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Kritik

„die Menschen sind nirgendwo zu sehen / sie haben sich verkrochen“

Jörg Fausers Gedichte sind in einer Neuauflage erschienen
Hamburg

Zugegeben: Fausers Gedichte sind Schlecht in Form. Schlecht in Form, wenn man, sagen wir, Hölderlin zugrunde legt. Schlecht in Form sogar, wenn man, sagen wir, Brecht oder Benn zugrunde legt. Es sind Gedichte, die in der Mehrzahl überdeutlich geprägt sind von amerikanischen Vorbildern wie Hemingway und Burroughs, die nun beide nicht gerade durch ihre Lyrik von sich reden machten. Der storyteller und der Formencutter, das sind die grundlegenden Figuren für und in Fausers Gedichten, ebenso wie die Trinker und Clochards, die Taumelnden, die Boxer, die Liebenden, die Einsamen.

Den ganzen Winter kein Gedicht
geschrieben, und jetzt bist du
schlecht in Form, selbst im Bett
bist du schlecht in Form,
man verlernt's nicht, aber man muss
am Ball bleiben, im Bett
an der Flasche, an der Maschine

Fausers Gedichte sind Notate und Gedankenströme, sind Mikrostories ohne Pointe, die gern mal mit … enden, sind mitunter sogar Reportagen, die vom Tag als der Emir kam (Erstdruck 1979) berichten.

und ich sagte mir, dass ich ziemlich blöd dastünde,
wenn irgendein Narr mit einer Handgranate,
ein Aficionado des Freitods,
den König von Marokko samt seiner Eminenz
dem Emir von Katar exekutierte, während ich
auf der Suche nach einem Campari-Soda
ins zeitgenössische Abseits
stolperte.

Ja, es ist diese Art von Lyrik, bei der man nicht immer versteht, warum ein Vers ein Vers ist, wo und warum ein Zeilenumbruch überhaupt benötigt wird. Es ist aber wiederum diese Art von Lyrik, die durch einen persönlichen Rhythmus des Schauens und des Sprechens, manchmal auch nur vom Sound getragen wird. Nur? Nein, das ist schon eine Menge wert, aber man muss auch ehrlich sein. Viele der Gedichte Fausers wirken hastig „runtergeschrieben“, geradezu aufs Papier gestürzt. Rohstoff für die größeren Erzählungen, in denen Fausers wahre Qualität sich voll entfaltet. Im gleichnamigen Roman sagt Fausers Alter Ego Harry Gelb: „Vielleicht sollte ich mal wieder Gedichte schreiben, kurze, klare Aussagen, präzis auf den Punkt gebracht, wie ein Schluck Wodka, wie eine Ohrfeige.“ Präzision würde ich diesen Gedichten nicht zuschreiben, eher Direktheit. Den Wodka (eher Whisky) findet man hingegen fast auf jeder Seite, klar. Was beim Lesen aber wirklich knallt, sind die Ohrfeigen, die diese Gedichte immer wieder verteilen.

Denn die meisten von Fausers Gedichten sind purer BRD Noir und das durchaus in dem Sinne, in dem Philipp Felsch und Frank Witzel ihn 2016 in einem Gespräch wenn nicht definiert, so doch schon ziemlich deutlich umrissen haben.1 Gedichte aus einer Republik, die nicht nur nicht bereit war, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, sondern die dreißig Jahre nach dem Mauerfall auch aus einer verklärenden Historisierung gerissen werden muss. Ähnlich wie es einem beim Anschauen der Dokumentation Kulenkampffs Schuhe (Regie: Regina Schilling, 2018) manchmal eiskalt den Rücken hinunterläuft und man sich verlegen hinterm Ohr kratzt, weil man nicht glauben kann, welche Nebensätze völlig zwanglos im alten BRD-Fernsehen fielen, so liest man auch bei Fauser Stellen, die bei der Re-Lektüre vor diesem Hintergrund ein anderes Gewicht bekommen. Wie in Kurzes lächelndes Solo (Erstdruck 1973):

Wein, Wodka, draußen die graue Kälte,
Sick City, marodes Hinterland, Suizid ganz
banal, Fauser schreibt wieder unverständliches
Zeug, nicht tief, nicht kritisch,
nicht deutsch genug, trister Typ
der kaum was bringt außer
abgekauten Erinnerungsfotos
[…]
okay, ich lass den Vorhang runter,
was sonst, drüben im Verhandlungssaal
euer inneres Auschwitz,
dreh mich zur Wand, allein, klar,
kurzes lächelndes Solo
bevor es wieder losgeht
so leicht lassen sich Irre
nicht umlegen …

