Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Mosaik Literaturzeitschrift
x
Mosaik Literaturzeitschrift
Kritik

Die Reihe wird fortgesetzt

Hamburg

Seit 2005 finden im Münchner Lyrik Kabinett die Reden zur Poesie statt, begleitet von einer Publikation derselben, vom Kabinett selbst herausgegeben.  Im Oktober 2017 erschien mit Joachim Sartorius, unter dem Titel Der Mensch fürchtet die Zeit. Die Zeit fürchtet das Gedicht, der mittlerweile 18. Band der Reihe. In seiner Rede geht es um einen poetologischen Fokus auf das Verhältnis von Zeit und Gedicht, beziehungsweise inwieweit das Gedicht die Zeit außer Kraft zu setzen vermag. Wie in vorliegender Redenreihe üblich, verbindet sich ein Thema mit einem semi-Selbstportrait des Redners als Dichter und Leser. Sartorius zitiert Rilke, Pound, Milosz, Vasko Popa, Benn aber auch Oktay Rifat, Inger Christensen, Cees Nooteboom und Emily Dickinson, sich selbst und noch weitere. Mit Rilkes Ontologie des "Dichters als Biene des Unsichtbaren" beginnt Sartorius das Umkreisen der Frage nach der Zeit, des Gedichts/ Kunstwerks als Aufbäumen gegen den Tod. "Die Sterblichkeitsrate des Menschen liegt bedauerlicherweise bei 100 Prozent" – ausgehend von diesem Diktum/ Fakt, schreibt er:

"Manche Dichter sprechen auch Trost zu: Sie sagen uns, dass sich das Gedicht auf seiner Suche nach Vollkommenheit gegen die Zeit behaupten kann. Dass die Verse gegen das große Umsonst des menschlichen Daseins das Alles der Poesie setzten."

Um dann in Vasko Popas Worten zu folgern:

"Sie [die Dichter] verwandelten die Welt in ein Gedicht, um sie im Gedicht zu retten."

Dichter würden mit allen raffinierten Mitteln somit an der Aufhebung der Zeit arbeiten. Das kann man natürlich so sehen, und Sartorius führt "Beweise" aus dem unendlichen Meer an Quellen an. Dass es die Sprache selbst sein kann als Triebfeder, oder eine Million andere Beweggründe (die niemand kennen muss) des Dichtens, sind für Sartorius' thanatophoben Ansatz wohl nicht existent und mit einem eigensinnigen, nicht unpathetischen "Alle Dichtung ist..."-Duktus geht es durch ein durchaus interessantes Geflecht von Namen und Zitaten in ein dementsprechend vorhersehbares Ende:

"Ich fordere auf, sich in den Dichter hineinzuversetzen, sich in seiner herrlichen Hybris einzurichten.

Und dann wird uns deutlich und bestürzend klar: Ein Gedicht, das nicht antritt, die Zeit zu besiegen, ist nicht wert geschrieben zu werden."

Alles klar. Doch es geht explizit um Sartorius' Sicht der Dichtung und so sieht sie eben aus. Mit Ezra Pound zitiert er das "Zeitbesiegen" in Form von Gleichzeitigkeiten, Unzeitigkeiten und überhaupt Personae-Wechseln von "Dante zu Villon und die Seelen aller Großen", die hier zugleich möglich seien. Ein Gedanke, den auch Benn wiederholt äußert. Besonders in dem Zusammenhang, das Zitieren des türkischen Dichters Oktay Rifat, "Auf dem Seeigelfelsen":

"An diesem Tag draußen auf dem Seeigelfelsen
meine Knie blutig geschlagen
ein kleiner Seebarsch auf meiner Harpune
Ich schuppte ihn und biss freudig
hinein

Ich biss auf dem Seeigelfelsen in das Fleisch meines Volkes
ich biss in die Sonne das Salz die Natur
all die Volkslieder der anatolischen Dichter
ganz besonders mein Yunus Emre und mein Pir Sultan Abal"

