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Kritik

Fragend schreiten wir nach Griechenland

Hamburg

John Holloway ist ja weltweit der bekannteste Autor der insgesamt acht Autor*innen dieses gemeinschaftlichen Buches. Er ist Professor am Instituto de Ciencias Sociales y Humanidades „Alfonso Vélez Pliego“ der Benemérita Universidad Autónoma de Puebla in Mexiko. Einer der Autoren ist Doktorand an diesem Institut und eine hat ihren Doktorgrad dort erworben. Alle drei zusammen sind die Herausgeber dieser Sammlung von acht Aufsätzen. An den Namen kann man auch erkennen, dass alle sieben Co-Autor*innen Griech*innen sind (Holloway ist dagegen Ire). Man kann sich also vorstellen, wie die Idee zu diesem Buch entstanden ist. Holloway und die beiden Griech*innen an seinem Institut kamen auf die Idee, sich kritisch mit der Griechenlandkrise auseinanderzusetzen, und sie haben dazu weitere befreundete Griech*innen aus dem akademischen Umfeld weltweit angesprochen, doch ebenfalls an diesem Projekt mitzuwirken.

Der Zeitraum, der in diesem Buch behandelt wird, also die jüngere Geschichte des Widerstands in Griechenland, beginnt im Dezember 2008 mit den Aufständen im Zusammenhang mit der Ermordung des 16-jährigen Alexis Grigoropoulos in Exarchia (dem anarchistischen Stadtviertel Athens). Also noch vor der eigentlichen griechischen Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2010. Diese Geschichte umfasst die Antimemorandenkämpfe (Mai 2010 bis Juli 2015), den Aufstieg und Fall von Syriza (gewonnene Wahlen im Januar und September 2015) sowie das Referendum zum dritten Memorandum, das von der Mehrheit der Griechen im Juli 2015 mit Όχι = Nein beantwortet wurde. Trotz dieses klaren Votums knickte die Syriza-Regierung vor der Troika ein: „Das Dogma 'There is no alternative' erlebte seine Rückkehr, als die 'Regierung der Hoffnung' [mit diesem Slogan warb Syriza für die Wahl im Januar 2015 für sich] auf die Mauer der Realität prallte.“

Der Aufsatz 1 („Jenseits der Hoffnung: Aussichten der Commons im Griechenland der Sparpolitik“) beschäftigt sich mit den seinerzeit diskutierten Plänen. Nämlich 'Plan A' als „Reform und Umverteilung“, 'Plan B' als „nationale ökonomische Umstrukturierung außerhalb der Eurozone“ und 'Plan C' als „eine von der Basis ausgehende Reorganisierung von Politik und Wirtschaft um die Commons herum“. Der Fokus dieses Aufsatzes liegt aber eindeutig auf 'Plan C'. Es geht darum, über „Initiativen als 'soziale Selbstverteidigung gegen die Krise' hinauszugehen“, in Richtung eines Zukunftshorizonts. Wesentlicher Punkt spielen dabei die Commons „als 'autonome Räume, die wir nutzen, um die Kontrolle über unser Leben und unsere Reproduktionsbedingungen zurückzufordern und auf der Basis des Teilens und des gleichen Zugangs Ressourcen zur Verfügung stellen'“ (zitiert nach Caffentzis und Federici). Als Beispiele für diese „Commonisierung“ werden erwähnt: die selbstverwaltete Fabrik Vio.Me, die Bewegung gegen die Privatisierung des Wasserwerks von Thessaloniki sowie die Bewegung gegen „die umweltschädliche Goldmine in Chalkidiki“.

