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Kritik

ich. drehte das glas. war der wind. der schnee

Hamburg

[…] als wäre es möglich
gewesen. noch mal von vorn zu beginnen.

und noch mal zum vorschein zu kommen.
und blauäugig durch den ersten schnee.
wie durch verschüttetes milchpulver.
und die stapfen. hinter uns. stürzten wie
kunstwerke aus dominosteinen ein

Als erstes fällt mir auf, was eine scheinbare Nebensächlichkeit ist und dennoch alles durcheinander zu wirbeln vermag: Der Gedichtband zugluft der stille von Johanna Hansen verzichtet auf Seitenzahlen. Das mag einem beim normalen Lesen vielleicht gar nicht einmal so schnell auffallen, als Rezensentin hingegen stolpere ich schon auf der ersten Seite darüber, weil ich zu den Menschen gehöre, die Bücher so sehr lieben und achten, dass sie es einfach nicht übers Herz bringen, direkt ins Buch hinein zu schreiben und niemals für die Rezension ___STEADY_PAYWALL___relevante Stellen direkt im Buch anstreichen, um sie später wieder zu finden. Normalerweise schreibe ich mir daher beim Lesen immer die Stellen und Seitenzahlen heraus, auf die ich dann in meiner Rezension näher einzugehen gedenke. Das geht hier nun nicht und ich lege stattdessen Zettelchen um Zettelchen zwischen die Seiten um alle mir wichtigen Stellen wieder finden zu können, bis zwischen nahezu jeder Seite ein Zettelchen liegt. Ich lese die Gedichte also immer im Bewusstsein ihrer Seitenlosigkeit und stelle mit Erstaunen fest, was für große Auswirkungen diese Kleinigkeit auf das Lesen der Gedichte hat. Denn durch diesen kleinen Eingriff entsteht der Eindruck, die Gedichte könnten jederzeit wie der Schnee in einer Schneekugel durcheinandergewirbelt werden um in neuer Ordnung anders auf den Seiten zur Ruhe zu kommen.

[…] ich fiel vom gesenkten kopf ins innere einer
schneekugel. schüttelte die miniaturlandschaft
aus künstlichen flocken. […]
ich. drehte das glas. war der wind. der schnee
vor sich hertrieb. […]

Der Untertitel des Gedichtbandes lautet schneeminiaturen und Schnee ist tatsächlich der weiße Faden, der sich, mit einigen kleineren Unterbrechungen, durch den Band und die verschiedenen Kapitel durchzieht. Das kann man auch schon anhand der Kapitelüberschriften sehen, die sich mit Ausnahme von zwei alle auf Schnee beziehen: weißes rauschen, schwimmschnee, überblendungen / endlich schnee, kopfüber / herzunter, hier. im halbschatten, davoser schneekugel. Die Farbe Weiß und der Schnee stehen in den Gedichten von Johanna Hansen auch für das Weiß der leeren, noch unbeschriebenen Seite und damit für den Anfang, die Anfänge, das Anfangen zu Schreiben.

[…] beim aufwachen will
ich von beiden enden eines unbeschriebenen
wortes zurück zur mitte. dorthin. wo es anfängt
sand zu sein. oder weiß

Gerade am Beginn des Gedichtbandes fällt auf, dass Johanna Hansen an manchen Stellen ihrer Gedichte sehr viele Punkte setzt, manchmal nach jedem Wort, auch wenn der Satzzusammenhang eigentlich einen größeren Bogen über die Punkte hinweg spannt. Genau genommen nimmt Johanna Hansen Interpunktion wörtlich und verwendet in ihren Gedichten nahezu ausschließlich Punkte. Die Punkte sind wieder so ein kleines Detail wie die fehlenden Seitenzahlen, das uns zu einem anderen Lesen bringt, zu einem bewussten Wahrnehmen dieser Punkte, die sonst von uns eher unbewusst als banale Markierung des Endes eines Satzes überlesen werden. Hier ist es anders. Hier rieseln manchmal Punkte durch die Gedichte wie Schneeflocken oder Sprühregen. Und diese unerwarteten Punkte bringen uns dazu, innezuhalten und genauer hinzusehen, genauer zu lesen was da steht, was da zwischen den Worten steht. Wie bewusst die Punktsetzung ist, merkt man beispielsweise an „es regnet. bindfäden. schützen unsere augen.“ Denn alleine durch die Punktsetzung bleibt diese Stelle offen, in der Schwebe, da wir zugleich „es regnet bindfäden“ als auch „bindfäden schützen unsere augen“ lesen können.

