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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
Kritik

Überall schmelzende Energiebalken

Hamburg

Avatare, eingefroren in einer virtuellen Umgebung, von der niemand so genau weiß, wer sie programmiert hat. Sie können nur noch die Augen minimal nach links und rechts bewegen, die Schrecken einer unübersichtlich gewordenen, potentiell bedrohlichen Welt in sich fluten lassen, ohne Möglichkeit, zu handeln.

Beinahe unheimlich prophetisch erscheint Joshua Groß‘ Roman „Flexen in Miami“ in der heutigen Zeit. Nicht nur die Figuren in dem seltsamen Spiel namens Cloud Control, auch seine Charaktere im realen Leben müssen vor allem eines lernen: „mit der Ungewissheit, mit dem ausartenden Stillstand umzugehen.“ Allen voran das literarische Alter Ego des 1989 in Grünsberg geborenen Autors, der ebenfalls Joshua heißt und zu Beginn des Romans in einem kleinen Apartment in Miami vor sich hinvegetiert, gefangen in zerfasernder Gleichzeitigkeit, „in der Hand mein Phone, vor mir der Laptop, überall schmelzende Energiebalken, draußen helllichter Tag“. Zwar ist es hier kein Pandemie-Shutdown, der den Erzähler lahmlegt, sondern vielmehr ein einjähriges Aufenthaltsstipendium der ominösen Rhoxus Foundation – der Zustand des absoluten Ausgeliefertseins an eine fremde Macht in Verbindung mit einer durchaus existenziell zu nennenden Verunsicherung dürfte sich ähnlich anfühlen. In regelmäßigen Abständen lässt die Stiftung Joshua via Drohne Survival-Pakete mit Astronautennahrung, Marihuana und Geld zukommen, ansonsten hat sie sich völlig zurückgezogen. Nicht einmal die Klimaanlage kann Joshua kontrollieren – was die Auslagerung unserer Wünsche und Befindlichkeiten an eine vermeintlich smarte Umgebung ziemlich treffend karikiert. Subtiler und zugleich perfider wird das Ganze noch, als sich ein sprechender Kühlschrank dazu gesellt. Zwar schafft der es, die Klimaanlage zu manipulieren und dadurch dem Ich-Erzähler zunächst ein höheres Maß an Freiheit und Flexibilität zu suggerieren, jedoch entwickelt auch der Kühlschrank nach und nach ein schwer durchschaubares Eigenleben.

Wer Groß‘ bisherige Werke kennt, weiß, dass ihnen „ein Misstrauen gegenüber dem Wirklichen, eine parawissenschaftliche Wachheit bezüglich der Instabilität“ zentral eingeschrieben ist. Stilistisch schlägt sie sich nieder in einer magisch-realistische Grundstimmung, durchsetzt mit leicht ironisiertem Hip-Hop-Slang. Als „wavy und schwermütig“ beschreibt sich der Ich-Erzähler an einer Stelle; das „Flexen“ des Titels hat sich IRL derart verschliffen, dass es – je nach Kontext – alles und nichts bedeuten kann. Es beschreibt, letztendlich, das Dasein an sich – und Joshuas Dasein ist, wie es mehrmals heißt, ein hypothetisches. Oder vielmehr ein hyperreales?

Nicht nur besteht Groß‘ Miami aus weichgezeichneten Klischeebildern, inklusive Palmenstränden und türkisfarbenen Motels, so gut wie alles Beschriebene schwankt beständig zwischen schreiend unecht und bestürzend überreal: „Der Himmel sah aus wie eine Karaokeversion seiner selbst“, heißt es da, oder: „Der Donner hörte sich reguliert an.“

