Gesellschaft, in der Familie und vor allem in der Liebe und in der Ehe. Ja! […] Infolge dieser meiner Überzeugung benutze ich die Feder als Waffe, die einzige, die uns gegen euch gegeben ist; […]

Rostoptschina führt die scharfe Klinge ihrer Feder mit größter Meisterschaft. Nach der Lektüre des von Alexander Nitzberg übersetzten und herausgegebenen Bandes wird klar: Auch nach so langer Zeit, in der sie und ihre Werke fast vollständig in Vergessenheit geraten waren, haben ihre Worte und ihre Feder nichts an Schärfe verloren.

Jewdokija Petrowna Rostoptschina · Alexander Nitzberg
Die Menschenfeindin
Klever Verlag
2019 · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-903110-45-8

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