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Kritik

Cross-over und viele Stimmen

Hamburg

#es_wird_etwaskompliziertaberwirschaffendas lautet die Überschrift eines Kapitels aus der Erzählung Violante von Judith Nika Pfeifer. In der Tat ist es nicht ganz einfach, sich in der traurigen Geschichte von Violante, der Herzogin von Paliano, zurechtzufinden. Denn die Autorin greift zwar auf eine Geschichte von Stendhal zurück, ergänzt diese aber mit vielen Stimmen und Kommentaren. Wie viele das sind, kann man im Anhang lesen, in dem sich die Autorin bei über hundert Personen bedankt, die entweder als Protagonisten in der Erzählung auftauchen, als Kommentatoren die Geschichte ergänzen oder Informationen zum Thema lieferten.

Denn während Stendhal, wie er sagt, bewusst vermieden hat, an manchen Stellen in Einzelheiten zu gehen, weil er sich nicht sicher war, was diese italienischen Menschen des Jahres 1559 fühlten, wird die Geschichte bei Judith Nika Pfeifer szenisch, multiperspektivisch und in mehreren Sprachen erzählt. Doch zuerst die Fakten, dann die Möglichkeiten.

Es geht um die mächtige Familie Carafa, deren Oberhaupt Papst Gianpietro Carafa ist. Dieser hat drei Neffen, Giovanni, den Herzog von Paliano und gleichzeitig Violantes Ehemann. Außerdem gibt es noch den oberintriganten Kardinal Carlo und schließlich Antonio, Marchese von Montebello. Durch Raub und Gewalt nehmen sich diese drei nicht nur unrechtmäßig Ländereien, Geld, Besitz, Frauen und Mädchen, sondern leiten bald eine kuriose Mischung aus Industrie-Holding, Mafia-Clan und einem amerikanischen (süd-us-amerikanisch-egal) Militärregime. (Tick, Trick und Track nennt die Autorin sie an einer Stelle, was die Neffen Donald Ducks eigentlich nicht verdient haben.)

Nun haben die Carafa-Neffen das Pech, dass ihr Onkel-Papst sehr streng ist und ihnen wegen ihres unzüchtigen und unmoralischen Verhaltens Ämter sowie Ländereien entzieht und sie aus Rom weg in einsame Dörfer verbannt. Hier in der Langeweile des Landlebens ereignet sich nun die Affäre zwischen Violante und einem entfernten Cousin der Herzogin Marcello Capecce. Obwohl Violante bis zu ihrem Tod ihre Unschuld beteuert, werden sie und Capecce ermordet. Diese hier verkürzt wiedergegebene Handlung wird nicht wie bei Stendhal an einem Stück erzählt, sondern ständig unterbrochen, um sie durch Blicke von außen zu beleuchten.

»Violante« basiert auf der wahren Geschichte eines Ehrenmordes – ein furioses Cross-over aus großer Oper und einem Script für einen Quentin-Tarantino-Film« heißt es auf dem Buchumschlag. Und in der Tat enthält die Erzählung viele filmische Elemente. Zoom auf feiernde Menschenmenge, Zoom auf Antonio Carafa, es wird erklärt, wer nicht im Bild ist, was im Vordergrund geschieht, wo sich ein Spoiler befindet und ein späteres Kapitel heißt #abspann. Sprachlich brauchte man im Kino vielleicht einige Untertitel, wenn beispielsweise wie hier im Zusammenhang mit Herzogin Violante der italienische Dramatiker aus dem 15. Jahrhundert Ludovico Ariosto zitiert wird:

Impossibly beautiful./ Chez nous on dirait photogénie. / È ancora libero questo posto? / Ma certo, prego. / Weißt du, was sie angeblich gesagt hat? / Wem? / Isabella. Isabella? / Ja, Isabella. / Na, sag schon. Psst. / Ssst, piano! Sie sagt etwas. / La luna non è che il complimento della terra, il suo rovescio speculare, il luogo dove s’aduta tutto ciò che