Analoge und virtuelle Welten vermischen sich zusehends, je öfter, je länger sich Joshua in Cloud Control herumtreibt. Der unheimliche Clou dieses Spiel besteht nämlich darin, dass es auf die sozialen Netzwerke und Email-Accounts seiner User zugreift und feindlich gesonnene Spams ihrer Freund_innen kreiert, die danach trachten, die Avatare einzufrieren. Und als gäbe es zwischen den Buchdeckeln nicht schon genug Querverweise und Meta-Ebenen, erinnert dieses Game überdies an ein weiteres fiktives Spiel: „Das Elend der Welt“, das Juan S. Guse für seine sogar am selben Ort angesiedelte Dystopie „Miami Punk“ erdachte. Eine verblüffende Überlappung von Fantasien, die sicherlich nicht geplant war – im Gegensatz zu den mannigfaltigen Überschneidungen der Realitätsebenen in „Flexen in Miami“: Im Virtuellen kreiert sich Joshua einen Avatar, der von einer fluoreszierenden schwebenden Kompassqualle begleitet wird; IRL hört er das Album „fluorescence“ des (fiktiven) Rappers Jellyfish P. Wenig später begegnet ihm bei einem Basketballspiel die Meeresbiologin Claire, in die er sich, nach einer satirisch überdrehten Verkettung von Zufällen in Rom-Com-Manier, quasi schockverliebt. Ihr Forschungsgebiet, wie könnte es anders sein: Quallen. Kaum haben die beiden eine leidenschaftliche Affäre begonnen, eröffnet sie ihm, dass sie schwanger ist. Das Kind könnte von ihm sein – möglicherweise aber auch von Jellyfish P., eben jenem Rapper, dessen Musik Joshua ohnehin verehrt. Dass etwa zeitgleich in einigen obskuren Foren das Gerücht kursiert, Jellyfish P. könnte ein in Cloud Control entstandener Spam sein, der es geschafft hat, sich IRL zu materialisieren, überrascht da eigentlich kaum noch.

Spätestens im letzten Buchdrittel zerfließt der Plot auf eine Art, die vermutlich genau kalkuliert ist, sich jedoch ziemlich unkontrolliert anfühlt. Joshua raucht immer mehr Dope und verbringt immer mehr Zeit in Cloud Control, Jellyfish P. wirft immer mehr rosa Pillen ein und drückt zur Beruhigung auf Unmengen von Luftpolsterfolie rum. Gemeinsam begeben sie sich auf einen nicht eben logisch motivierten Trip – man weiß zu diesem Zeitpunkt nicht mehr genau, ob in echt, auf Drogen, oder im Digitalen – in die Sumpfgebiete Floridas. Es geht irgendwie um die Suche nach Impaktglas und Psychominze und die Verbindungsstellen zwischen Paralleluniversen. Und zwischendurch immer mal wieder auch um Claires ungeborenes Kind.

Einige dieser irren Wendungen, schrägen Bilder und synästhetischen Metaphern kapiert man wohl nur, wenn man zufällig gerade auf demselben High reitet wie Groß‘ Erzähl-Ich. In einer Art ausgelagerten Selbstreflektion sagt der über Jellyfish P.: „Seine Sehnsucht nach Crash und Katharsis ist fast krankhaft“. Wer sich nun allerdings so etwas wie ein Dénouement erhofft, hat sich getäuscht. Schließlich ist es gerade die permanente Spannung zwischen Stillstand und Aufgekratztheit, die Groß so zielsicher einfängt. Der Kollaps verlagert sich in parallele Universen; eine seelische Reinigung bleibt aus.

Stattdessen wird ein Reinigungsroboter im Meer ausgesetzt – dies nur als Beispiel, wie Groß letztendlich doch, unaufdringlich aufgespannt zwischen Melancholie und Klamauk, die drängenden Fragen der Gegenwart aufgreift. Nicht nur die nach der potentiellen Autonomie von Maschinen, auch die nach Macht und Verteilung. Was sich in Cloud Control abspielt, offenbart sich mehr und mehr als verzerrtes Abbild des Selbstekels, den Joshua immer wieder verspürt, eine invertierte Spiegelung jenes vagen, knapp unter der Oberfläche lauernden Schuldgefühls, das wohl alle dann und wann heimsucht, die auf die ein oder andere Weise von kapitalistischen und kolonialistischen Ausbeutungsverhältnissen profitieren. Nicht politische Abhandlungen oder mahnende Zeigefinger bringen bei ihm die Dinge auf den Punkt, sondern die Tracks von Jellyfish P., deren düsteren, verschleppten Autotune-Sound Groß in einer Ausführlichkeit beschreibt, dass man meint, ihn bereits auf Repeat gehört zu haben. „Und weil es keine Systematik gebe, in Umbruchzeiten“, zitiert Joshua den Rapper, „würden wir neue Erklärungen suchen müssen, mit geweiteter Wahrnehmung.“ Spätestens jetzt, wo die Membran unserer vermeintlich sicheren Blasen endgültig gerissen ist, dürfte die Zeit dafür reif sein.

Joshua Groß
Flexen in Miami
Matthes & Seitz
2020 · 199 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-884-6

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