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Kritik

Cut Up or Shut Up

Hamburg

Die Cut-up-Technik von Burroughs und Gysin

1959 entdeckte Brion Gysin im legendären Beat Hotel in der Rue Gît-le-Cœur Nr. 9 in Paris durch Zufall die Cut-up-Technik. Das Zerschneiden und das - mit einem Zufallsmoment versehenen - Zusammensetzen von eigenen und fremden Texten eröffnete ihm und vielen ihm folgenden Schriftstellern neue Möglichkeiten. Aufgrund des Jubiläums - 60 Jahre Cut-ups - ist eventuell der vorliegende kleine Band von Jürgen Ploog erschienen. Er enthält drei Texte, alle entstanden Anfang der 1970er Jahre, und alles "Fundstücke früher Cut-ups" wie es in der knappen Editorischen Notiz heißt. Ploog ist der Autor im deutschsprachigen Bereich, der die Cut-up-Technik am intensivsten eingesetzt hat. Das ist sicherlich der Grund, warum er als Keynote Speaker zu der Konferenz CUT-UPS@60 im September 2020 in Paris und London eingeladen worden ist. Ploog ist stark inspiriert worden durch William S. Burroughs, einem engen Freund und Weggefährten von Gysin. Erst Burroughs hat die Cut-up-Technik zur Blüte und zum Durchbruch (in manchen literarischen Kreisen) gebracht bzw. popularisiert, aber immer in enger Kollaboration mit Gysin. Deswegen wird auch meistens Burroughs mit dieser Schreibtechnik in Verbindung gebracht.

Kurze Einordnung der drei Texte

Obwohl Cut-up, kann man in dem Text "Dillinger in Dahlem" (der laut Editorischer Notiz 1973 in AQ, eine Cut-up-Anthologie erschienen ist, der aber auch 2004 im Ploog Tanker von Jürgen Vetsch erneut abgedruckt wurde) eine gewisse erzählerische Struktur erkennen. Episoden, die eine fragmentierte Geschichte ergeben, die am Ende in einen Filmdreh übergeht. Es geht unter anderem um Gangster, FBI-Agenten und Genrefilm: "Die 'harten Filme' der 40er Jahre".

Den zweiten Text "Virus-Software" könnte man verstehen aus Sicht eines Mannes, der mit Grippe im Bett liegt, in einem Packen wissenschaftlicher und pseudowissenschaftlicher Zeitschriften blättert, und sich daraus in Tagträumen seine verschrobenen Theorien zurecht phantasiert. Es geht um eine Virus-Theorie, die auf Wilhelm Reich aufbaut, und der "starb im Gefängnis nachdem er seine Theorie als Krebstherapie verwenden wollte". Dabei wird die Cut-up-Technik selbst als eine Waffe gesehen: "alle Mitteilungen Nachrichten etc zerschneiden und die Fetzen untereinander mischen [...] nur durch Partisanentätigkeit kann [damit] die Blockade der Wort- u[n]d Bildkontrolle durchbrochen werden". Ab zirka Zweidrittel des Textes wird der Inhalt wirrer, und es tauchen andauernd Begriffe auf, die im ersten Teil bereits vorkommen, allerdings in einem vollständig anderen Kontext. Es besteht die Vermutung, dass hierfür der erste Teil einem erneuten Cut-up unterzogen wurde. Eine Technik, die auch Burroughs eingesetzt hat, insbesondere bei den Routinen in The Soft Machine.

Der dritte Text "D - Tage" scheint mir vom Stil her eine Mischung aus den ersten beiden Texten zu sein. Der Titel bezieht sich dabei sowohl auf den D-Day, also die Landung der Alliierten in der Normandie, als auch auf "Dillinger Tage", es geht also wie im ersten Text um diesen berühmten Bankräuber John Dillinger.

Beigefügt sind diesem Band drei Collagen von Walter Hartmann, die thematisch zu dem ersten und dritten Text passen. Denn es sind überwiegend Fotos aus amerikanischen Gangsterfilmen verarbeitet, sowie die Totenmaske von John Dillinger.

Laut Wikipedia unterteilt sich Ploogs Schaffen in drei Phasen: Stark fragmentierte Cut-ups um 1970, "formal gemäßigtere Arbeiten mit loser Episodenstruktur" ab Mitte der 1970er Jahre und Essays, die sich mit Schreiben und Literatur auseinandersetzen, ab den 1980er Jahren. Obwohl die vorliegenden drei Texte zu der ersten Phase gehören, kann man meines Erachtens bereits die Weiterentwicklung in zwei verschiedene Richtungen erkennen. Der erste und der dritte Text deuten bereits auf die Episodenstruktur hin, während der zweite Text mit seinem hohen Anteil an Theorie schon etwas Essayistisches hat.