Im weiteren Verlauf dieses Gedichtes kommt es dann innerhalb weniger Zeilen zu einem spannenden Kippmoment, wenn wir plötzlich in die Perspektive des eben noch aus der Ferne beobachteten Vogels schlüpfen:

es regnet. bindfäden. schützen unsere augen. im
sprühregen badet ein luftzug den frühsommer eines
vogels. in einer pfütze wasche ich meine unschuld.
den beringten fuß. mein spiegelbild. […]

Im zweiten Kapitel, schwimmschnee, finden wir uns an der Ostsee in Lettland wieder, während es im nächsten Kapitel überblendungen / endlich schnee dann um Kindheitserinnerungen geht und in die Gedichte Zeilen aus Kinderliedern und –reimen eingebaut werden. porträt in sepia lautet ein Titel aus diesem Abschnitt des Buches. Und er verweist darauf, dass nicht nur am Cover ein Ausschnitt eines Porträts in Sepia zu sehen ist, sondern jedem Kapitel ein Porträt in Sepia von Johanna Hansen vorangestellt ist, manchmal mit geschlossenen Augen, manchmal uns groß anblickend, aber immer umrahmt und teilweise auch übermalt mit einem kräftigen Blau. Der Bezug von Bild und darauffolgenden Gedichten wird am deutlichsten bei dem Bild auf dem wir den Kopf und die Faust eines kleinen Kindes sehen. Es findet sich zwischen dem Kapitel überblendungen / endlich schnee, in dem Kindheit schon ein Thema war, und dem Kapitel kopfüber / herzunter, in dem es um Geburt und Kindheit geht.

  (c) Johanna Hansen

Durch das Bild werden diese beiden Kapitel, die sich inhaltlich und auch durch ihre Doppeltitel mit jeweils einem Schrägstrich gleichen, noch auf einer anderen Ebene miteinander verbunden. Es handelt sich bei diesen beiden Kapiteln um das dritte und vierte von insgesamt sechs und damit wird auch ohne Seitenzahlen verständlich, dass wir mit dem Bild des Kindes zwischen diesen beiden Kapiteln zugleich die Mitte des Buches vor uns haben und damit seinen Anfang, um nochmals eine Stelle aus dem ersten Kapitel des Buches zu zitieren:

[…] beim aufwachen will
ich von beiden enden eines unbeschriebenen
wortes zurück zur mitte. dorthin. wo es anfängt […]

Ein Gedicht aus kopfüber / herzunter sticht für mich besonders heraus, wird darin doch eine gefährliche Frühgeburt aus der Sicht des Kindes beschrieben:

[…] geplatzte zeit. bin zu früh. viel zu früh
umgekippt worden. muss über die nabelschnur. die füße raus.
ziehen. in die lunge. rein. weiß. dort. werde verdrängt.
muss raus. reißen. abgehungerte orte. stimmversuch. sich
pellende luft. wie wespenstiche aus glas. wolle aus glas. […]

In den nächsten Gedichten sehen wir das Kind, wie es trotz Lungenkrankheit heranwächst und mit der singenden Mutter und dem nach seinen Kriegserfahrungen schweigsam gewordenen Vater doch so etwas wie eine idyllische Kindheit erlebt, in der das Kind sich gerade in der Stille geborgen fühlt, was für uns wichtig ist, da die Stille ja mit zugluft der stille titelgebend für den ganzen Gedichtband ist:

[…] beim mittagsschlaf höre
ich den spitzenschal aus stille über dem bett. sie polstert mich aus mit
perlmutt. stille läuft nicht ein wie ein zu heiß gewaschenes nachthemd.
sie läuft nicht weg. ist lücke. luke. leichtsinn. […]

Bald schon probiert das Kind wacklige Schritte im Garten aus, was aber nicht zu einer größeren Freiheit, sondern zu einer rigorosen Beschneidung durch die Gesellschaft führt, die das Kind in das furchtbare Rollenbild eines stumm zu sein habenden Mädchens zwängt:

[…] ich bin jetzt ein mädchen. das gelernt hat. die augen
zu senken. beim gebet die hände zu falten. und zu vergessen. was
ich will ersticken meine arme an der tischkante. ich darf nur sprechen.
wenn ich gefragt werde. […]

Diese Stelle tut weh. Und es ist gut so, dass sie weh tut. Denn veraltete Rollenbilder wie dieses sind nicht nur Geschichte und längst vergangen, verarbeitet und überwunden. Nein, sie wirken immer noch weiter in den Köpfen der Menschen und sind die Wurzel des Übels, warum Frauen gerade im Literaturbetrieb immer noch derart unterrepräsentiert sind und wir noch endlos weit entfernt von einer auch nur annähernden Chancengleichheit von Autoren und Autorinnen sind.

Das nächste Kapitel hier. im halbschatten enthält Gedichte, die uns eine weitere Facette von Johanna Hansen neben der Dichterin und Malerin zeigen, und zwar sie als Herausgeberin der schlichtweg wunderschönen Literaturzeitschrift Wortschau. Zwar wird die Wortschau nicht namentlich erwähnt, für Insider ist der Brückenschlag zur Wortschau jedoch sehr offensichtlich. Denn die ersten drei Gedichte in diesem Kapitel tragen die Titel: mein tier, mein wildtier und mein einhorn, was zusammengenommen das Thema einer Ausgabe der Wortschau war. Und kurz darauf kommen zwei Gedichte zu Paris, das ebenfalls Thema einer Wortschau war. Dies als kleine Leseempfehlung über das Buch hinaus. Im Zentrum der Paris-Gedichte steht eine Tapisserie mit Frau und Einhorn. Diese Tapisserie wird bereits vorgeahnt, wenn gleich am Beginn, noch bevor wir die Motive der Tapisserie zu sehen bekommen, ein Schimmel in den Tuillerien für ein Einhorn gehalten wird und eine „madame“ angesprochen wird, die wir dann erst später als die auf der Tapisserie abgebildete Frau kennen lernen:

madame

sehen sie das einhorn und wie es den kopf
hebt in den tuillerien. ach. es ist der schimmel
eines polizisten. […]

Bald darauf stehen wir dann direkt vor der Tapisserie im Museum Cluny und betrachten diese sehr genau, wobei das Gespräch mit „madame“ fortgeführt wird und auch dann noch weiter geht, als das Museum bereits wieder verlassen wurde:

nach dem verlassen des museums habe ich nicht sie. madame.
vor augen. sondern das bild des einhorns im spiegel. es sucht
nicht sich darin. es schaut in die richtung des löwen. der schaut
in eine andere richtung. vielleicht in meine. und sie. madame.
schauen das einhorn an. genau hier schließt sich der kreis. […]

Das Paris, das wir in den beiden Gedichten kennenlernen ist ein Paris von heute, also ein Paris mit Protesten und vielen Obdachlosen auf der Straße, ein Paris, das sich mit der ausgebrannten Kathedrale sehr genau zeitlich verorten lässt auf die Zeit kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Während in den Paris-Gedichten über die Gegenwart im Moment des Schreibens geschrieben wird, geht es in den Gedichten im letzten Kapitel davoser schneekugel mehr um ein erinnertes oder überliefertes Davos, als um das „reale“ Davos von heute. In diesen Gedichten wird im Jetzt nach Spuren im Schnee einer inzwischen legendär und Literatur gewordenen, längst vergangenen Zeit gesucht:

was davos ausmachte. war ein Zauberberg. er wurde im laufe
der zeit gründlich abgetragen. doch spuren davon lassen sich
wiederfinden im davoser archiv. unterm dach hütet der biblio-
thekar die eingeebnete hoffnung auf heilung. aussortiert wie eine
schneekugel gelöschter riten um den blauen heinrich. jenen
taschenspucknapf aus glas. den alle tuberkulösen mit sich tragen
mussten. […]

Und wieder kommt es bei Johanna Hansen auf die kleinen Details an, spricht sie doch nicht von dem Zauberberg, sondern von einem Zauberberg, als könnte es mehr als den einen und einzigen Zauberberg von Thomas Mann geben, oder als wäre die von Thomas Mann im Zauberberg beschriebene Welt nur eine von vielen möglichen Zauberbergwelten. Und hier finden wir auch das Weiß und die Stille des Schnees wieder:

so weit oben muss es sie geben. die leere fläche. eine senke im
schnee. den daumenabdruck der stille. das weiß der lawinen-
forscher.

Das letzte Gedicht trägt dann den Titel tür zu in dem es um reale und metaphorische verschlossene oder zuschlagende Türen geht, dem es dann aber mit dem letzten Satz gelingt, sich mittels Sprache aus dem Umfeld mit lauter verschlossenen Türen hinaus zu katapultieren und zumindest eine Tür zu öffnen, die Tür zum Gedicht:

[…] erst beim überschreiten des
sprachraums zur stille öffnet sich das wort wie eine tür zum
gedicht.

 

Johanna Hansen
zugluft der stille / schneeminiaturen
edition offenes feld
2020 · 96 Seiten · 17,50 Euro

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