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Rotpunkt_ Yael Inokai Mahlstrom
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Rotpunkt_ Yael Inokai Mahlstrom
Kritik

Wider den Zynismus des Nichtstuns

Hamburg

Dass Juli Zeh die literarische Entwicklung, Darstellung und Verarbeitung gesellschaftlicher Dystopien wie wenige andere der deutschen Gegenwartsliteratur beherrscht, ist spätestens seit Erscheinen ihres Romans "Corpus Delicti" im Jahre 2009 eine weithin nicht nur in Fachkreisen verbreitete Ansicht. Hatte sie darin Entstehen und Folgen einer künftigen Gesundheitsdiktatur, in der die staatliche Fokussierung auf den Körper alles Seelische und Geistige systematisch zu verdrängen droht, auf eindringliche und spannende Art und Weise beschrieben, so widmet sich ihr neuester Roman einem Thema, das indirekt an diese Problematik anschließt: Zeh nimmt den um sich greifenden Zynismus in unserer Gesellschaft unter die Lupe, für den der Titel die Metapher abgibt: "Leere Herzen" ist nicht nur der Name einer im Laufe des Buches auftauchenden Terrorgruppe, sondern vor allem das Symptom der Desillusion und des Pragmatismus einer sozialen Gruppe von "Leistungsträgern", zu denen auch die Protagonistin Britta Söldner und ihr Partner Babak Hamwi gehören. Beide erheben sich scheinbar abgeklärt gleichermaßen über die Niederungen verlogenen Politikpostulats und -handelns wie über vermeintlich symbolhaft-weltfremdes Gutmenschentum und ziehen sich, vordergründig ohne Schuldgefühle, auf eine Position ökonomischen Egoismus' zurück.

Der gesellschaftliche Rahmen für die Romanhandlung ähnelt sicher nicht ganz zufällig in gewisser Weise dem von Michel Houellebecqs "Unterwerfung" aus dem Jahr 2015; die Demokratie ist in Gefahr, nur haben nach den letzten Wahlen nicht wie in Houellebecqs Frankreich-Dystopie radikale Muslime die Macht übernommen, sondern nationalkonservative Populisten. Die Partitur, nach welcher nach und nach Grundrechte abgebaut werden, scheint dem staunenden Wahlpublikum in der gleichen Tonart - lediglich in enharmonischer Verwechslung - vorgespielt zu werden.

Deutschland im Jahre 2025: Angela Merkel hat abgedankt, seit einiger Zeit herrscht die "Besorgte-Bürger-Bewegung" mit der neuen Kanzlerin Regula Freyer an der Spitze, die  als Romanfigur ganz offen Züge real existierender Persönlichkeiten aus dem Dunstkreis des rechtskonservativ-völkischen Lagers trägt. Viele ehemals politisch Interessierte gehen aus Resignation nicht mehr wählen, dafür begeistert die BBB mehr und mehr Nationalkonservative und teils prekäre ehemalige Nichtwähler, denen staatliche Effizienz und ihr eigener privater Konsum vor einem liberalen Demokratieverständnis geht.

Babak hat einen Algorithmus entwickelt, der suizidgefährdete Personen ausfindig macht, die Britta in ihrer Praxis mit einem ausgeklügelten Programm behandelt und die meisten auch als geheilt entlässt; der harte Kern jedoch, der auch die perfidesten Tests "übersteht", wird letztendlich an extremistische Organisationen aus Religion, Ökologie, Tierschutz und Wirtschaft vermittelt, die entschlossene Selbstmordkandidaten für ihre Aktionen brauchen können. In einer wohl ausbalancierten Win-Win-Beziehung zwischen den Suizidalen, denen ein Scheiden aus der Welt durch eine letzte Sinngebung versüßt werden soll, den Terrorgruppen, die damit weiterhin ihre Präsenz dokumentieren können und denen die Rekrutierung erleichtert wird sowie dem Staat, der immer neue Überwachungsschikanen durch die freilich in einem unausgesprochenen Konsens sorgsam "begrenzte" Attentatsaktivität legitimieren kann, haben es Britta und Babak mit ihrem Verbindungsgeflecht dabei zu einigem Reichtum gebracht. Ihre Firma, die "Brücke", hat zunächst eine Monopolstellung in diesem Vermittlungsgeschäft. Durch einen offensichtlich von dritter Seite dilettantisch durchgeführten Anschlag auf den Gepäckbereich des Leipziger Flughafens aufgeschreckt, müssen sie sich jedoch eines Tages aus der Deckung wagen und herausbekommen, wer da auf einmal in ihren Pfründen wildert. Ein Kontaktmann wird offensichtlich ermordet, eine neue und sehr entschlossene Selbstmord-Klientin für die "Brücke" betritt die Szene. Im Verlauf des über weite Strecken nach Art eines beinharten Politthrillers konzipierten Plots, in welchem der BND, ein Geldgeber von Brittas Mann und einige ihrer ehemaligen Patienten eine Rolle spielen, kommt Britta dabei immer deutlicher ihren Lebenslügen und eigenen psychosozialen Defiziten auf die Spur. Ihre von Anfang an vorhandenen Übelkeitsattacken verstärken sich, und als klar wird, dass sie und Hamwi schon bald vor dem Scherbenhaufen ihrer auf gesellschaftlicher Ignoranz und Zynismus gebauten Existenz stehen werden, ihnen Gefängnis oder gar der Tod drohen, fädeln sie einen finalen Coup ein, der die Republik verändern und ihnen ihre Selbstachtung zurückgeben wird.