Sprachbilder, die mit ungewöhnlichen Wörtern arbeiten

Mittels Cut-up-Technik gelangt Ploog zu Sprachbildern, die ihre Atmosphäre aber durch ganz ungewohnte Wörter erzielen. Hier ein paar Beispiele: "Billie Holidays After the Ball is over aus dem Bordlautsprecher, Amphetamin in der Stimme"; "Die Türen [des Überlandbusses] knickten wie Spielkarten hinter uns zu & der Fahrer gab Gas"; "die Sonne ging in einer Wolke rötlichen Intimsprays unter"; "der Raum versank in violetter parfümierter Schlagermusik".

Parallelen zu Texten von Burroughs

Es besteht die Schwierigkeit aus einem fertigen (Cut-up-)Text Rückschlüsse zu ziehen, wie oder woraus (aus welchen Quell-Texten) er entstanden oder entwickelt oder eben "ge-cut-uped" worden ist. Diese Problematik erinnert etwas an das "Reverse Engineering" im ingenieurtechnischen Bereich (was ähnlich schwer ist) sowie an das Disassemblieren eines Computerprogramms in Maschinensprache zurück in eine für Menschen lesbarere Assemblersprache (was dagegen vollautomatisch abläuft).

Es tauchen bei Ploog viele Begriffe auf, die ganz Burroughs-typisch sind: Wort-Virus, Interzone (ab Naked Lunch), Biologische Abteilung (als Biologic Court in Nova Express), Realitätsstudio (in Nova Express), die magische Zahl 23 (bei Burroughs zum Beispiel: Virus B-23 in Die Städte der Roten Nacht, die Kurzgeschichte 23 Skiddoo).

Aber es sind nicht nur einzelne Begriffe, sondern auch ganze Ideen oder Theorien von Burroughs, die bei Ploog Eingang gefunden haben. Insbesondere die "Virus-Software" erinnert des öfteren an Burroughs' Nova Express. Dort sind es die intergalaktischen Bullen, die in Nova Express Nova Polizei  heißen.

"ich bin lediglich da um zu helfen wenn ihr mich braucht" erinnert an "Man kann die Nova Polizei mit Apomorphin vergleichen: eine regulierende Instanz, die nach Beendigung ihrer Arbeit nicht weiterzumachen braucht und auch nicht die Absicht dazu hat. Wer seinen Job ernst nimmt, der wird ihn so durchführen, daß er danach entbehrlich ist." (aus: Nova Express).

"MASCHINERIE ZERSTÖREN--'territoriale Expansion des toten Punktes überwinden" deutet einen Schlachtruf an, ähnlich zu "Das ist der Totale Krieg - Laute verschieben - Wortverbindungen zerschneiden - Touristen vibrieren - Eingänge freikämpfen - Foto fällt - Wort fällt - Durchbruch in den Grauen Raum - Partisanen aller Länder - Türme, Feuer frei -" (aus: Nova Express).

"dass die Amerikaner aus dem menschlichen Image ein Getränk mit dem Namen Coca-Cola gemacht haben [...] Rot die Gegenwart, grün die Vergangenheit & die Zukunft blau". Hier sind es die drei Farben und Coca-Cola: "'Aufsichtsräte, Syndikate, Regierungen der Erde: bezahlt - Gebt die Farben wieder her, die ihr gestohlen habt [...] Her mit dem Rot, das ihr gestohlen habt für [...] eure Coca-Cola-Reklamen [...] Her mit dem Blau, das ihr gestohlen habt für eure Polizeiuniformen [...] Her mit dem Grün, das ihr gestohlen habt für eure Banknoten" (aus: Nova Express).

Auch der Ausspruch "Eine letzte Chance für Hollywood" in "Dillinger in Dahlem" erinnert an die Überschrift "Wird es Hollywood nie lernen?", die Burroughs sowohl in Nova Express als auch in  Die Städte der Roten Nacht verwendet hat.

"Der typische high-speed-Cut als gefrorenes Bild vom Panorama der Silberstadt, das langsam hinter bläulichem Nebel verschwand." Dieses "gefrorene Bild" erinnert stark an folgendes Statement von Burroughs im Anhang zu Naked Lunch: "Der Titel ist ganz wörtlich zu nehmen: ein nackter Lunch - ein gefrorener Augenblick, in dem jeder erkennt, was er auf der Gabel hat."

