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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Die weirde Welt des 21. Jahrhunderts

Hamburg

Die Protagonistin von Johanna Maxls Unser großes Album elektrischer Tage heißt ebenfalls Johanna mit Vornamen und einen Nachnamen hat sie scheinbar nicht. Da liegt sofort der Verdacht nahe, dass dieses Debüt Spurenelemente von Realität enthält. So einfach macht es Maxl Johanna allerdings nicht. Die nämlich ist vermutlich genauso ein autobiografisches Kondensat ihrer Autorin wie sie all denjenigen gleicht, die gerne Schokolade essen oder Milch trinken, mal hier Bikini Kill hören und dort im Club tanzen gehen: ein bisschen halt. Wie das eben so ist. Aber was heißt überhaupt schon sein in diesen Zeiten!

 Johanna, diese zwielichtige und doppeldeutige Protagonistin der anderen Johanna, ist nämlich nicht, zumindest ist sie keine Romanfigur, auf jeden Fall nicht in einem formalen Sinne, weil Unser großes Album elektrischer Tage in einem formalen Sinne eigentlich kein Roman ist. Der Plot ist schnell erzählt, weil er allerhöchstens flüchtig existiert, weil es auf gut 200 Seiten verdichteter Beinaheprosa sowieso um Abwesenheiten geht und die Abwesenheit eines Plots da nicht weiter auffällt. Ungefähr aber geht der so: Johanna ist ebenfalls abwesend, soll konkreter heißen verschwunden und ihre Kinder fühlen sich etwas ratlos und allein gelassen. Sie haben Angst, zu Geistern zu werden, ganz so, als wären sie nicht mindestens schon so gespenstisch bleich wie das transparente Objekt ihrer obskuren Begierde: „Waren wir verworfene Skizzen?“

 Die Kinder geben Unser großes Album elektrischer Tage als Erzählinstanz(en) ihre Stimme(n) wie so eine Art übergriffiger griechischer Chor, reihen Erinnerungsfetzen an dezent gezeichnete Impressionen und geben sonst herzlich wenig von sich selbst preis. Schließlich geht es doch, wo es doch um kaum etwas Bestimmtes geht, eigentlich um Johanna und die Welt, aus der sie verschwunden ist. Auch die jedoch wird nur grob umrissen. Es gibt ein Haus mit Garten, einen Club und Slums – das ungefähr sind schon die Säulen dieser weirden Welt, Anmutungen höchstens von bourgeoiser Heimeligkeit, jugendlichem Hedonismus und prekären Umständen. Maxl lässt in den skizzenhaft angerissenen Szenen, an welche sich die Kinder erinnern, die wenigen Örtlichkeiten ineinander überlaufen. Mehr noch zerfließen die Zeiten, das 21. Jahrhundert kommt höchstpersönlich vorbei und gibt Johanna Anlass, eine Geschichte von der Geschichte zu erzählen. Überhaupt läuft und fließt es viel zwischen den Buchdeckeln, um „fluide Identitäten“ schließlich soll es laut Maxl selbst allemal gehen.

 Da findet Unser großes Album elektrischer Tage dann doch zu einem Kern, sollte es denn einen geben, nämlich zur Sprache selbst, die hier mehr Aufmerksamkeit bekommt als das, was sie vermittelt. Die schwankt zwischen preziösen Erhöhungen („Ihre Haare rochen [...] nach der milchigen Frische des Draußengewesenseins.“) und allzu direkte Übersetzungen aus dem Alltagsenglischen („süßer Punkt“, „Doppelstandard“), wirft aber vor allem subtil Fragen zur Erfassung von fluiden Identitäten auf: Hier wird frei nach Lann Hornscheidt mal am Ende ge-xt, dort wiederum wird das „generische Femininum“ in Aussicht gestellt und ansonsten wird betont behutsam ausprobiert.

 Maxl selbst hat vor ihrem Debütbeinaheroman vor allem mit und in Installations- und Performance-Kunst gearbeitet, auch Unser großes Album elektrischer Tage wurde als Musiktheater aufgeführt. Denn um Pop als Schauplatz fluider Identitäten geht es viel, und das nicht nur dank namentlicher Nennung der Riot Grrrl-Pionierinnen Bikini Kill oder eingestreuten Angel Haze-Zitaten. Vielmehr ist Unser großes Album elektrischer Tage auf eine Art als nachträgliche Antwort auf eine Pop-Literatur zu verstehen, die sehr fixe Charaktere mit einer sehr fixen Welt konfrontierten und allerhöchsten das Straucheln seiner Protagonisten (ohne x, Binnen-I oder Asterisk) durch eben jene dokumentierte. Der penetrant gekünstelte Ton, die schwer zu fassenden Figuren, Orte, Zeitpunkte – all das lässt sich leicht als Marker einer (queer-)feministisch inspirierten Identitätspolitik lesen, die hier poetologisch gegen eine Tradition von ungekämmten Kerlen mit Bildungsbürgerbackground gesetzt wird und sich zugleich von einer durchrationalisierten Gegenwart absetzen möchte: „Es ist so schwer, das sollte niemand unterschätzen, in diesem Jahrhundert zu verschwinden.“

 Das alles macht Unser großes Album elektrischer Tage im Großen und Ganzen zu einer gleichermaßen anstrengenden und egalitären Angelegenheit. Zu einem Buch also, das in seiner eigenen Sprunghaftigkeit zum Zwischen-den-Seiten-umher-Springen und Querwärtslesen einlädt und nur zäh in einem Rutsch zu verdauen ist. Das gar nicht erst versucht, eine narrative Teleologie zu konstruieren, sondern deren Abwesenheit mit einem Durcheinander von verschlungenen Verweisen unterstreicht. Was also ist Unser großes Album elektrischer Tage nach all dem? Eine Art Entwurf für eine deleuze‘sche Poetologie für die weirde Welt des 21. Jahrhunderts womöglich? Eine verdichtete Bühnenanweisung für post-dramatisches Theater? Ein verklausulierter Debattenbeitrag zur Gegenwart? Meditationen darüber, wie Sprache Realität schafft und nicht umgekehrt – oder doch das Gegenteil davon? Wahrscheinlich keins von alledem, womöglich aber alles zugleich. So einfach macht es Maxl ihrem Publikum nämlich nicht.

Johanna Maxl
Unser großes Album elektrischer Tage
Matthes & Seitz
2018 · 200 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-625-5

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