Durch die verschiedenen Außenblicke wird dem Leser ein vielschichtiges Bild von Violante geboten. Dass sie ungewöhnlich schön ist, schreibt schon Stendhal. Schön und stolz, was auch Judith Nika Pfeifer anführt, aber, so ergänzt sie, stets sei sie diskret, nie bitchig. Der Herzog versichert zu diesem Zeitpunkt noch, er würde Violante nie etwas tun, was sie traurig macht, bald wird er seine sogenannte Ehre über dieses Versprechen stellen. In zwei Abschnitten wird im Stil einer Boulevard-Zeitschrift auf Deutsch und auf Englisch, Violantes Schwangerschaft verkündet. Dazwischen ist von einem Mohair-Mantel und Gucci die Rede, die Frau aus dem sechzehnten Jahrhundert also mit zeitgenössischer Mode in Zusammenhang gebracht. Violante ist, wie es in der Überschrift zu diesem Kapitel heißt, nezeitlang#vom_glück_bevorzugt.

In dem Abschnitt, in dem Violantes Liebhaber erst brutal gefoltert und dann ebenso brutal erstochen wird, kommt Tarantino zu Wort, der sagt, extreme Gewalt eigne sich am besten, um Emotionen des Publikums zu kontrollieren. Die Gewalt, die Violante widerfährt entwickelt sich allerdings relativ langsam, bis es zum tatsächlichen Mord kommt, was sich laut Autorin nach Hitchcock rules abspielt. Von Beginn an ist klar, dass es sich hier um eine »Frage der Ehre« handelt. Aber von Beginn an geht es auch um politische Ereignisse, denn der Papst-Onkel ist gestorben und die Carafas wissen nicht, wie sich der neue Papst zu ihnen verhalten wird.

Weil der Herzog zögert, seine schwangere Frau umzubringen, schreibt Kardinal Carlo

Tag für Tag Brief um Brief an seinen Bruder, den Herzog, er wiederhole sich und weiter: faselt unaufhörlich davon, dass die Carafa’sche Ehre, dass ihrer aller Ehre

den Tod der Herzogin erfordere.

Jetzt, wo der Onkel tot und man die Absichten des kommenden Papstes nicht kenne, wolle er, dass reiner Tisch gemacht werde. Er wisse schon.

Er droht dem Herzog, sich nie mehr für ihn einzusetzen, aber letztlich löst Violante selbst ihr Verhängnis aus, indem sie einem Erzfeind des Herzogs Ländereien verspricht, wenn er sie befreien würde. Es geht also mitnichten nur darum, dass Violante ihren Mann mit Capecce betrogen hat, was bereits Stendhal notiert:

Ein Grund, der dem Ehrenpunkt fern lag, vermochte es, den Herzog zum Entschluss zu bringen.

Dieser schickt also, ganz wie bei modernen Ehrenmorden, Violantes Bruder und einen anderen Verwandten zur Herzogin, um ihr in Stendhals Worten den Tod zu geben. Was Stendhal hier so lakonisch ausdrückt, wird bei Judith Nika Pfeifer detailliert in einzelnen kleinen Szenen aufgefächert. Sie erzählt, dass der Bruder zuerst eine unpassende Schnur hat, ferner wie es Violante ergeht, während er sie erwürgt, betont ihre Tapferkeit und fügt Einordnungen und Kommentare zum Thema Ehrenmord hinzu.

Die Erzählung und die Texte über die Erzählung sind spannend. Die vielen Stimmen ordnen die Handlung in den gegenwärtigen Kontext der Ehrenmorde ein. Dies wird besonders im Anhang noch einmal deutlich, indem das Positionspapier Verbrechen im Namen der Ehre der deutschen Sektion von amnesty international zitiert wird. An manchen Stellen würde ich die Erläuterungen allerdings gern überspringen und zu der eigentlichen Handlung zurückkehren, um sie ganz unkommentiert zu überdenken.

Judith Nika Pfeifer
Violante
Czernin
2017 · 160 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-7076-0601-0

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