"Unruhen auf einem Planeten [...] das Grundschema ist sehr einfach: möglichst viele unlösbare Konflikte schaffen u[n]d bestehende ausweiten" verweist auf Theorien bezüglich Experimenten mit Kassettenrekordern bei Burroughs, insbesondere in seiner Elektronischen Revolution und Der Job.

"ich sah die besten meiner Generation vor die Hunde gehen" gleicht  "Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom / Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt", dem Anfang von dem Gedicht "Das Geheul" von Allen Ginsberg.

Man kann aus diesen Gegenüberstellungen sich eine Vorstellung machen, welche Fremdtexte Ploog für seine Cut-up-Experimente mitverwendet haben mag.

Viel Personal von Burroughs übernommen

Burroughs ist dafür bekannt, dass er seine Bücher mit einer Heerschar von schräg-bizarren Typen bevölkert. Ploog hat von diesen Figuren eine ganze Reihe in diesen drei Texten aufgegriffen (bzw. Asyl gewährt). Das mag dadurch zustande gekommen sein, dass Ploog gerade auch Burroughs' Texte als Rohstoff für seine Cut-up-Experimente herangezogen hat:

Kiki (in: Die wilden Boys), Frisco Kid (in: Die wilden Boys), Dutch Schultz (in: Die letzten Worte des Dutch Schultz), Hassan I Sabbah (in: Die Städte der Roten Nacht, Dead Roads, Western Lands etc.), Mr. Bradl(e)y Mr. Martin (in: Nova Express), Salt Chunk Mary (in: Dead Roads; diese Figur hat Burroughs wiederum von Jack Black übernommen), Kit Carson (bei Ploog)  /Kim Carsons (bei Burroughs) (in: Dead Roads). (Burroughs hat seine Figur Kim Carsons nach der realen Person Kit Carson (1809-1868) gebildet. Siehe: Joan Hawkins, Henry Alexander Wermer-Colan (Hrsg.), William S. Burroughs Cutting Up the Century.)

"Beyond Burroughs"

Aber Ploog wäre kein hochkarätiger Schriftsteller, wenn er sich lediglich an dem Repertoire von Burroughs bedienen würde. Und so hat er bereits in diesen frühen Cut-ups seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt.

Das betrifft zum einen die Sexualität, nämlich bei Ploog diesem Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau. Bei Burroughs sind es dagegen homosexuelle Phantasien - die wohl dadurch auch so manchen potenziellen Leser abgeschreckt haben mögen. Den Gang zur Prostituierten liest sich bei Ploog folgendermaßen: "Für 20 Mark lasse ich mir in der New Road die Vorhaut zurückschieben. Eine Gegend runtergekommener Nerven & Zellen, spürte wie mein Schwanz aufmupfte."

Und dann gibt es diesen Bezug zu Deutschland, seiner Vergangenheit (Nazis), Ploog ist europäischer als Burroughs. Und auch ein ganzes Stück weit politischer. Wobei man den Ploogschen Texten anmerkt, dass es ihm Spaß macht, nicht "politisch korrekt" zu sein (damit ähnelt er wiederum Burroughs). Er legt zum Beispiel Leuten Wörter in den Mund, zum Beispiel: "'Die Öffentlichkeit ist ein Puff, in dem Politiker die Nutten sind', sagte Rosa Luxemburg in ihrer Zelle".

Weitere Beispiele: "Szenen aus einem Weimarer Porno, in dem Goebbels einen Strichjungen spielt. Hakenkreuze & Lederhosen, ab gings durch steigende Preise". "Dr. Adenauer, an einen Rollstuhl gefesselt, verteilt Visitenkarten, auf denen er sich als Dr. Strangelove (Finanzierungen aller Art) ausgibt. Rudolf Hess in der Maske von Frankenstein".

Fazit

Dillinger in Dahlem enthält Texte, die nicht "von der Stange" sind, da sie mit konventionellen Lesegewohnheiten bewusst brechen. Der Leser muss schon ein wenig hinauskommen aus seiner Komfortzone, sich dem (Lese-)Abenteuer stellen. Für seine Mühe wird er aber mit mancherlei Erkenntnissen und einem anderen Blick auf unsere Gesellschaft belohnt.

 

Jürgen Ploog
Dillinger in Dahlem
Collagen: Walter Hartmann. Gestaltung: Ralph Gabriel
Moloko Print
2019 · Chapbook No. 6 | 2019 · 10,00 Euro

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