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Kritik

Hurensöhne

Hamburg

Hass, Zorn, Wut – haben Sie schon einmal über die feinen Unterschiede zwischen diesen Begriffen nachgedacht? Juliane Liebert schon. In einem Radioessay, das man noch immer in der Mediathek auf SWR 2 nachhören kann. Der 2009 gegründeten starfruit publications verdanken wir nun ein kleines Kunstwerk, das auf diesem Essay beruht.  

An die Stelle von Ton und Musik sind grell orange-rot eingefärbte Bilder vom Berliner Fotografen Erman Aksoy getreten. Zu sehen sind darauf teilweise stark vergrößerte Körperteile, ein Mund, ein Ohr, eine Zunge oder ein Gesicht, manchmal auch Gruppen von Menschen, immer sehr grobkörnig, teilweise verschwommen. Am interessantesten ist das fragile Zusammenspiel von Wut und Zärtlichkeit in Aksoys Fotografien.

Aber zurück zu Juliane Liebert. Bekannt als Rezensentin für die Süddeutsche Zeitung und die Zeit. Gefeiert für ihre Interviews, widmet sie sich jetzt und hier also der Schönheit und Notwendigkeit ___STEADY_PAYWALL___ des Schimpfens.

„Der Mensch ist geboren, um unglücklich zu sein. Und weil er unglücklich ist, muss er schimpfen“. So weit so zwingend.

Hass hingegen, so Liebert, „hat immer auch mit Hilflosigkeit zu tun.“ Und diese Hilflosigkeit rührt wiederum aus der Unmöglichkeit gelingender Kommunikation. Wie wir seit Paul Watzlawick wissen, können wir nicht nicht kommunizieren. Einander verstehen klappt aber auch nicht. Was bleibt ist Kommunikation als „einziges großes Missverständnis“. Die Urquelle unserer ununterbrochenen Wut. Und hier kommt wieder das Schimpfen ins Spiel, das laut Liebert niemanden besiegen, „sondern einen Abgrund überwinden“ will. In „Hurensöhne“ bewegt sich Liebert bewegt von Frage zu Antwort, indem sie Grantler unterschiedlicher Couleur und Epochen heranzieht, um ihren mehr oder weniger elaborierten Zorn von Wut und Hass zu unterscheiden, und die Unterschiede zu analysieren.

Gelingt ihr dabei ein ähnlich spannungsgeladenes Zusammenspiel wie es Aksoys Fotos herstellen? Irgendwie schon.

Zunächst sind es lediglich zwei Welten, die Liebert entwirft, die der analogen Höflichkeit und die andere des ungehemmten Fluchens in Büchern, Gedichten und der virtuellen Welt. „In Gedichten musste sich überhaupt niemand benehmen, nicht einmal die Silben“, entdeckte sie, und stößt lebensgeschichtlich wenig später auf den Antinatalisten Cioran, dessen Aphorismen sie fortan begleiten. Bei Celine findet sie den bedingungslosen Zerstörungswillen wütender Kinder. Bei den Saporoger Kosaken den Ursprung des Mutterfickens. Bei Villon in der Nachdichtung von Paul Zech „Humor, der aus der Verzweiflung geschöpft wird und so etwas „Quicklebendiges […] ein sich selbst einlösendes Potential“ entstehen lässt.

In den sozialen Medien dagegen gibt es lediglich ermüdenden Hatespeech.

„Es darf in den aktuellen Internetdebatten kein Zweifel darüber aufkommen, auf welcher Seite du stehst, sonst bist du erledigt. Das macht interessante Auseinandersetzungen nahezu unmöglich.“

„Wer richtig und gerecht zürnen will, der braucht die richtigen Verbündeten“, schreibt Liebert, sonst bleibt nur nie versiegende Wut. Die häufig begründet, aber eben nicht schön ist. Der „schöne Zorn“ hingegen kommt einer „Gratwanderung, einem kommunikativen Veitstanz auf dem Vulkan“ gleich. Oder besteht darin, die überaus schwierige Aufgabe zu lösen, „die Überforderung mit der chronisch kaputten Welt in Kampfgeist umzuwandeln. „Ein Kampfgeist, der sich nicht darin erschöpft, sich über alles Mögliche und Unmögliche zu empören, sondern für etwas zu kämpfen, für die Liebe vielleicht, oder wenigstens für Lösungen. Alternativen.

Kampfgeist hat Juliane Liebert durchaus. Sie drückt ihn in gekonntem Sarkasmus aus.  Das ist nicht so böse wie Schimpfen und Wut, sondern irgendwie eleganter. Vielleicht ist die Entscheidung für den Sarkasmus eine Vorsichtsmaßnahme, um nicht Gefahr zu laufen, später aus dem Fenster zu springen, oder er stellt eine geschickte Möglichkeit dar, diesem subtil gebauten Gefängnis aus Konventionen und Erziehung zu entkommen, in das wir Frauen uns noch immer unbewusst einsperren lassen. Ein besonders stabiler Gitterstab besteht aus der Überzeugung, dass Frauen nicht wütend sind, sondern traurig. Niedergeschlagen!

Und in diesem Essay fehlen sie gleich ganz. Es gibt fast keine Frauen in Lieberts „Hurensöhne“. Abgesehen von Unica Zürn, die den Rahmen bildet, weil sie Jahre bevor sie aus dem Fenster sprang, einmal von der Notwendigkeit des Zorns überzeugt gewesen ist.

Dazwischen dürfen ausschließlich Männer unterschiedlicher Gesinnungen und Zeitalter wüten, schimpfen, und Juliane Liebert zu der einen oder anderen semantischen Frage anregen. Als gäbe es nicht imposante zornige Frauen, von der Mythologie bis in die Gegenwart. Von den Furien und Medea bis zu Rachel Cusk und Peggy Parnass. Davon kein Wort. Nicht einmal ein sarkastisches. Warum? Vielleicht hat Juliane Liebert, deren Rezensionen und Interviews ich sehr schätze, vor lauter männlich eloquenter Wut, die Frauen einfach übersehen. Schade. Dem ziemlich guten Buch, hätte es einen strahlend kämpferischen Glanz verliehen, wenigstens eine Frau aufzunehmen, die ihren Zorn über himmelschreiende Ungerechtigkeiten und Schieflagen aus dem Fenster in die Welt heraus schreit, eine, die den lieben Frieden opfert, statt sich selbst. 

Juliane Liebert · Manfred Rothenberger (Hg.)
Hurensöhne! – Über die Schönheit und Notwendigkeit des Schimpfens
Mit Fotografien von Erman Aksoy
starfruit publications
2020 · 88 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-922895-38-1

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