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Kritik

Das stammelnde Tagebuch

Hamburg

Der letzte Roman des Peruaners José Maria Arguedas blieb unvollendet. Nicht nur das, mit dem gleichzeitigen Scheitern des Werks, erklärte sich auch der Autor selbst als gescheitert und erschoss sich. Das Romanfragment mitsamt dem Tagebuch seiner Entstehung, „hineingeraten“ zwischen die Seiten, ist ein in der Gesamtheit eigenartiges Stück Literatur. Ursprünglich postum 1971 erschienen, hat sich der Wagenbach Verlag in seiner sehr empfehlenswerten Reihe der Oktavhefte, dem Roman angenommen, und ihn in einer Neubearbeitung, mitsamt Einführung und Anhängen, von Matthias Strobel übersetzt, 2019 herausgebracht.

Sein Titel Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten, ist, ein wenig rabiat ausgedrückt, schon das Beste am Text. Enigmatisch, frisch und jede Menge Felder bereithaltend, steht er da auf dem Umschlag. Doch leider löst der Roman, oder das, was es von ihm gibt, nahezu nichts von dieser Saat ein. Der tragische Arguedas litt nicht nur an schweren Depressionen, er litt an dem Roman selbst, ___STEADY_PAYWALL___den er zu keiner Zeit zu beherrschen wusste. Wie er in dem Tagebuch, das eine ganz andere Sprache spricht als das Manuskript, schreibt, sind die beiden Füchse Statthalter der Quechua-Mythologie, die aus einem Unendlichkeitsprinzip heraus, „die Dinge am Laufen halten“, könnte man sagen. Aber nicht in Chimbote, Ort der Handlung und einer nicht fiktiven Stampfstadt der Fischmehlindustrie an der wüstenartigen peruanischen Küste. Panamericana, Pelikane und überfischte Sardinenschwärme sind die Koeffizienten am Fuße der Anden. Eine Art Cannery Row Südamerikas, könnte man glauben. Doch anders als Steinbeck lässt Arguedas, der mit Spanisch und Quechua aufwuchs und den Roman in beiden Sprachen verfasste, eher einen dos Passos Ansatz der Montage verschiedenster Milieus (und Sprechweisen) in Chimbote aufeinandertreffen.

Natürlich ist die Handlung sozialkritisch aufgebaut. Die Stadt ist beherrscht vom großen Paschi, dem nicht nur die Flotten gehören. Sondern auch das Geld, das er den Fischern ausbezahlt, hat sämtlich in seine eigenen Etablissements, Geschäfte und vor allem Bordelle rückzufließen, sodass er, der nebenbei ein Kredithai ist und dem Strom an Zuziehenden nur allzu gern die neue Behausung vorschießt, praktisch der Dreh- und Angelpunkt, der Geist der Industrie selbst, ist in Chimbote – die Destruktivität an sich. Ein großes Aufgebot Menschen kommt in dem hauptsächlich dialogisch funktionierenden Roman zu Wort (Paschi allerdings nie). Aller Sorten Herkunft, Absichten, Träume: Wanderarbeiter, Händler, Sektierer, Nutznießer, Geflohene und indigene Verdrängte. Dass alle eine andere Sprache benutzen, will die Übersetzung herausstellen, in dem sie sich viel Mühe gibt, die im Original vorhandenen Unterschiedlichkeiten auszuarbeiten: falsche Vokale, krude Grammatik, Quechua gegen Akademismen, Hochgestochenes oder Normalo-Sprechen. Das ist an sich reizvoll, durch das fehlende starke Rote-Faden-Element, das auch Arguedas selbst eben sehnlichst sucht, liest es sich allerdings wie ein ordnungsloses Nebeneinander schwer einordnenbarer Episoden.

Stellenweise sehr gelungene Passagen treffen auf weniger gelungene, der wirkliche Funke, der Fuchs will einfach nicht aufkommen, genauso wenig auftreten. Auf eine verrückte Weise ist aber vielleicht genau dieser Zustand eines merkwürdigen riesigen Schleppnetzes aus Illusionen, Plänen und Handwerk genau das, was diesen „Un-Ort“ Chimbote, den Arguedas gleichwohl liebt, also ist es kein „Un-Ort“, zum Zeitpunkt seines Porträts wohl ausmacht: unvollendetes Wachstum. Blind und wild, komplex und nicht fassbar.

Warum außerdem die Veröffentlichung dennoch zu lesen lohnt, geschieht eben aus seiner dokumentierten Versehrtheit heraus. Immer wenn das Manuskript stockt, kommt Arguedas selbst zu Wort. Schonungslos privat, am Ende seiner Kräfte und, wir kennen den Schluss, trotz aller Zaghaftigkeit finster entschlossen, hier mit einem Revolver aus Chile dem ganzen „Gefühl, zu ersticken“ ein Ende zu machen. Es ist zu lesen, dass Arguedas, der in Juan Rulfo einen prominenten Fürsprecher hatte, sich selbst bei weitem nicht zu den boomenden Magischen Realisten zählte, und speziell von Lezama Lima oder Fuentes, Cortázar, Vargas Llosa nichts wissen wollte. Was bleibt, ist eine Mélange aus Wucht und Unwucht, vielleicht doch zwei Füchsen, aber anders als gedacht.

Der Fahrer spürte die Messerspitze im Nacken. Fuhr schneller.
„Fischer immer Gesindel, hören Sie, Fahrer. Nüchtern, betrunken, auf Meer, im Puff, überall, immer Gesindel. Hast Schreck gekriegt, was? Gut, steck Messer weg, zahl gut brav Fahrer. Bring mich Hotel Florida.“

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Chimbote ist die Stadt, die ich am wenigsten begreife und die mich doch so sehr begeistert. Wenn Sie nur sehen könnten! Ich habe Angst, ich schaffe es wirklich nicht, dieses verfluchte dritte Kapitel zu beginnen!

[...]

Gestern Abend habe ich beschlossen, mich in Obrajadillo, Provinz Canta, oder in San Miguel zu erhängen, sollte ich keinen Revolver auftreiben können. Für den, der mich findet, wird das kein schöner Anblick werden, aber Erhängen führt nun mal, wie ich mich vergewissert habe, den Tod rasch herbei. In Obrajadillo und San Miguel könnte ich zuvor noch die umherstreunenden Schweine am Kopf kraulen, freundlich mit den Hunden plaudern und mich vielleicht sogar mit einigen dieser Straßenköter in der Erde wälzen, sollten sie die extreme Güte haben, mich vorübergehend als einen der Ihren zu betrachten.

José Maria Arguedas
Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten
Übersetzung:
Matthias Strobel
Wagenbach
2019 · 320 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-8031-3316-8

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