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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Wortschau #35 - Paris

Hamburg

Der Dichter Paul Valéry meinte einmal in seinen Reflexionen, es sei aufgrund der gegebenen Diversität unsinn, Paris in irgendeiner Weise fassen oder denken zu wollen. Zum einen fehle dafür einfach die geeignete Form, zum anderen verliefe sich jeder Gedanke in vielen anderen und löse sich schließlich auf in endlosem Kleinklein. Das Thema der 35. Ausgabe der Literaturzeitschrift WORTSCHAU lautet: Paris.

Es scheint mutig, ein Themenheft über die (aus westlicher Sicht) Metropole aller Metropolen zu machen. Künstlerisch und medial viel benutzt, tausendfach zitiert. Paris, zentralistisch angelegt, vereint im Gegensatz zu Berlin, Amsterdam oder Rom das deutliche Gros der nationalen Funktionen, bürdet sich alle Einrichtungen und Institutionen auf und wird dadurch nicht nur stark und global, sondern auch vulnerabel.

Neben den Fotografien von Thorsten Keller kommen 23 Dichter*innen mit Berichten, Gedichten und Journalen zu Wort. Sehr unterschiedlich setzen sie sich mit den Stereotypen, ___STEADY_PAYWALL___aber auch den Gässchen und Geheimorten der Stadt auseinander.

Zu Anfang begegnen dem*der Leser*in Gedichte der Lyrikerin Kathrin Niemela. Und aus gutem Grund bilden ihre Texte den Schwerpunkt der Ausgabe, können wir später noch einmal von ihr lesen. Auch in einem Kurzinterview wird sie portraitiert. Niemela gelingt es eindrucksvoll, sich der Verschiedenartigkeit der Metropole mit eigener Sprache zu nähern, Paris auf eine sie selbst betreffende Weise zu erzählen und neue Ablichtungen herzustellen:

am grab von tignous babbelt ein alter auf einer bank, liest /
an ihn geschmiegt stiert eine puppe ins nichts, vorbei an
stiften und charly / ich denke je suis / der volle waggon der
metro / atmen, warten, auf rucksäcke starren / angst kratzt
an straßen, an bahnen, geschwante wunden klaffen /
an den rändern emojis und posts

Niemela befreit sich von stereotypen Momenten (Hemingway, Metro, Film noir und Romanzen), die in einigen Texten im Heft fast zwangsläufig aufscheinen, und setzt ihnen aktuelle und individuelle Tendenzen entgegen. Dass die Weltstadt durch die große Summe der in ihr lebenden Bewohner eben auch sehr verletzlich ist, zeigen Niemelas Gedichte atemwege, augustsonntag mit balzac und das oben zitierte marais, nach längerem warten. So wird die Perzeption von Wohnungslosen, von menschlichem Einzelschicksal ebenso lyrisch verarbeitet wie die Anschläge im Bataclan und auf die Hebdo-Redaktion, deren Nachhall Niemelas Paris-Empfindung stark prägen.

"an diesem abend in paris, der begann wie alle auf terrassen
unter strahlern, an diesem abend im november fing alles an,
fing die stadt an, sich zu häuten, schälte sich in ein paar stunden
bis ans mark, [...]

Über das gesamte Heft hinweg spielt das Thema Zeit bei den Auslegungen der Stadt eine wichtige Rolle. So scheint es tatsächlich unmöglich, sich die capitale ohne Jahreszeit und  konkrete Troposphärenzustände vorzustellen. Allein bei Durchsicht der Titel begegnet einem  Paris im August (Frank Norten), im November (Crauss: und ewig november null sechs), aber auch in den Texten selbst erfährt der*die Leser*in etwas über Mai oder Winter. Die Koexistenz von Stadt und Wetter ist textuell immer spürbar. Vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal, dass die Stadt die Zuschreibung aller möglichen Temperaturen und Schattierungen verstärkt und verkraftet, ohne dabei unmöglich zu werden. Paris scheint eine kluge Wahl, bringt es  immer verschiedene Patina und Einfärbung hervor. Moskau oder London hätten es da wesentlich schwerer.