Den Möglichkeitenraum des Gedichts, der eben in parcours-offener Transparenz seine Gleichzeitigkeit anbietet, sieht Sartorius dem realkomplexen Raum der Pyramiden vergleichbar. Vor über 5000 Jahren im vollen Bewusstsein ihrer Übermonumentalität erbaut, steht zudem in der Cheops-Inschrift:

"JEDERMANN FÜRCHTET
DIE ZEIT
DIE ZEIT FÜRCHTET
DIE PYRAMIDE"

Dies wird in späterem Rekurs auf Benn wiederaufgenommen: "Die Dichtung wirkt anders. Sie hebt die Zeit und die Geschichte aus." (Der Terminus "Erinnerungspalast/ -pyramide" fällt.) Romane könnten dies nicht. "Romane sind, ob sie nun hin- oder herspringen und zwischen temps perdu, temps recherché und temps retrouvé ihren Weg suchen, letztlich immer linear. Aber Gedichte sind auf dem Papier sich breit machende Räume. [...] Ein Gedicht kann, bin ich versucht zu sagen, in seiner Irrationalität, seiner Räumlichkeit und Freiheit mehr über das Phänomen "Zeit" aussagen als die meisten theoretischen Werke."

Über Shakespeare, Milosz und Emily Dickinsons I can't stop for Death ändert sich die eingangs erwähnte Hauptfragestellung in ein zugespitztes "Kann das Gedicht das Vergehen von Zeit unbedeutend werden lassen?" Zu Dickinson kommentiert Sartorius: "In diesem Gedicht werden die Zeiten durcheinander gewirbelt. Das Gedicht als Ahnung, länger als alle Jahrhunderte, und doch wie ein Lidschlag auf die Ewigkeit. Das Gedicht als höchste Geistesgegenwart." Also, ja. Diese Unmittelbarkeit, gebannt und ins für immer gerettet, sieht er besonders in Inger Christensens Sonnettenkranz Das Schmetterlingstal gegeben. Hier wäre eine solch "triumphale" Gegenwärtigkeit in Sprache gebannt, dass eben jede "Abschiedsbotschaft Lügen gestraft würde". Auch Cees Nootebooms Basho II Gedicht führe die Emphase fort. Gegen Ende, das in jene obige Vorweggenommenheit mündet, stellt sich Sartorius vor, die Hörer gingen nun nach Haus, stracks in ihre Bibliothek und "prüften die eine oder andere Behauptung". Dem wolle er vorbeugen, denn gewiss: man lande zweifelsohne bei Marina Zwetajewa, die nun programmatisch von einem völlig anderen Zeitbegriff ausgehe, für die hinter dem Wort an sich eine andere Berufung stecke:

"Denn ich bin VORBEI geboren
An der Zeit. Umsonst und unnütz
Dein Fordern! – Kalif einer Stunde –
Zeit! Ich komme ohne Dich aus."

So sei es, in diesem Sinne die Ausnahme, die hier aber doch die Regel bestätigen soll. Joachim Sartorius bietet einen offenen Blick auf sich selbst und seine dichterische Einstellung, seine Auffassungen. Einige weniger geläufigere Namen tauchen auf, was stets eine Bereicherung darstellt. Insgesamt für den Diskurs sicherlich ein gehaltvoller Beitrag, und die Reihe wird fortgesetzt, wie es in der Übersicht heißt.

Joachim Sartorius · Frieder von Ammon (Hg.) · Holger Pils (Hg.)
Der Mensch fürchtet die Zeit. Die Zeit fürchtet das Gedicht / Münchner Reden zur Poesie
Lektorat Frieder von Ammon. Typographie von Friedrich Pfäfflin (Marbach)
Stiftung Lyrik Kabinett München
2017 · 28 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-938776-48-3

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge