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Kritik

nur ein tupfen zeit

Hamburg

Die Gedichte von Johannes Tröndle in „frühzeit elefantenfarben“ zeichnen sich gerade durch eines aus, was sie nicht zu guten, sondern zu sehr guten Gedichten macht: Leichtigkeit. Seine Gedichte wirken wie hingetupft und doch ist auch die Reihenfolge der Gedichte durchdacht und der Gedichtband als Ganzes sehr fein durchkomponiert. Durchkomponiert ist dabei ein gutes Stichwort, denn Johannes Tröndle ist nicht allein Autor und Hörspielmacher, sondern auch Musiker und Klangkünstler. Dass hier ein Musiker spricht, merkt man sehr schnell an seinem Umgang mit Sprache. Was auf den ersten Blick vielleicht noch zufällig erscheinen mag, gibt sich bei näherer Betrachtung schnell als ge- und verwoben zu erkennen. Er beweist Gespür für dezente aber sehr bewusste Wort- und Motivwiederholungen, die den 35-seitigen Gedichtband selbst in dieser Kürze zu einem in sich stimmigen Ganzen werden lassen.

Weniger ist bekanntlich oft mehr und auch wenn man einerseits gerne mehr Gedichte von Johannes Tröndle lesen können würde, ist es andererseits gut, hier einen sehr komprimierten und konzentrierten Gedichtband in Händen zu halten, dessen Gedichte fast alle im Dialog miteinander stehen. Das führt dazu, dass man schon sehr schnell hin und her zu blättern beginnt um den Klangechos der Worte nachzuspüren. Denn die Gedichte von Johannes Tröndle rauschen und klingen für sich und scheinbar von ganz alleine, man muss ihnen nur zuhören, ihnen und ihrem Rauschen, das ein durch und durch überraschendes sein kann, wenn es sich dabei um ein „rauschen aus // den maulwurfshügeln“ handelt, oder auch um ein leicht zeitverzögertes, ist es ein „rauschen von gestern“. Die Gedichte werfen sich gegenseitig immer wieder den Ball, bzw. ihre Worte zu. So spiegelt sich beispielsweise das „zimmern“ aus der Zeile „morgen zimmern wir uns“ zwei Gedichte weiter in „zimmermanns traum“.

Die Gedichte vermitteln den Eindruck einer ruhigen Klarheit, jedes Wort wirkt überlegt und mit Bedacht an seinen Platz gesetzt, aber wie nebenbei und mit viel Leichtigkeit. Und Johannes Tröndle beweist auch Mut zu kurzen Gedichten, die allein aus vier oder fünf Zeilen bestehen.

Das erste Gedicht aus „frühzeit elefantenfarben“ fungiert als Ouvertüre, die ersten vier Zeilen darin lauten:

dem nachtschwärmer
ist nicht unwiderruflich
alle frühzeit
aus dem gedächtnis geschlüpft

Selbst zu diesem Zeitpunkt, beim Lesen der ersten vier Zeilen des ersten Gedichtes, ist uns ein Wort daraus bereits begegnet, wodurch es unwillkürlich besonders heraussticht: „frühzeit“ kennen wir nämlich schon aus dem Titel des Gedichtbandes: „frühzeit elefantenfarben“. Auch die „elefantenfarben“ sind aus einem Gedicht entlehnt, das aber erst etwas später im Gedichtband folgt. Also zurück zur „frühzeit“ des Titels und aus dem ersten Gedicht. Mit Frühzeit sind dabei Kindheitserinnerungen gemeint, welche Johannes Tröndle vorsichtig mittels Gedichten einfängt und aufbewahrt. Der Nachtschwärmer trägt noch Erinnerungen an die Zeit als Raupe und Puppe in sich, das ist die zentrale Aussage oder Metapher des ersten Gedichtes. Deswegen flattern und taumeln verschiedenste Falter durch den gesamten Gedichtband und daher findet sich auch gleich zu Beginn ein Foto einer sich schräg und rücklings abseilenden Raupe.

Die Gedichte, welche Kindheitserinnerungen ausdrücken, sind dabei nicht unbedingt aus der rückblickend reflektierenden Sicht des erwachsenen Dichters geschrieben, sondern eher mit dem staunenden Blick eines Kindes, das noch um die Wunder dieser Welt weiß und der Großmutter glaubt:

das trampolin im garten
bleibt für den fall
dass einer der engel
aus dem ozonloch springt
sagte die großmutter
während wir kinder
dornröschens radieschen rupften
und der großvater irgendwo
über chile
die schallmauer durchbrach

Neben Kindheitserinnerungen ist Musik der zweite große Themenkomplex um den die Gedichte kreisen, bzw. flattern wie Kohlweißlinge oder Frühlingsfliegen. Johannes Tröndle geht offenen, „sonnenoffenen“ Ohres durch die Welt. Dabei hört er so aufmerksam zu, dass er sogar bemerkt, was nicht zu hören ist, wie den mit zitternden Fußspitzen vergeblich gegen die Hörschwelle antrommelnden Weberknecht. Auch der Natur wird in den Gedichten genau zugehört. Johannes Tröndle hört nicht nur das Gras wachsen, sondern auch die „(botschaft der zaunwinde)“, während anderswo ein Lichtstrahl eine kleine Sekund spielt.

Zwei Referenzautoren werden im Gedichtband genannt, denen Johannes Tröndle in Form von je einem Gedicht antwortet: Ilse Aichinger und Gert Jonke. Diese Gedichte fallen nur durch die Nennung der Namen heraus, ansonsten fügen sie sich gut zwischen die anderen Gedichte.

Johannes Tröndle verzichtet auf Interpunktion, verwendet manchmal Klammern und Querstriche und schreibt alles klein. Hin und wieder haben seine Gedichte Überschriften, welche allein dadurch als solche zu erkennen sind, dass sie „elefantenfarben“ (graublau) sind. Auch was Tempowechsel anbelangt (kurze – lange Gedichte) ist der Gedichtband zugleich ausgewogen und abwechslungsreich.

Und noch etwas sollte in einer Rezension zu „frühzeit elefantenfarben“ von Johannes Tröndle nicht unerwähnt bleiben: Der Autor und seine Gedichte haben alle zusammen viel Humor und so bereitet es auch größtes Vergnügen, diese Gedichte zu lesen. Das letzte Gedicht „über wiesen“ beispielsweise wandelt nicht über Feld und Wiesen, sondern beobachtet wie nebenbei und aus den Augenwinkeln eine zarte Bewegung auf dem Konto. Und auch das Gedicht „neue musik“ ist ein überaus fröhliches:

neue musik
morgen zimmern wir uns
aus großvaters kontrabass
ein blau getupftes
ruderboot
und setzen über

Blau getupft ist auch der Gedichtband von Johannes Tröndle, da sich unter dem ausgestanzten Loch des schwarzen Einbandes ein blauer (oder elefantenfarbener?) Tupfer mit einem „h“ darin (für hochroth) befindet. Womit wir wieder am Beginn von „frühzeit elefantenfarben“ wären. Gute Gedichte und Gedichtbände haben nämlich den Vorteil, dass man sie ganz einfach und immer wieder und wieder von Neuem zu lesen beginnen kann.

Johannes Tröndle
frühzeit elefantenfarben
hochroth
2016 · 35 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-902871-86-2

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