Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
x
ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
Kritik

Der erdfarbene Morgen betört das Meer und den Himmel

Gedichte und Nachdichtungen von Johann P. Tammen
Hamburg

Pünktlich zum 75. Geburtstag von Johann P. Tammen sind zwei Bände erschienen, die in ihrer Zusammenschau den Lyriker und den Nachdichter präsentieren – zur großen Freude der Leserschaft, die sich auf die Entdeckung eines unterschätzten Autors freuen darf. Auf insgesamt fast fünfhundert Seiten läßt sich das Doppeltalent des ehemaligen »Horen«-Herausgebers erleben, auch wenn hier selbstverständlich nur eine großzügige Auswahl vorliegt. Die gemeinsame Veröffentlichung erweist sich als sinnvoll und sehr geglückt, denn Tammen hat seinen Nachdichtungen eine unverwechselbare persönliche Note aufgeprägt, man kann deshalb zwischen den beiden Bänden hin und her blättern, ohne Brüche oder Verwerfungen zu erkennen.

Die Versuchung des Rezensenten ist groß, die Gedichte zu charakterisieren, zu analysieren, und dies mit Zitaten zu untermauern. Aber wo beginnen? Tammen hat seine ausgewählten Gedichte nicht streng chronologisch geordnet, sondern stattdessen »Text-Geselligkeiten erwogen und letztlich so auch favorisiert«. Daß dies übergangslos geschehen kann, ist ein Beweis für die innere Geschlossenheit des Werkes, das keine extremen Veränderungen und Verwandlungen durchlaufen hat. Das heißt im Umkehrschluß jedoch nicht, daß Tammens Dichtung monoton oder redundant wäre. Sie bleibt trotz verbindender stilistischer Merkmale wie dem weitgehenden Verzicht auf Interpunktion und den gliedernden bzw. rhythmisierenden Spatien immer aufs Neue spannend und erfindungsreich.

Tammens Gedichte überraschen durch originelle Bilder und Metaphern, und zwar in einer Sprache, die älteres und modernes Vokabular ins Gleichgewicht bringt; sie sind hellsichtig, hellhörig, bei scharfem Verstand und Aufmerksamkeit fürs Detail; sind oft heiter, augenzwinkernd, auch ein bißchen zum Understatement neigend, menschenfreundlich und naturnah, dabei doch nüchtern, manchmal feierlich, aber ohne große Gesten. In vielen Fällen korrespondieren sie mit anderen Texten, anderen Autoren oder Kunstwerken, treten in ein Gespräch der gegenseitigen Anregung, reagieren und lassen sich beeinflussen von der Ringsumwelt. Als ein Beispiel, pars pro toto, sei das dreizehnte und abschließende Gedicht des Zyklus »Hortmachers Launen« angeführt:

Die Erde, das singende Brot

Die Zeichen mehren:    das Bäumchen zuerst
schattige Nische für Schösslinge auf
schrundigem Grund    früh Tautropfen    hell
wangig im zischelnden Tanz    noch immer
erdfarben der Morgen    der Abend als
schotenförmige Last    horizontfern
zerplatzt ein singendes Brot    verzurrt
in vieltausend Mägen    und das Gekreisch
räubernder Möwen    der Acker    ein Rohling
polternder Laib    gewendet die klumpige
Last mit dem Spaten des Vaters    der
brotlos nennt alle Kunst    ihm rätselhaft
auch das Lamento der Steine.

In einem Essay mit dem summierenden Titel »Schreiben – duldsam den Augen trauen, wenn sie das Knistern der Wörter bezeugen« hat Tammen die innere Entwicklung eines ›jungen Mannes‹ (zweifellos ein alter ego) zum Dichter nachgezeichnet, eine Art poetischen Leitfaden ausgelegt und zugleich eine lange Dichtung über Dichtung abgeliefert.

Auch dem Band mit Nachdichtungen ist ein umfängliches Nachwort beigegeben, das sowohl Programm als auch Rechenschaftsbericht ist. Die Nachdichtungen sind nämlich keine direkten Übersetzungen, sie entstanden über den ›Umweg‹ von Interlinearübersetzungen. Tammen führt die Vor- und Nachteile dieses Verfahrens an einem mehrfach übersetzten Beispiel vor Augen. So sind die Gedichte von Guillaume Apollinaire, Frans Budé, Henri Deluy, Anna Enquist, Bengt Emil Johnson, Viivi Luik, Baldur Óskarsson, Konstantin Pawlow und vielen anderen, wie eingangs erwähnt, der Eigenart des Tammen'schen Duktus anverwandelt. Man müsse, sagt Tammen, indem er Franz Fühmann zitiert, eine Übersetzung »guten Gewissens« in einen Band mit eigenen Gedichten aufnehmen können. – Das ist ihm gelungen.

Johann P. Tammen
Bd. 1: Stock und Laterne Ausgewählte Gedichte 1969-2019 Bd. 2: Wind und Windporzellan Nachdichtungen. Von Guillaume Apollinaire bis Valentino Zeichen
Wallstein Verlag
2019 · 488 Seiten · 30,00 Euro
ISBN:
978-3-8353-3441-0

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge