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Kritik

episodisch, grugarot

Hamburg

Jahrgang 1957, aus Aachen, Jürgen Nendza. Ein Lyriker für Lyriker. Eigentlich für alle, nur dass Jürgen Nendzas Veröffentlichungen eher sporadisch sind, es im Gegensatz zu den umtriebigeren LyrikerInnen bei ihm weder viele Zeitschriftenpublikationen gibt, noch viele Lesungen. Es ist bei einer derartigen Qualität seiner Lyrik nicht statthaft zu sagen: ein Geheimtipp. Aber es verhält sich dennoch so. Wer Nendza kennt, schreibt meist selbst Lyrik oder interessiert sich starkflächig dafür. Eigentlich sollte sein allgemeiner Bekanntheitsgrad wesentlich höher liegen. Nendza hat außer Gedichten auch Hörspiele, Prosa und einige Herausgeberschaften zum Thema Fußball (!) in seiner Bibliographie verzeichnet. Nun ist im Leipziger Poetenladen Verlag ein neuer Band von ihm erschienen, sein achter. Er trägt den Titel picknick. Zuvor gab es im selben Verlag eine Art Best of 20 Jahren namens Mikadogeäst, und davor den Band Apfel und Amsel.

Sein neuer Gedichtband teilt sich in die Abschnitte Inhalatorium, Verborgene Ehen, Kopfalbum, Picknick und Tägliches Gefälle. Bei normal zügigem Lesen stellt sich auf Anhieb ein Kohärenzempfinden der Abschnitte ein, und man wäre versucht zu sagen: Hier ist nicht nur eine Wahrnehmungs-/ Sehmaschine am Werk, die Feinigkeiten aufnimmt, wo sonst keine sind, hier ist vor allem eine Ausdrucksmaschine am Werk, die in erstaunlichsten Dichten und in unsperrigem Duktus innovative, ungewöhnliche Wortkombinationen zu eigentlich sattsam bekannten Sinneseindrücken auswirft. Vielleicht nicht ganz frei von "Zu-Schönem", vielleicht romantisch. Und genau das ist beim inneren Scharfstellen des Lesens plötzlich nicht mehr gewiss. Denn in allen Abschnitten wohnt eine latente, verunsichernde Unterwanderung der vermeintlichen Idyllik. Letztere droht in jedem Gedicht zu kippen, oder ihr gefährlich weicher Bodensatz wird sichtbar. Es schwankt etwas. Spuren bringen die sinnlichen Untersuchungen in historisch/ politische Zusammenhänge. Nendza unterstützt diese intrinsische Bedrohlichkeit/ Vernarbtheit mit einem kurzen Anmerkungsregister am Bandende, das dezidiert Auskunft gibt über Orte und Personen, meist den Zeiten des Naziterror der 30er, 40er und der Nachkriegszeit zugehörig.

"Siehst du das Gras an, siehst du das Unsichere"

heißt es in einem Gedicht. Nendza führt diese Dichotomie aus romantisierender, sprachgewitzter (rhythmisch und semantisch-dichterisch absolut aufregender) Beschreibung und Befangen- und Betroffenheitserzeugung beim Lesen virtuos in allen Gedichten aus. Subtil und zurückhaltend, wenn man das so sagen kann: fast posenlos, gelingt ihm mit wenigen, leisen Mitteln Erstaunliches. Zudem der Aufbau einer mehrfachen Lesbarkeit.

In Inhalatorium verbinden sich Eindrücke und Beschreibungen einer deutschen Meeres- und Strandlandschaft zu einem fließenden Ganzen, das mühelos wie Ebbe und Flut in verschiedene Mikro- und Makrokosmen dringt.

"DEINE SCHRITTSPUR ein Reigen
aus Augenblicksflächen. Ihr Einwässern

in fußbreite Spiegel, einbleichend
in kurze Himmelstränken,

mit Versickern belebt. Ein Spalier
aufgesprungener Muscheln, eine Möwe

im Schlichtkleid. Du gehst weiter.
Die Küste gefüttert mit Blicken,

die Schuhe in der Hand, die Bänder
wie Köder für feste Schleifen."

Verborgene Ehen und Kopfalbum sind Beschreibungen von Landschaften und Menschen, so ein Frauengesicht in ersterem, wohingegen Kopfalbum ein Abtauchen in Kindheitserinnerungen, Zeitgeschehen mit zum Teil heftigen historischen Blitzen wie "zackig Danzig" oder "Körperhalde" beinhaltet. Im selben Zyklus finden sich jedoch auch "die Sunkist-Pyramide" und das "Wellenbad", die jene dichotomische Spannung erzeugen.

"DIE ABZIEHBILDER sind
vertaubt, dribbeln musst du
jetzt unterm Parkplatz. Es blitzt,

zu grell, und jemand kneift
die Augen zu: dein Bruder,
sein Kompass ein Vierfarbenstift

und neben ihm glüht dieses Licht
im Globus, das in dir rotiert,
hier oder einst ist ganz dasselbe.

Milchig, wie unter aufgekochter
Haut ist deine Position im Längen-,
Breitengitter. Die Kniestrümpfe,

das stramme Band, damit auch nichts
verrutscht, denn alles rutscht
nach innen, Kohlefenster,

Einschusslöcher, die Schnittmuster
für draußen. Episodisch, grugarot,
fährt eine Tulpe FREIHEIT

ins Gedächtnis. Noch einmal
dirigiert das Stocheisen
die Wärme. Der Windascher,

der Untersetzer, Resopal,
das Kofferwort,
die Schokizigaretten

sind für dich. Beiß
da hinein, durchörter das
Papier nach Süßem."

Schließlich der titelgebende Kernabschnitt Picknick. Hier ist tatsächlich ein Zeitvergang spürbar, ein Picknicknachmittag, in verschiedenen Gedichten gesehen. Mit einander verwoben in widerkehrenden Bildern und Sinneseinheiten. Schließlich der Schlussteil Tägliches Gefälle, der enigmatische Alltäglichkeiten versammelt, wie ein Auftauchen, nach all den Erinnerungsbildern zuvor in eine allerdings auch keineswegs sichere Umgebung aus "Kiosk", "Wochenmarkt" und "Ginkgogrün".

"NUR KURZ bist du hingestellt
in diese Weile. Der Aufzug
fährt hinauf ins Panorama.

Den Zimmerspiegel hattest du
noch angehaucht. An seinem Rand
ein halbes Herz in Fingermalerei und

dieser kleine Schritt von der Amöbe
hin zu Einstein. Notfalls nimm
die Treppe to the safety area

on the -2 floor. Der Aufzug, die Sonne,
ein Modus, stand by, Hast du
die Beißschiene für die Nacht?"

Jürgen Nendza hat mit picknick einen phänomenal guten Gedichtband geschrieben. Es ist allerhöchste Zeit für alle, denen er noch kein Begriff ist, ihn kennenzulernen. Hiermit und auch mit Mikadogeäst, dem Vorgänger im selben Verlag, der wie erwähnt retrospektiven Gedichte aus 20 Jahren-Schau. Nendza ist eine singuläre Stimme und es ist angesichts der Fülle an heutiger sich häufig ähnelnder Lyrikproduktion eine hochoriginelle zudem.

Jürgen Nendza
picknick
poetenladen
2017 · 72 Seiten · 17,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-84-2

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