Das ist ungemein spannend erzählt, mit der stilistischen Ungebundenheit, die wir von Juli Zeh kennen: sie passt, anders als andere namhafte deutsche AutorInnen, ihren Duktus stark an den Inhalt und seine jeweils dominierenden genrehaften Züge an; in diesem Falle gibt es viele Dialoge und eine straffe Komposition, die trotz eingeschobener reflexiver Passagen absolut Pageturner-Qualitäten hat.

Dabei fallen allerdings einige kleine Ungereimtheiten auf: zum einen ist das psychologische Setting der Charaktere, insbesondere das der potenziellen Selbstmörder, doch wenig realistisch. Ernsthaft Suizidgefährdete sind in aller Regel zuerst "Selbstverletzer", der Wille einer Schädigung anderer ist eher selten, ebenso wie der Wunsch, mit dem eigenen Tod ein Zeichen zu setzen; tun das nicht eher diejenigen, die "rechtzeitig gefunden werden" wollen? Die Idee von "Leere Herzen" funktioniert aber nur, wenn man dies außer Acht lässt. Auch die Entwicklungsaussicht, dass Terror, der so wenig zentral operiert wie beispielsweise die meisten islamistischen Richtungen, keine unabhängigen Einzeltäter mehr hervorbringen soll, sondern ausschließlich "agenturgesteuert" funktioniert, ist zumindest stark überspitzt. Das ist aber unabdingbar für den Plot, denn sonst hätten sich die Protagonisten von Anfang an nach dem nicht von ihnen initiierten Leipziger Anschlag erst einmal bequem zurücklehnen können, um zu sehen, was passiert. Die eigentliche Handlung hätte jedoch so nicht in Gang kommen können. Zu guter Letzt: dass die Innenministerin unter Regula Freyer nun ausgerechnet und auch noch mit Klarnamen Wagenknecht heißen muss, rührt ungut sehr komplexe Ursachen und Wirkungen in Politik und Gesellschaft zusammen – Zeh tut sich und ihrem offensichtlichen Roman-Anliegen mit solchen unterschwelligen "Querfront"-Verweisen keinen Gefallen.

Angesichts des spannenden und in seiner essenziellen Anklage unmissverständlichen Plots (vorangestelltes Motto an die Leserschaft, sprich die Gesellschaft: "Da. So seid ihr.") sind das allerdings eher Kleinigkeiten. Gerade die erwähnte Kritik an der Indolenz und dem Egoismus des Wahlvolks mag ja vielleicht wirklich Teile der in demokratischer Tradition groß gewordenen Leserschaft aufrütteln, den innergesellschaftlichen Kampf gegen die repressiven Tendenzen und die eigene Lethargie noch nicht verloren zu geben. Ohne das überraschende Ende des Romans vorwegnehmen zu wollen: was dort geschieht, nimmt sich das so alte wie immer wieder aktuelle Bonmot von Voltaire zum Vorbild, das sinngemäß besagt: "Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen." Ein Schluss, der schmerzt - aber überzeugt.

Juli Zeh
Leere Herzen
Luchterhand Literaturverlag
2017 · 352 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87523-1

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