Aufsatz 2 („Die Regierung der Hoffnung, die Hoffnung, an der Regierung zu sein, und die Rolle der Wahlen als Wellenbrecher radikaler präfigurativer politischer Prozesse“) legt den Fokus auf die Wahlen (in Griechenland) und ihren Einfluss auf die Bewegungen. Sie kann belegen, dass „die Mobilisierung auf der Straße auf ein Minimum zurück [geht], sobald eine linke [...] Partei einmal als ernsthafte Kandidatin für die Regierung wahrgenommen wird. Und wenn die Partei die Wahlen dann gewinnt, folgt [...] eine [...] 'Zeit der Flitterwochen'“. In diesem Sinne fungierte „Syriza [...] als 'Wellenbrecher' gegen die Basisbewegungen.“ Obwohl Syriza diverse Basisbewegungen unterstützt hat. Aber sobald sie an der Regierung war, hat sie sich gegen alle Bewegungen gerichtet, die ihr zu 'radikal' waren. Es werden zahlreiche Beispiel von griechischen Bewegungen genannt, die sich in den Bereichen „Autonomie, Selbstorganisierung, Horizontalität und direkte Demokratie“ engagieren. Neben Vio.Me und einem Teil der Wasserrechtsbewegung von Thessaloniki werden genannt: das 'Besetzte ERT', die Stadtteilversammlungen und die Sozialkliniken. Bis heute soll es in Griechenland noch 70 solcher Initiativen geben.

Der Aufsatz 3 („Das Kapital ist die Katastrophe der Menschheit: Wir müssen es brechen. Und wir sind die Katastrophe des Kapitals: Es muss uns brechen. Mit anderen Worten: Griechenland“) ist von John Holloway. Im ersten Teil fasst er seine Theorien, die er ausführlich in den Büchern Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen und Kapitalismus aufbrechen behandelt hat, zusammen. Im zweiten Teil wendet er sie konkret auf Griechenland an. Er spricht von der „Geschichte eines Angriffs des Kapitals auf die Menschen, die in Griechenland leben“. Und dass der „massive weltweite Schuldenüberhang“ es unmöglich macht, eine Lösung innerhalb des Kapitalismus zu finden. Auch verabschiedet er sich ganz klar von den Möglichkeiten der Reform oder der Revolution. Für ihn zeigt sich folgerichtig: „Der dramatische Absturz der Syriza-Regierung als Regierung der Hoffnung ist der Tod der staatszentrierten Politik“. Für ihn liegt die Lösung eher darin, dass möglichst immer mehr Menschen 'Nein' zum Kapital sagen, indem sie ihre „Abhängigkeit von der Beschäftigung durch das Kapital“ brechen. Also andere Lebensweisen, andere Produktionsweisen aufbauen. Hier sieht er die Commons als wesentlich an, eine Vergemeinschaftung.

Aufsatz 4 („Über Antimemorandenkämpfe und Demokratie, die (nicht) kommt“) beschäftigt sich mit der Demokratie. Nämlich dem Gegensatz zwischen 'Demokratie-als-Staat' und 'Demokratie-als-Bewegung'. Und diese beiden Ansätze waren auch bei den Antimemorandenkämpfen auf dem Syntagma-Platz sichtbar, der sich unterteilte in einen 'oberen Platz' und einen 'unteren Platz'. Es geht um die Frage, ob man Demokratie „auf Fragen der Umverteilung des Reichtums“ reduziert oder sie „als Vehikel des Wunsches nach Freiheit und Gleichheit“ sieht. In Griechenland war zwar auch eine 'Demokratie-als-Bewegung' sichtbar, aber sie hat letztendlich gezeigt, „dass sie noch nicht fähig war, sich eine nicht-kapitalistische Welt vorzustellen.“

Im Aufsatz 5 („Krise, Staat und Gewalt: das Beispiel Griechenlands“) geht es um die Einordnung der Krise. Zitiert nach Walter Benjamin: „dass der 'Ausnahmezustand', in dem wir leben, die Regel ist.“ Oder mit den Worten aus Goethes Faust: „Krieg, Handel und Piraterie drücken lediglich die Logik und Brutalität der kapitalistischen Welt aus.“ Der Text ist immer nahe dran an der Krise in Griechenland. Wobei die Demokratie dabei nicht gut wegkommt und das Referendum vom 5. Juli 2015 eine besondere Bedeutung hat: „Außerdem zeigte das Oxi, dass Demokratie kein Vehikel radikalen Wandels sein kann. Ganz im Gegenteil: Die Demokratie existiert gerade, um die Verhältnisse so zu erhalten, wie sie sind. [...] aber es [das Oxi] war ein Augenblick der Würde und der Weigerung, zu allem Ja und Amen zu sagen.“ Auch Panagiotis Doulos sieht eine Lösung nur in uns selbst: „Aber stattdessen können wir der wahre Ausnahmezustand gegen den permanenten Ausnahmezustand werden. Der Sturm ist hier, jetzt. Das ist die Herausforderung.“

Aufsatz 6 („Wessen Leben zählen? Nationalismus, Antifaschismus und die Beziehungen zu den Immigrant*innen“) beschäftigt sich mit dem Umgang mit Immigrant*innen. Die Autorin bescheinigt den linken Bewegungen, dass sie zwar Solidaritätserklärungen an die Immigrant*innen abgegeben haben, dass da aber trotzdem immer eine Trennung geblieben ist. Das liegt darin, dass sie meistens einem linken Nationalismus anhängen, der von einer national definierten Klasse ausgeht, zu der die Immigrant*innen ja gerade nicht gehören.

