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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Sie blickte Sympathie suchend an die Decke

Hamburg

Es ist erstaunlich, wie vielseitig JG Ballards Werk ist. Der als erfolgreicher Autor "reiner" Sci-Fi gestartete, ging in den 70ern dazu über, neben einer durchweg hochklassigen und ebenfalls vielseitigen Produktion an Kurzgeschichten, experimentelle Literatur wie Atrocity Exhibition zu verfassen und katastrophensüchtige Dystopien wie High-Rise oder Concrete Island, die heute, abgesehen von ihren bizarren Charakteren und den sie umtreibenden Geschichten, eigentlich keine Dystopien sind, sondern realistische Optionen in einer Welt, die stellenweise mindestens so aussieht, wie von Ballard modelliert. In den 80ern schrieb er wiederum sehr erfolgreich autobiographisch inspirierte Historien des 20. Jahrhunderts, kombiniert mit beißenden Satiren auf Amerika. Schließlich in den 90ern und Nullern wiederum eine neue Schreibrichtung, vielleicht seine bedeutendste: die Welt von heute. Sie ist so, wie Ballard sie abbildet in The Millenium People: hysterisch, konsumgelenkt und latent bis offen faschistisch. Die allgegenwärtige Tendenz zu Abschottung und Ausgrenzung, ideologisch unterfüttert, in gewalttätiger Wirrnis und geistiger Hilflosigkeit nimmt Ballard zum Anlass, einmal mehr, im Gewand eines action- und dialogreichen Ensembleromans, die deprimierenden Zustände zwischen Gated Communities und Shopping Malls und dem Streifen Land dazwischen zu sezieren und ihren Bewohnern beim Verfall zuzusehen.

Die Story um den Psychologen David Markham, wie immer bei Ballard ein ambivalenter und zwielichtig neurotischer, wohlsituierter Charakter, dessen Frau bei einem Terroranschlag auf Heathrow ums Leben kommt, entwickelt sich filmisch, und zwar wenn man es genau nimmt: wie bei einer (hochgelobten) TV-Serie der Neuzeit. Ein knapp gezeichnetes Ensemble von Hauptcharakteren windet sich um die Schauplätze, immer neue Identitäten annehmend, Züge und Allianzen wechselnd wie Kleidung, und stets von zynischer Fallhöhe begleitet. Und obwohl Ballard altmodisch erzählt in dem Sinne, als dass Markham von Anfang an schwadroniert und kommentiert, als wüsste er alles, sprich wenig zwischen den Zeilen offenbleibt, so sind die Situationen im "Drehbuch" perfekt hintereinander geschaltet und mit hartem, "trockener gehts nicht", britischem Alkoholismus meets Humor Dialog gespickt. Viele Stellen sind derart nihilistisch und hoffnungslos, dass man innehalten muss. Die geistige Orientierungslosigkeit gleicht einem Strudel aus Todesangst und verzweifeltem Trieb, über eine Mittelklasse Revolution Anzettelung (in einer Gated Community) etwas gegen die grassierende Sinnlosigkeit des Lebens zu setzen: die vollkommen sinnlose exzessive Gewalt als letzte körpersprachliche Versicherung von Freiheit – dieser Strudel erfasst im Verlauf immer mehr Personen und inklusive seines kühl-düstren Showdowns versinkt das Buch schließlich wie ein Pflasterstein im Wasser, die Wellen verebben langsam. Was Ballard schafft, ist, dass alles absolut im Hier ist. Keine Raumschiffe, keine durch Chemie mutierten Pflanzen, Flüsse etc., nein, einfach London im Jahre 2003 – die Diskurse um Amok, Barrieren und Ruhighaltung vermittels Medien heute eher noch verstärkt. Fließend und rhythmisch übersetzt von Jan Bender, zieht Ballard alle Register seiner am Rande von Perversion und Mysterium angesiedelten, halluzinogenen Schreibkunst.

Markham aus der Sicht von Kay Churchill, einer revoltierenden Filmwissenschaftlerin (sic!):

"...du bist auf die gleiche Weise gelangweilt wie Richard Gould [der Benjamin Linus der Angelegenheit, Anm. der Red.]. Du bist auf der Suche nach echter Gewalt, und früher oder später wirst du auf sie stoßen. Deshalb musst du in dein Auto steigen und zu Sally zurückkehren. Du brauchst diese Halteverbotszonen, diese Parkvorschriften und Komiteesitzungen, um dich zu beruhigen."

Churchill aus der Sicht von Markham, einige hundert Seiten zuvor:

Ich blickte hoch zu ihrem argwöhnischen, aber entschlossenen Gesicht, auf ihre schiefen Zähne und unbewegten Augen. Mir kam in den Sinn, dass sie sich schon vor Jahren von der wirklichen Welt entfernt haben musste und in ihrem Kopf Geisterbahn fuhr, über einen Festplatz, den sie selbst errichtet hatte.

Millenium People ist ein paranoides Stück Gegenwartsgeschichte, verpackt in eine flotte und zugleich tiefenscharfe Auseinandersetzung mit düsteren Innenschauen angesichts von invasiven Machtstrukturen. Das einzige, was ihm fehlt, wäre der Miteinbezug des zweifelhaften Erfolgs der sogenannten Sozialen Medien, den Ballard nicht mehr ganz mitgenommen hat, er starb 2009.

JG Ballard
Millenium People
Übersetzung:
Jan Bender
Diaphanes
2018 · 352 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3035800456

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