Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Im grünen Adieu-Licht

Hamburg

Hat man von technischen Belangen wenig Ahnung, kann man über den Titel von Jürgen Brôcans neuestem Buch rätseln, die Worte „Ritzel“ und „Wellen“ sowie ihre möglichen Bedeutungen vergrübeln und in sie allerhand hineingeheimnissen. Fragt man hingegen einen Techniker oder einen Rennradfahrer, wird rasch klar, dass sich hinter dem Fachbegriff „Ritzelwellen“ nichts Geheimnisvolles verbirgt. Ein Ritzel ist ein Zahnrad, das von einem anderen Zahnrad angetrieben wird; eine Welle ist ein zylinderförmiger Maschinenteil; eine Ritzelwelle ist folglich eine Kombination, nämlich eine Getriebewelle mit integriertem Zahnrad, das Drehbewegungen überträgt. Je nach den Größen dieser Zahnräder gibt es bei ihrem Ineinandergreifen verschiedene Übersetzungsverhältnisse.

Von einem Ineinandergreifen spricht auch Walt Whitman im ersten Zitat, das Brôcan seinem Buch voranstellt: „a vast similitude interlocks all“. Und es wird nicht völlig falsch sein, dies nicht nur für die Gedichte dieses Bands, sondern auch für die anderen Gedichtbände Jürgen Brôcans festzustellen. Mit seiner Bereitschaft zur Kommunikation mit anderen Kunstgattungen, legt er all „die Fäden / zwischen“ wie es schon im Band „Holzäpfel“ heißt. Oder richtiger: es ist die Bereitschaft seiner Gedichte, die

die wahren Netzwerker [sind], sie werfen ihre Fäden in sämtliche Richtungen, knüpfen an Vorhandenes ... (aus „Holzäpfel“, Edition Rugerup 2015)

Sein „Entschluß, gewahr / zu sein“ wird jene Antriebskraft, die das Begreifen von Ähnlichkeiten erst möglich macht, um sich selbst dazu in eine Beziehung zu setzen. In „Porträt einer Herkunft“, das nicht irgendeine, sondern „meine Kindheit“ reflektiert, heißt es:

... insgesamt gute Voraussetzung, / auf unbeschriebenem Blatt alles / zu prüfen, von allen Seiten, und das Beste // zu behalten

sich also selbst zu schreiben, Vorhandenes unvoreingenommen zu wählen und wirken zu lassen. Die Gedichte bezeugen achtsame Neugier beim Schauen, beim Auf- und Nachspüren von Lebensspuren in der Kunst, vor allem in Literatur und Malerei, mit denen sich die eigenen Lebens-, Wissens- und Erfahrungsspuren verbinden, sich beim Lesen, Betrachten und Nachsinnen einhaken und ins Verhältnis setzen, dabei sich darin selbst einpassen oder das andere in das Eigene einpassen, ihm ein anderes Gesetz geben. Es ist ein Prozess des Ineinandergreifens, Wort für Wort, Strich für Strich, Ton für Ton. Manchmal sind es auch eigene Spuren, die als Kind, als Erwachsener einst gezogen wurden, an die ein lyrisches Ich oder Du erinnert

du entdeckst das Schlurfen wieder,
durchs raschelnde knisternde Laub

und sich dabei selbst zurechtdenkt in Gedichten. Wiederholt wird die Verwunderung über das fortgeschrittene Alter artikuliert,

so alt bin ich also schon,
dass ich immer nur zurückdenke

zuweilen auch die damit einhergehende narzisstische Kränkung thematisiert, weil dem Körper die Grenzen eingeschrieben sind, und leiser Melancholie Ausdruck gegeben, dass das Nichts, der eigene Tod als Vollbremsung im All, nicht mehr in einer unvorstellbaren Ferne liegt.

Dass Wahrnehmungen nicht reibungslos zusammenspielen, wird durch ein zweites Zitat am Beginn des Buchs deutlich, jenes des Schriftstellers Johann Peter Hebel. Denn „durch unbewachte Seitenpförtchen“ fließt oder zwängt sich Störendes dazwischen, gibt es auf einmal Irritationen, die ein Innehalten erzwingen, ein Stocken des rein mechanischen Prozesses. Und es werden Wunden geschlagen, die von der Zeit nicht geheilt, aber mit Abstand manchmal ins rechte Licht gerückt werden können. Die Tatsache der eigenen Sterblichkeit ist solch eine Wunde, der man weise und abgeklärt mit