In Aufsatz 7 („Imperialismus und Internationalismus in der neoliberalen Moderne“) geht es um den Neoimperialismus, der es den supranationalen Eliten erlaubt, durch die Institutionalisierung der Bedingungen lokale Wirtschaften der internationalisierten Marktwirtschaft unterzuordnen. Griechenland ist dafür ein gutes Beispiel, das sich mit seiner subalternen Position gefälligst zufrieden geben soll. Dazu gehört auch die „Auslöschung jeder Vorstellung von lokaler Selbstversorgung und zur absoluten Abhängigkeit der einheimischen Wirtschaft“. Die EU wird dabei kritisch als „eine herrschaftsfixierte politische Organisation mit supranationalen Merkmalen“ gesehen. Auch in diesem Text wird davor gewarnt, dass alternative Bewegungen in Form eines proletarischen Internationalismus „häufig in einen defensiven Nationalismus als letzte Bastion zur Verteidigung des Proletariats zurück[fallen]“.

Aufsatz 8 („Krise und Negativität: Über das revolutionäre Subjekt in Zeiten der Krise“) beschäftigt sich mit dem revolutionären Subjekt. Der Text geht ins Philosophische, der aufbaut auf Adorno, Hegel, Lukács, Hardt und Negri. In Anlehnung an Hardt und Negri ist das Ziel dieses Subjekts, Autonomie zu erlangen durch einen Zustand der bzw. die Fähigkeit zur Selbstverwertung. Also die Kunst zu erlernen, sich selbst zu regieren. Das ist auch notwendig, da die Zeiten unsicherer werden, „die bisherigen Trennlinien zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit lösen sich auf“. Der falsche Weg linker Bewegungen liegt darin, „die zentrale Rolle des Staates als Regelmechanismus und Garant des sozialen Lebens [nicht] infrage zu stellen“ oder auch den „Schuldigen“ jenseits der nationalen Grenzen zu suchen. Es geht vielmehr darum, Klassenbestimmtheit infrage zu stellen „als das Subjekt, das sich gegen seine eigene Geschichte bewegt, eine Geschichte, die uns geradewegs in die Auslöschung führt.“

Die acht recht unterschiedlichen Aufsätze beleuchten die Krise in Griechenland aus unterschiedlichen Perspektiven. Aber es sind doch markante Punkte, die mehrfach im Buch auftauchen. Da sind zum einen die Eckpunkte dieser Krise: Die Ermordung von Alexis Grigoropoulos am 6. Dezember 2008, die Bewegung der Plätze, das Referendum vom 5. Juli 2015, das mit dem Nein eine “Klassenwut“ zum Ausdruck brachte. Ein Punkt taucht sogar viermal im Buch auf, nämlich dass Syriza als eine linke Regierung Sparmaßnahmen etc. durchsetzen konnte, was eine mehr rechts stehende Regierung niemals gekonnt hätte. Wegen der Vielfältigkeit dieses Buches gibt es auch keine Schlussfolgerungen, sondern einen „Anti-Epilog“ als neuntes Kapitel. „So, wie die sozialen Widerstände-und-Rebellionen gegen das allgemein herrschende Unrecht keinen Epilog haben, denken wir auch, dass dieses Buch keine Schlussfolgerungen haben kann.“ Es bleibt die zentrale Frage: „Was liegt jenseits der Krise?“

John Holloway (Hg.) · Panagiotis Doulos (Hg.) · Katerina Nasioka (Hg.)
Über die Krise hinaus …
Weiterdenken nach dem Scheitern der ›institutionellen Hoffnung‹ in Griechenland
Übersetzung:
Michael Schiffmann
Unrast Verlag
2020 · 304 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-89771-078-8

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