Daneben ist auch die Dauer des Reiseaufenthaltes wichtig für die Texte. Während René Ullrich-Gérard wahrscheinlich Niemals in Paris sein wird, gar keinen Fuß in die Stadt setzt, erhält der*die Leser*in in Dank Fronck von Annette Hagemann kurze, schnappschussartige Szenen eines zeitlich streng begrenzten Aufenthaltes, des Schullandheims. Jo Bernard beschließt hingegen gleich, "in die Seine-Metropole zu reisen, ohne ein Rückflugticket zu buchen".

Besieht man sich noch einmal Valérys Aussagen, ist es nur konsequent, dass Paris in ewiger Unfertigkeit auch eine Stadt der Suchenden ist; der Suche nach Identität, zum Beispiel. Sehr eindrucksvoll fasst dies Michèle Yves Pauty mit ihrem Text Paris, (Anm.: Paris Komma) in eine sehr eigene, sonst interpunktionslose Sprache der Fahrigkeit, lässt ihre Protagonistin auch physisch auf die Suche nach dem Elternhaus ihres Vaters und der eigenen Herkunft gehen:

"[...] auch wenn die Stadt nicht beteiligt an der Zeugung so ist doch der Vater und dieser großgeworden in diesem Haus von dem es kein Bild [...] aber ich habe herkommen müssen den Erzählungen meiner Kindheit Wahrheit unterlegen und so fahren wir seit Tagen den Erinnerungen meines Vaters nach [...]

Nur gedanklich entrückt das lyrische Ich in Bess Dreyers Gedicht [erstes] küsschen links küsschen rechts in den Traumhafen Paris, sucht und findet lucide Erinnerungsbilder, die aber ebenso gut medial gemachte Zuckerstückchen sein könnten: die "brotstange unterm arm", das "ballett unterm chagallhimmel" geistern hier herum.

Als Projektionsstätte dient Paris in dem beeindruckenden Text Die Gespenster von Kontscha-Saspa von Dimitij Gawrisch. Hier hat der Protagonist bereits eine Idee gefunden, ohne eigentlich auf der Suche, ohne überhaupt unterwegs gewesen zu sein. Gawrisch stellt dem autofiktiven Reisebericht zum opulenten Familienwohnsitz Kontscha-Saspa Peter Bichsels Paris-Verhältnis gegenüber. Bichsel hatte die Stadt sehnsuchts- und liebevoll geschrieben, jedoch erst viel später zum ersten Mal bereist.

Gleich Bichsel fährt der Protagonist, selbst schon Vater, zum ersten Mal nun zum Anwesen von Onkel und Tante, lässt das Gebäude und seine Kleinode bis dahin der Wirkungsmacht der Vorstellung unterstellt. Zurecht, wie der Text zeigt, bei dem der*die Leser*in an Karl May oder das verrückte Paris-Syndrom denken muss. Die Lockversuche der Verwandtschaft erweisen sich dem Reisenden dann auch, wie von ihm erwartet, als oberflächlich. Der exotische Prachtbau kann nicht über die zerrüttete Familiensitzung hinwegtäuschen. Die Mär vom Potemkinschen Dorf lässt grüßen.

"[...] im Winter die Sauna, die, auf einer Privatinsel mitten im Dnjepr gelegen, ausschließlich über eine alpine Hängebrücke zu erreichen war. Schließlich schlug mein Vater sogar vor, eine Reportage über den Kiewer Vorort zu schreiben.

Auch in Johanna Hansens Zugluft der Stille in der Herzgegend wird subtil etwas gesucht. Das Umherschweifen, Schauen und Deuten kommt nicht aus ohne Erklärungsversuche für die Hintergründe und Herkunft von Schaufensterauslagen und Personenstab. Dabei ist zwar das Herz anwesend, das Ich aber bereits in den Hintergrund getreten oder irgendwo verloren gegangen.

Möglich aber auch, dass Valéry Recht behält: Möglich, dass wir etwas suchen, was längst da ist, es aber vor lauter Vorhandensein nicht erkennen und finden. Vieles bleibt deshalb unsichtbar, sagt auch Marion Hinz in ihrem Gedicht Was wir nicht wissen. So kehrt manche*r erfolglos aus der Stadt in die Heimat zurück, wie etwa das Ich in und ewig november null sechs von Crauss.

"ich kam aus paris über köllen
und betzdorf nach siegen
im wissen, mir fiele es schwer,
nicht weiterzufahren, die heimkehr
zu einer flucht zu verbiegen.

Fotografisch setzt sich der Designer und Reisende Thorsten Keller mit der Metropole auseinander. Mit seinen Bildern erforscht er Paris jenseits der Attraktionen, rückt das Dazwischen in die Mitte. Keller zentriert Grenzbereiche und Leerstellen, zeigt Paris als Stahlskelett oder bei Schneematsch, sucht die von Marc Augé proklamierten Nicht-Orte, die im Schatten medial fokussierter Wahrzeichen liegen bleiben. Immer wird der Betrachter hintergründig an das Strahlende erinnert, bilden Eiffelturm und Louis-Seize-Schnörkel eine Möglichkeit der Rückkehr zum bekannten Großen, eine Konstante. Der*die Betrachter*in wird damit nicht ganz ins kalte Wasser geworfen, fragt sich aber auch, wodurch die Stadt denn ohne diese Embleme überhaupt identifizierbar bliebe. 

Harald Kappels Gedicht drinnendraußen steht in Ergänzung zu dieser Idee und fügt eine soziale Komponente hinzu. Paris findet gar nicht dort statt, wo wir es eigentlich sehen (wollen), im großen Glanz, sondern abseits, im Unbeachteten:

"für die polierte Gesellschaft
drinnen
fast Paris
[...]
nur die Dienstboten
der stinkende Kutscher
draußen

Ein bisschen vermisst man beim Lesen dann auch das Subkulturelle, das versteckte Paris, die Hintergrundmaschine oder das Off. Etwas mehr "Street" hätte dem Heft nicht geschadet. Vieles wird aus dem Narrativ transportiert, werden die Bilder des romantischen, erotischen Paris aufpoliert, begegnen dem*der Leser*in Existenzialismus und schwarze Rollkragenpullover.

Ganz unabhängig vom Thema Paris stehen die Simultantagebücher Seitenwechsel, die den zweiten Teil der WORTSCHAU bilden; wenngleich sie sich ähnlich kosmopolitisch ausnehmen: Fünf Autor*innen schreiben hier an verschiedenen Orten (Riga, Düsseldorf, Washington/Kathmandu, Portland, Stuttgart/Barcelona) zeitgleich den Tag des 24.12.2019 nieder. Sehr persönlich, teils autofiktional anmutend kommen die Einträge daher und schaffen ein starkes Gefühl von Gleichzeitigkeit und Stille. Weihnachten steht vor der Tür. Die Seitenwechsel sind ein großartiges Panoptikum an Journalen, die auch bei Fixpoetry gelesen werden können.

Die Wortschau ist elegant gelayoutet, den Texten und Fotografien wird in dem großen Format viel Platz eingeräumt. Die Ruhe und Abgeklärtheit, die davon ausgehen, kommen dem Thema entgegen.

Ganz neu denken lässt sich die Stadt tatsächlich nicht. Die Leuchttürme strahlen zu stark. Sehr spannend aber, was den Beitragenden unterwegs begegnet.

Johanna Hansen (Hg.) · Wolfgang Allinger (Hg.)
WORTSCHAU Nr.35: Paris / Literaturmagazin
Wortschau
2020 · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-944286-28-0

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