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Kritik

Das – wovon auch immer – freie Wort

Hamburg

Das freie Wort hat ein Problem. Es besteht, aber es ist frei nicht zuletzt in dem Sinne, daß es von Lesern und Hörern, die es verstünden, und also sozusagen von Sinn frei ist, so will es jedenfalls scheinen. Ein „intellektuelles Defizit” zuvieler Menschen verhindert, daß Diskurse funktionieren. Das gibt Anlaß zur Sorge, und zwar unter anderem, weil es manchen Anlaß zur Freude gibt: Trumps Bullshit beruht auf solchen Defiziten unter jenen, die an der Urne zuletzt dem Lautesten ihr Gehör schenken – und ihre Stimme.

Wie aber kann man darauf reagieren? Der vorliegende Band denkt darüber lesenswert nach, unter prominenter Beteiligung: Daniela Dahn, Gert Heidenreich, Dagmar Leupold, Sergej Lochthofen, Julian Nida-Rümelin, Norbert Niemann, Georg Picot, Petra Pinzler, Bernhard Pörksen, Fridolin Schley, Gesine Schwan, Thomas von Steinaecker, Johano Strasser und Wolfgang Thierse.

Postfaktisch ist dabei ein vielzitiertes Wort und hier sogar im Untertitel erwähnt, ein Wort, das aber nicht wirklich hilfreich ist:

* Praefaktisches kann wohl kaum gegen das so Bezeichnete helfen;

* Faktisches ist (im Bestfall: epistemologisch begündet) wiederum jedenfalls bedingt, also gerade auch nichts, was Halt gäbe, sondern bloß: x plus die Komplexität, die postfaktisch Sprechende ausblenden, die ein Faktum – ein Gemachtes – verabsolutieren.

Insofern ist das Postfaktische Faktisches, und zwar in den Händen von einerseits Zynikern und andererseits Dummen.

Dumme beklagen, „»meine Meinung«, »meine Probleme«, »meine Sicht der Welt« kommen in den Medien und in den politischen Debatten im Parlament gar nicht vor” – wobei ihnen nicht in den Sinn kommt, daß das eher an diesen Meinungen liegen könnte, die eben nur Meinungen sind, und zwar wenig hilfreich, fruchtbare, aufschlußreiche. Vielleicht sind es nicht einmal die der Klagenden, die ja in ihrem Gleichklang diesbezüglich verdächtig sind.

Aber was hilft das? Die Diagnose von Blödheit und Narzissmus hilft nicht, es sei denn, man würde zynisch begrüßen, wenn beispielsweise der für alternative Fakten besonders empfängliche Pöbel durch Hürden vom Wählen abgehalten würde, was Sanders in Unsere Revolution kürzlich beklagt hat... Oder man müßte erheblich in Bildung und Psychotherapien (bzw. Demütigung durch die gute, alte Kirche, die sich darauf verstand, bis Nietzsche mit seinem Übermenschen auch allerlei anderes entfesselte...) investieren; aber ist dafür genug Zeit..?

Ganz ohne Aufklärung wird es jedenfalls nicht gehen, wobei die, die das Problem zu umreißen suchen, ohne Bildungsbürgerlichkeit nicht auskommen, doxa, episteme, Zitate Julien Bendas und Befunde aus dem Merkur, all das auf drei Seiten des Vorworts... – Insoferne wäre vielleicht zentral, zu beschreiben, was die „Bildungsexpansion” sei, der es bedürfe; bzw.: die es ja ohnehin gibt, Gesine Schwan zufolge; und: was Bildung, abseits diverser Haltungen.

Bildung wäre, zu verstehen, daß „nicht Fakten [...] Bedeutungen” „»basieren«”, so Schwan, sondern „Bedeutungen [...] die Definition [...] von Fakten als aussagekräftigen Tatsachen.” Fakten werden gemacht, wie ihre Relevanz gemacht wird, zu fragen ist also, welche Kohärenz je vorliege – und wem Relevanz eingeräumt wird, wenn einem Faktum, das für einen bestimmten Kreis bedeutsam sei, Gewicht beigemessen wird.

Aber genau dies ist Bildung in der Schule nicht mehr, noch die Wendung von den Hausaufgaben, die eine Regierung zu machen habe, spiegelt dies, eine Bagatellisierung gewissermaßen der Schule und der Politik, in beiden geht es nicht um Ausbildung und Unverrückbares, das man nur exekutieren müsse. Daß „die griechische Regierung eine andere Deutung der »Hausaufgaben« vertrat”, als Schäuble, zeigte, was vergessen wurde – und wie Fakten selbst eben postfaktisch wurden...

Käme man dahin, derlei zu verstehen, (miß-)verstünde man manches nicht so einfach als Schwarz und Weiß, etwa, einem im „Westen” verbreitetem „Narrativ” gemäß, das Nida-Rümelin kritisch referiert, daß „Russland Geopolitik betreibe”, derweil „der Westen lediglich die Achtung der Menschenrechte und die Stabilität der Weltordnung als Ganze [sic!] im Blick habe” – was ungefähr so klug wie die Umkehr wäre, wonach Putin unbestechlich für Ordnung sorge, während USA & Co. Expansionsgelüste hätten. – Ob das und noch anderes mehr aber eigentlich zum Thema des Buches gehöre?

In der Tat, manches hier ist lesenswert, aber überrascht kompositorisch, um es einmal neutral zu formulieren. Dagegen wird wenig zu dem Konsens des Buches gesagt, daß man, was (politisch) sei, „nicht den Dummköpfen überlassen” sollte – von Schwan abgesehen, deren Beitrag man das schon ein wenig ablesen kann, die aber auf 13 Seiten auch nur aufschlußreiche Schlaglichter liefern kann, angesichts derer die zentralen Begriffe doch nicht ganz klar werden.

Fazit: viele Fragen, dazu allerlei Antworten, oftmals freilich ohne erkennbaren Bezug zu der wichtigen Grundfrage, wie das freie Wort zum postfaktischen Zeitalter stehe, stehen könne und stehen solle.

Johano Strasser (Hg.)
Das freie Wort
Vom öffentlichen Gebrauch der Vernunft im postfaktischen Zeitalter
Allitera Verlag
2017 · 208 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-86906-983-8

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