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Kritik

Tucsonics

Hamburg

Eigentlich habe ich Beißhemmungen. Aber diese Gedichte nerven mich. Deshalb polstere ich mein schlechtes Gewissen vor meinem Gemaule mit Bildungszeugs aus. (1) Cechov soll gesagt haben, er beurteile Literatur nur danach, ob sie ihm gefalle oder nicht. (2) Von Johann Christian Reil (1759-1813), Arzt und Buchautor, stammt die Aussage: Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es hohl klingt, dann liegt es nicht immer am Buch. (3) Walter Benjamin meinte, ein Kritiker solle sich das zu Kritisierende so vornehmen wie ein Kannibale einen Säugling. (4) Eigentlich müsste noch mindestens eine weitere Besprechung des Gedichtbands Tucsonics geschrieben werden – und die sähe das alles hoffentlich ganz anders als ich.

Es ging also so zu. Mein Kopf stieß mit diesen Gedichten zusammen (ich erhielt das „Exemplar No. 23“)– und es klang hohl, mein Kopf tat weh. Mir (vgl. Cechov) gefallen diese Gedichte nicht, ___STEADY_PAYWALL___ und vielleicht können meine kannibalischen Neuronen wenigstens etwas an subjektiver Begründung liefern, warum das so ist.  

Es geht um das alte Thema Inhalt und Form. Und was hier an Form aufgeboten wird, das ist wahrlich alles, was die letzten hundertfünfzig Jahre en vogue war. Kleinschreibung: sowieso. Graphischer Schnickschnack (Lücken zwischen den Wörtern, die w i r k l i c h Lücken und nicht bloß langweilige Leerzeichen sind): sowieso. Beatnik- und Poplit-Nachfolge: sowieso („HELL YEAH WE FUCKDIE“). Das august-stammt hier nur so. Siehe das Gedicht Snowbirds: „lookbook schau/top wohn room/leer dream last“ usf. – und das noch englisch-deutsch-hybrid! Das expressionisted und lasker-schülert, dass es eine Art hat. So lautet das Motto eines Gedichts: „das poem ist nackig/aus sternenzeugs gemacht“. Aber ist das überhaupt ein Motto? Es steht ja graphisch etwas abgesetzt? Gehört es zum Gedicht? Soll das ironisch sein? Nun jedenfalls: Obacht! Sinnstrukturen zertrümmern, Vagheiten des Sinns (falls es einen gibt) aufladen-oder-so! Dann gibt es philosophischen Tiefsinn, dass man ganz ertrinken tut, so beim Motto des ganzen Bandes mit einem Wortspiel, das eine Aussage der Anarchistin und Feministin Emma Goldman (1869-1940) mit einbezieht. Pfeiffer: „to the darlings belongs the future“, drunter, das dann noch etwas kleiner und kursiv: „to the daring belongs the future“, beim Gedicht „FRÜCHTE KNOCHEN STAUB BLUMEN“ (Achtung: wichtig! Großschreibung!), da steht abgesetzt vom Gedicht, als Post-Motto (oder wie soll man´s nennen?) „das ding und sein wesen“.

Nicht jeder Satz, der einem am Tag einfällt, ist schon ein Gedicht, weil er fragmentarisch ist, einfach so aus dem Hirn dampft. Wahrscheinlich ist das meiste, was man (und mutmaßlich auch frau) so vor sich hindenkt, einfach nix. Muss das dann gleich ein Gedicht werden? Offensichtlich. Aber vielleicht wäre der folgende Dreizeiler besser im Notizbuch verblieben:  „mitten im Tag/dämmert unbeachtet/vergraben ein schatz“. Ist das nun tiefsinnig? Oder luftig-locker? Oder Verweis auf eine Welt jenseits-von-weiß-der-Teufel-was? Oder ist das jetzt „poetisch“? Wie zum Beispiel auch das folgende Gedicht:

„der stadtplan endet
hier schlägt eine wüste
ihre zelte auf“.

Vielleicht lässt sich mein Unbehagen an zwei Beispielen noch etwas besser verdeutlichen. Da ist zum einen:

„streifzüge zogen uns durch den glamour wir
im link im le silhouette im rialto in der owl´s bar
von west nach südwest dem schreien der züge nach
machen wir tanzenden paare wau wow vor grell
beleuchteten plakaten the white rose ist ein club ist
ein club ist ein club ist ein club ist eine prise
aufbruchstimmung mit trommelwirbel ins shelter

                               saguaro wälder“ 

Wenn man ein Gedicht „übersetzen“ kann, dann sollte es nicht geschrieben worden sein. Und übersetzen lässt sich das ja wohl als ein Streifzug durch Clubs – nicht mehr, nicht weniger. Und da muss nun die arme Gertrude Stein einen Sinn leihen, den es nicht gibt, denn jenseits dessen, dass da halt irgendwelche Feierlaunigen feiern und tanzen – ja, jenseits dessen steht da nichts. Das wird auch nicht durch Wortspiele („streifzüge zogen uns“; „wau wow“) oder einen unreinen Reim (shelter- wälder), der auch noch Kosmopolitisimus suggerieren will, weil der Saguaro Nationalpark in Arizona irgendwie – aber wirklich nur: irgendwie – da hintan gehängt wird.

Was hier passiert, das ist nicht Erfahrung und Verarbeitung von Erfahrung in einem Gedicht, das ist einfach nur Bebilderung oder avantgardistische (aber eben auch die Avantgarde von gestern) Form und Schlagerinhalt – da gibt es manchmal auch einfach nur Kitsch. So im Gedicht: BODY PIECE.

„den mund etwas öffnen
zart die finger
an die lippen legen fühlen
was auch immer es zu fühlen gibt
es in ein herz füllen
bis es überläuft“

Genug filetiert, genug genörgelt. Genug üble Laune verstreut. Weiß der Teufel, wie nun die vertrackten oder nicht vertrackten Verbindungen zwischen Form und Inhalt sind. Aber ein Schlager wird nicht dadurch zu Avantgarde, dass da die neueste bass drum brummelt, der Inhalt bleibt Herzschmerz und das war’s.

Und der Schluss muss lauten, damit mein schlechtes Gewissen zu seinem hohlklingenden Recht kommt: hoffentlich sieht das jemand anders und schreibt da was dagegen.

Judith Nika Pfeifer
Tucsonics
hochroth Wien
2019 · 44 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-903182-41-7

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