der Tod ist der Vater aller Dinge

begegnen könnte, zugleich sträubt sich alles dagegen, mehr noch, in dieser Kosmossekunde der Menschheit ist seit je alles ein Protest gegen das Ende, bezeugt schon in frühen Höhlenzeichnungen oder Millionen mündlicher Epen vor Gilgamesch. Auch heute noch liegt

das Gewicht der Welt
auf der Spitze eines Bleistifts

oder eines Pinsels, wird gegen den Tod gemalt, geschrieben, gesungen und geschrien, „solange wir bleiben im Licht“, wie es im Zitat von Angelica Seithe am Schluss des Buchs heißt. Antrieb ist nicht zuletzt der „Schmerz / der unumkehrbaren Zeit“,

weil soviel verschwand, das ich liebte

Wenn das lyrische Ich in einem Zwiegespräch mit dem Dichter Ludwig Hölty behauptet, es sei

interessiert mehr an dem, was vor mir,
als an dem, was hinter mir liegt,

so mag das in diesem Augenblick einer subjektiven Wahrheit entsprechen, doch sein Interesse ist kaum je in die Zukunft gerichtet, sondern bleibt der Vergangenheit, nur gelegentlich dem Jetzt zugewandt. Das ist im Rahmen der Gedichte stimmig, denn

man kann die Gegenwart nicht würdigen,
nicht genießen, solange sie zugegen ist,

wie es im Gedicht „retrospektiv“ heißt. Gerade im Blick zurück liegt auch der Schlüssel des Bewusstwerdens wie der Erkenntnis,

je weiter ich mich zurückerinnere,
desto mehr auf mein Ende zu.

Hier gibt es keine poetisch verdichteten Selbstgewissheiten, auch nie ein zur Schau gestelltes souveränes Erinnern, sondern ein in Verse gefasstes, abwägendes Tasten und Hinterfragen, die Perfektion des Versuchs, Wahrheiten zu umkreisen und sich ihnen anzunähern, wachsam und verstört. Das Ich bändigt das Naturchaos sowie den eigenen Aufruhr, mein Schwerfälliges und das Licht, dieses ungenaue Licht, indem es dieses in Worte fasst und auf Papier festschreibt, verbindlich und verbindend

dabei zittert die Hand, die es aufschreibt,

ein wenig, ohne sie wäre der Blick blind.

Die Poesie, schreibt Brôcan in seinen Anmerkungen, den französischen Schriftsteller Jean-Pierre Siméon sinngemäß zitierend, ist der ständige Aufstand des Bewusstseins gegen das Vergessen – man könnte hinzufügen: auch gegen das Vergessen-Werden. Das Buch bietet eine Fülle von Erinnerungen, die man immer wieder nicht loslassen will und die andere Erinnerungen in Gang setzen. Zahlreiche Motive ziehen sich durch, werden variiert, etwa das Motiv des Baums. Dort ist der Junge, der die mächtigen Kastanienriesen beim Bolzplatz liebte und das Sammeln von Kastanien mit dem Vater. Da ist der Erwachsene, der dem Motiv des Baums in der Kunst folgt, dem Brôcan sich u.a. in seinem Zyklus „einige Individuen (I-IX)“ widmet. Es sind acht Gedichte zu Bildern von Malern vergangener Jahrhunderte, von denen jedes mit dem Vers „dieser Baum“ beginnt wie auch das neunte und letzte Gedicht, das einem realen Baum „bei der Emscherquelle“ ein Denkmal setzt. Der Lyriker ruft Erinnerungen an vergangene Lektüren und die Beschäftigung mit ganz unterschiedlichen Autoren und Forschern wach, etwa Walt Whitman, dessen „Grasblätter“ (Hanser 2009) und „Leben und Abenteuer von Jack Engle“ (dtv 2019) Jürgen Brôcan übersetzte, Alexander und Wilhelm von Humboldt, oder Komponisten wie Beethoven, Salieri oder Sibelius. Vor allem Brôcans Bezüge zur bildenden Kunst, insbesondere zur Malerei, nehmen breiten Raum ein, wobei ihm bedauerlicherweise kaum Werke von Künstlerinnen Inspirationsquelle sind. Manchmal werden Gemälde zum Ausgangspunkt für ein Befremden, zum Beispiel, wenn der Himmel plötzlich klafft, oder für einen anderen Blick auf entzauberte Idyllen, etwa wenn man beim Anblick von William Turners „The ‚Skies’ Sketchbook“ einen Moment lang vergisst, was man fest verinnerlicht glaubte, nämlich

... daß sich die Wolken
nicht vorm Firmament abspielen oder dem Äther,
sondern vor einer luftleeren himmelschreienden Leere.

Jürgen Brôcan
Ritzelwellen
Aphaia Verlag
2020 · 17,00 Euro

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge