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Wir reden über Literatur
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Kritik

der tag riecht nach kaffee und noch ungetrunken

Hamburg

Über Orte zu schreiben und diese in Literatur zu transformieren und somit vielschichtig lesbar und verstehbar zu machen, hat eine sehr lange Tradition und ist zugleich hochaktuell. Nils Röller beispielsweise befasst sich gegenwärtig auf ganz besondere Art und Weise mit dem Tram in Zürich und denkt dabei die Formulierung „Work that Place“ von Charles Olson mit. Charles Olson wiederum schrieb über die Fischindustriestadt Gloucester und führte dabei das Außen, den Ort, mit dem Innen, dem eigenen Atem, über das Schreibgerät, die Schreibmaschine, zusammen. Darüber spricht Nils Röller ausführlich in seinem Literarischen Selbstgespräch. Aber auch viele andere literarische Ortserkundungen aus jüngster Zeit fallen mir ein. Wunderschön beispielsweise ist der Band TAGUMTAGKAIRO von Elisabeth Wandeler-Deck über Kairo, in dem sie sich der Stadt prosaisch, lyrisch und mittels Fotografien zu nähern sucht. Jan Röhnert wiederum arbeitet sich im langen Gedicht Teheran-Fenster, welches das Herzstück seines Bandes Breughels Affen ist, ___STEADY_PAYWALL___an der Stadt Teheran ab und lässt dabei auch viel persische Literatur einfließen. Und die parasitenpresse hat gar eine eigene Reihe zu dem Thema, die Alphabet-Reihe, in welcher jeweils einem bestimmten Bezirk oder Grätzel ein eigenes Alphabet und damit ein eigener Band gewidmet wird. Von A. P. Petermann gibt es da bereits das Nippes Alphabet und von Peter Rosenthal das Ehrenfeld Alphabet. Das Halle Alphabet von Christian Kreis und das von Jonas Linnebank herausgegebene Kalk Alphabet befinden sich derzeit in Vorbereitung für 2020.

In Judith Nika Pfeifers bei hochroth Wien erschienenem Gedichtband Tucsonics geht es nun, wie uns der Titel schon verrät, um die Stadt Tucson in Arizona. Und nicht nur das erfahren wir bereits aus dem Titel, können wir doch schon anhand der leichten Verfremdung „-sonics“ erkennen, dass in den Gedichten auf Schall oder akustische Phänomene besonders geachtet wird und man sie daher nicht nur still lesen und betrachten, sondern sie im besten Fall auch hören sollte. Schon die Geräuschkurve auf dem Titelblatt verweist darauf. Man könnte sie als Herzschlag deuten, geht es in vielen der Gedichte doch auch um Zwischenmenschliches. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um den dreimal wöchentlich in Tucson einfahrenden Zug mit dem schönen Namen Sunset Limited, der so laut ist, dass er in der ganzen Stadt zu hören ist. betäubend die eisenbahn ausm nichts. Zu hören sind aber nicht allein der Zug sondern auch Zikaden, vielsprachige Gesprächsfetzen und sehr viel Musik. die / landschaft begleiten siesta songs e-gitarren und / kleine hirnfilme (klappe)! Tucson wird gleichsam tanzend durchquert, was zur Empfindung führt, der Ort selbst würde sich drehen. Die Gedichte wirken sehr beschwingt, so als wäre im Hintergrund immer Musik zu hören, was auf die Musikalität der Sprache der Gedichte zurück zu führen ist, befinden wir uns doch in Tucsonics, einem verdichteten Tucson.

Judith Nika Pfeifers Umgang mit Sprache in ihren Gedichten ist ebenso fein wie präzise. Klang, Rhythmus und Pausen werden mitbedacht und –notiert durch Abstände zwischen den Worten, Kursivsetzung, Klammern und Ähnlichem. Bei all dieser Genauigkeit lassen die Gedichte ihren Lesern und Leserinnen aber zugleich sehr viel (Frei-)Raum und sich in all ihrer Vielschichtigkeit auf vielerlei Art und Weise lesen. Vieles steht zwischen den Worten und Zeilen und auch wie etwas gesagt wird spielt eine große Rolle in den Gedichten. Judith Nika Pfeifer beschreibt nicht nur mit Worten, sondern macht etwas mit und durch die Worte hindurch erfahrbar, das man so gar nicht in Worte fassen könnte, wie beispielsweise die Weite der Wüste und wie diese die eigene Wahrnehmung verändert, schärft und dazu führt, dass das wenige, das zu sehen ist, umso bewusster wahrgenommen wird.