Die Watsche sitzt. Was keinen akademischen Tiefgang besitzt, ist nicht ernst zu nehmen, was fremd und undeutsch erscheint, mindestens suspekt. Das Böse kommt von außen über die Gesellschaft, auch im Fall der Geisteskranken und „es regnet IG Farben / in Frankfurt/Main“. Und trotz der Prozesse in den 1960ern gibt es in Deutschland noch allerhand zu verhandeln. Aber dafür bleibt natürlich keine Zeit, die nächste Bedrohung zieht ja schon herauf und klopft ans Heim (Erstdruck 1979) des Bürgers:

Die Stadt liegt noch nicht in Asche
das Haus steht noch
die Menschen sind nirgendwo zu sehen
sie haben sich verkrochen
aber ihre Autos sehen immer noch so aus
als wüssten sie wie man überlebt.

Das liest sich doch auf einmal ziemlich zeitgemäß. Vom BRD Noir zum Global Noir – doch im Grunde waren Fausers Gedichte das schon immer, auch abseits der aktuellen Nachrichtenlage. Fauser bleibt zwar auf kritischer Distanz zu ideologischen Gruppierungen und theoretischen Erklärungsmodellen jedweder Art. Ein Gespür für die Mentalitäten und Brüche, die Lebenslügen und schlecht verspachtelten Risse in der Bundesrepublik hat er dennoch. Darüber hinaus schaut er meist auch sehr genau auf all die Stellen, an denen der Putz schon abgebröckelt ist und die Fassade kurz vorm Einsturz steht, ob in Frankfurt, London, Paris oder Los Angeles. In seinen Texten wird gehurt, gesoffen und gefixt. Und den Ladys hat das enttäuscht zurückgelassene Ich selten etwas Schönes nachzurufen. Als Leser aus der Gegenwart muss man manchen Argot aushalten oder zumindest die harten Schalen um die weichen Kerne dieser Texte gelten lassen können. Zwischen all der rumpelig-trotzigen Selbstbehauptung gegenüber so ziemlich allem, jedem und jeder schlägt in diesen Texten jede Menge Herz für die Abseitigen und Außenseiter. Fausers Gedichte sind voller Empathie und Emotionen, die zu zügeln nicht mal ansatzweise zur Debatte steht.

Und neben all den eher dokumentarisch wertvollen Texten sind es besonders Fausers Amerika-Gedichte, die beim Wiederlesen überraschen und deren Bilder dann doch noch sehr präzise, mitunter sogar zart werden. Fast so, als musste Fauser ins Land seiner persönlichen Ikonen gehen, um seinen eigenen Blick schärfen zu können. Besonders beeindruckend diese Passagen aus Holiday Inn, Greater Falls, Montana (Erstdruck 1990):

Die Indianer fahren mit ihren klapprigen
Lieferwagen in die Stadt,
um sich zu besaufen. […]

[…] ich warte
 auf Room Service und Gewitter und Dialoge,
gegen die selbst ein besoffener Indianer in blauer
Windjacke vergebens anstinken würde.

In seinem schönen Vorwort regt Björn Kuhligk einen Fauser-Preis an. „Einen Preis, mit dem Literatur ausgezeichnet wird, die bei denen ist, die unten sind[.]“ Ich teile das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit für diejenigen – es gibt (noch) ein paar von ihnen –, die zuverlässig von denen unten schreiben, weil sie selbst ganz unten waren oder unten sind. „Es ist Zeit dafür“, schließt Kuhligk, aber hier bleibe ich skeptisch. Das Personal in Fausers Texten stammt aus einer Gegend, die für den Literaturbetrieb so etwas wie ein narratives Wunderland ist und immer bleiben wird. Ehrlichen Respekt vor Fausers Personal wird es hier nie geben. Daran ändert auch kein Literaturpreis etwas. Das macht die Neuauflagen von Fauser so wichtig, weil seine Texte die letzten sind, die unten entstanden sind und es nach oben geschafft haben; wo sie hingehören, als Ohrfeigen für uns alle.

 

 

Anmerkung der Redaktion

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Julietta Fix

  • 1. Philipp Felsch / Frank Witzel – BRD Noir. (= Reihe: Fröhliche Wissenschaft, Bd. 87) (Matthes & Seitz, Berlin 2016)
Jörg Fauser
Ich habe große Städte gesehen
Diogenes
2019 · 352 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-257-07072-9

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