in sandfarbener wüste
ein weißer schwimmreifen:
ein aufblasbares einhorn
als hätte jemand hier
zu schwimmen gelernt

An den Gedichten lässt sich beobachten, wie die scheinbare Kargheit der Wüstenlandschaft der Sonora-Wüste, an deren Rand Tucson gelegen ist, zu einer intensiveren Wahrnehmung der vorhandenen Geräusche, Gerüche, Gegenstände und Farben führt. dieses irre azurblau [die farbe / von feuer: dieses kleinzarte bleu]. Und zart können nicht nur Farben, sondern auch Geruchswahrnehmungen sein.

riechst du den regen auf zartem
staub die gleise …   die gedanken
den sommer … der leise auf sanften
pfoten […]

Die Gedichte zeichnen sich gerade durch eine sehr große Achtsamkeit und Behutsamkeit aus und das sowohl in Bezug auf den eigenen Umgang mit Sprache, als auch in Bezug auf das Wahrzunehmende und zu Beschreibende.

(schwebend): wir
noch nicht & nicht mehr
weißt du noch als

Bemerkenswert und empfehlenswert ist Tucsonics aus vielerlei Gründen. Es ist ein sehr konzentrierter und komprimierter Band, der dabei zugleich aber unheimlich vielschichtig ist. Tucson als Ort wird einem zum einen inhaltlich näher gebracht, zum anderen aber auch indirekt über die Form und Sprache der Gedichte. Man kann die Gedichte durchaus auch einfach so lesen, genießen und auf sich wirken lassen. Je mehr man jedoch nachforscht und –recherchiert, desto deutlicher versteht man sie als Essenz des Ortes. Und nicht nur das, denn ebenso wie Charles Olson und Nils Röller, denkt Judith Nika Pfeifer beim Schreiben über Tucson den eigenen Atem, also sich selbst als Wahrnehmende mit. Denn mit gleich zwei Gedichten zum Café Traxlmayr in Linz wird ein klar erkennbarer Österreichbezug hergestellt. Es ist eben nicht einerlei, aus welcher Perspektive auf Tucson geblickt und über Tucson geschrieben wird. Ist es doch etwas ganz anderes, ob über eine Stadt als Geburts-, Wohn- oder Heimatstadt geschrieben wird, oder ob über eine „fremde“ Stadt geschrieben wird, die man schreibend erst kennen lernt und bei der einem vor allem auffällt, was „anders“ ist, anders in Bezug auf das persönlich Vertraute. Das hat nichts mit autobiografischem Schreiben zu tun, es geht einfach nur darum, dass hier ganz bewusst der Blick von außen auf Tucson gewählt wurde und es für uns Lesende gut nachvollziehbar ist, dass wir es mit einem Blick von Österreich aus zu tun haben, der das Gesehene in Relation zu Altbekanntem aus Linz bringt und Tucson und Linz damit in gewisser Weise zusammenbringt, zusammensieht.

Die Gedichte schaffen es, das Stadt-Bild von Tucson mit wenigen Strichen einzufangen und damit wie bei einer gelungenen Skizze eine Momentaufnahme des Ortes anzufertigen, der augenblick ein wanderfalter / die stunden wasserfarben. Skizzenhaft sind die Gedichte nicht deswegen, weil sie flüchtig oder beiläufig wirken würden, nein, ganz und gar nicht. Ihre Skizzenhaftigkeit liegt vielmehr in ihrer Lebendigkeit und in ihrer Präzision, mit wenigen Worten viel auszusagen.

Mit den Gedichten lernen wir viele Facetten von Tucson kennen. Als Sitz der University of Arizona ist Tucson beispielsweise auch eine sehr große Universitätsstadt und damit auch eine junge und sehr lebendige Stadt, deren Partymeile, die 4th Avenue, legendär ist und fixer Bestandteil des Stadtbildes. Und so braucht es in einem Band über Tucson selbstverständlich auch Gedichte zu diesem elementaren Teil der Stadt. Eines der beiden Gedichte über die 4th Avenue endet dann dort, wo diese selbst vielleicht tatsächlich oder auch nur metaphorisch endet, dort, wo alles in dieser Stadt am Rande der Wüste endet, selbst die Stadtpläne: in der Stille der Saguaro Wälder. Saguaro ist nicht nur der Name eines Nationalparks in Arizona sondern zunächst einmal der Name einer ganz besonderen und sehr groß werdenden Kakteenart, die eben in Tucson zu finden ist. Saguaro-Kakteen sind sehr imposant und prägen die Landschaft stark, gehören damit ebenso wie die 4th Avenue in einen Gedichtband zu Tucson.

Aber wie kommt das in einigen der Gedichte auftauchende Meer in die Wüste bei Tucson? Durchs Auge der Betrachterin, haben wir es doch hier nicht mit einer gewöhnlichen Beschreibung einer Küste zu tun, sondern mit einer küstenersinnung. Und wenn wir schon im ersten Gedicht des Bandes in der Wüste ausgerechnet auf einen aufblasbaren Einhornschwimmreifen treffen ist es nur naheliegend, dass in weiterer Folge in der flimmernden Wüstenhitze Meereswellen gesehen werden. So jedenfalls lese ich diese Gedichte.

Eine Stadtlandschaft wird vor allem auch durch die Menschen geprägt, die in ihr leben. Und so spielen auch in den Gedichten von Judith Nika Pfeifer Begegnungen mit Menschen eine ganz zentrale Rolle. Eine Stadt am Rande der Wüste ist zugleich eine Stadt am Rande der Gesellschaft und damit immer auch irgendwie Zufluchtsort für Exzentriker und für von der Gesellschaft marginalisierte und ausgegrenzte Individuen. inselkönige u. königinnen u. / zirkusmenschen aller art. Und dann ist Tucson schon alleine durch seine geografische Lage nahe der Grenze zu Mexiko ein Schmelztiegel der Kulturen, was in den Gedichten durch ihre Vielsprachigkeit von Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch ausgedrückt wird.

Jeder Ort hat natürlich immer auch seine Geschichte, die Teil von ihm ist und ihn ausmacht. In Europa lässt sich diese meist gut anhand von Gebäuden auch Jahrtausende zurück verfolgen. In Nordamerika ist das nicht so. Während in Südamerika ganze Tempelanlagen und Städte aus der Kultur der Maya erhalten sind, gibt es in Nordamerika keine großen Gebäude, die Zeugnis von den Menschen geben würden, die dort lange vor der „Entdeckung“ Amerikas durch Columbus lebten und bis heute leben. Auch in Tucson lebten und leben immer noch Indianer, deren Existenz und Überleben bis heute aber von vielen geleugnet wird. Der Name Tucson selbst geht sogar auf eine Bezeichnung dieses Gebiets in der Sprache des Stammes der Tohono-O’Odham-Indianer zurück. Das Schicksal der Indianer in Amerika generell und in Tucson im besonderen ist bis heute keine ruhmvolle und davon handelt das auf Englisch verfasste Gedicht AMERIGA 1.0 Es entstand nach einem ausführlichen Gespräch mit einem von ihnen und bricht das Unrecht auf das Wesentliche herunter, auf Schlagworte wie lied to / betrayed / attacked / killed / made sick / killed & silenced, stellt ihm aber den unbändigen Lebenswillen der Indianer entgegen, die überlebt haben, überleben, leben und hier sind, auch wenn das viele nicht sehen wollen.

In einem anderen Gedicht wiederum geht es um ein weiteres wenig ruhmvolles Geschichtskapitel Arizonas, um die Sklaverei, an der die Südstaaten Amerikas ja besonders vehement und lange festgehalten haben. Erst 1865 wurde die Sklaverei in den gesamten USA abgeschafft. Genannt wird im Gedicht der Name eines ehemaligen Sklaven und auch seine Lebensdaten (c. 1717 – 1747) worauf das Gedicht dann mit der Zeile blinde flecken global (macht)verhalten endet. Diese globalen blinden Flecken sichtbar zu machen, genau darum geht es Judith Nika Pfeifer in ihren Gedichten, die damit ebenso aktuell wie hochpolitisch sind.

Soweit ein kleiner Einblick in die Vielschichtigkeit und Besonderheiten von Tucsonics. Dass der bei hochroth Wien erschienene Band ebenso schön wie sorgfältig und liebevoll gemacht ist, braucht man fast nicht extra zu erwähnen, weil das bei hochroth nun einmal so ist und eigentlich selbstverständlich, obwohl das natürlich überhaupt keine Selbstverständlichkeit ist und allein dem Engagement vieler zu verdanken ist.

Judith Nika Pfeifer
Tucsonics
hochroth Wien
2019 · 44 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-903182-41-7

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