Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Ein Gruß den Saporoger Kosaken!

Juliane Liebert lobt das Schimpfen
Hamburg

Im Bus ist´s warm, die Luft unter der Maske dick. Der Bus fährt eine Umleitung, dann Ewigkeiten Stau. Klaustrophobie, hier geht´s nicht so schnell raus. Rechts ein älterer Mann, basecap, Bierdose, eine verlorene Seele, ununterbrochenes Reden, so vor sich hin. Ich verstand nur wenig, wollte es auch nicht, was Konstruktives fand sich in den Schallfragmenten nicht. Scheiße. Fotze. Eine einzige Mecker- und Entwertungstirade, er wird seine Gründe haben, falls er sie noch kennt. Er schimpfte also, kein Monolog, nein, ein Dialog, wahrscheinlich schon seit Jahren mit der Luft vor sich. Aber die warme verbrauchte Luft war zu warm und zu verbraucht zum Antworten, wollte es wohl auch nicht. Danach war ich auch gallig. Hatte er mich angesteckt? Aggressiv gemacht? Nur herausgekitzelt, was an Aggressivität, Gereiztheit in mir rumschwimmt? Oder war´s der Stau? Mein abgestandener Atem unter der Maske? 

Niedermachen, fertigmachen, frotzeln, bruddla, granteln, nörgeln, schimpfen, wüten, …… du spakn, motherfucker, flachwichser (warum werden eigentlich Mütter gefickt, aber nie Väter?), vollpfosten, hurensohn,  vollhorst, …… das reicht: das semantische Reich des Bösen, der Wut, des Destruktiven besitzt deutlich mehr___STEADY_PAYWALL___ Provinzen als das Reich liebevollen Säuselns und der Wertschätzung, man müsste glatt das gesamte Grimmsche Wörterbuch filzen, um wirklich jede verbale Gemeinheit herauszufischen, die dazu dient, andere herabzusetzen, verhohnepipeln, veräppeln  – und so weiter und so fort. Sind wir gut in Konflikt? Eher nicht, aber im subtilen Ab- und Entwerten, Herumzerfen, Beleidigen, Demütigen und was der lustigen Aktivitäten da noch sind, da schon. Sind wir gut in Wut? Ach irgendwie auch nur so halb. 

Es wird Zeit, dass das mal eine auf den Punkt bringt und auf den Putz haut. Das hat Juliane Liebert, Autorin und Journalistin, auf wenigen, leider zu wenigen Seiten und, ich bin ein alter Nörgler, leider nur ansatzweise getan. Aber vielleicht mag sie das Buch ja noch weiter ausbauen. Stoff genug gäbe es. Ursprünglich 2019 als Radioessay gehalten, erscheint also eine Apologie des Schimpfens – das ist mir zu zahm, aber ausbaufähig und einige der von Liebert angeführten Beispiele sind wirklich klasse. Wie im 17. Jahrhundert die analphabetische Räubertruppe der Saporoger Kosaken sich einen Spaß macht,  Sultan Mehmed IV., der sich mit Titeln aufpumpt soweit´s nur geht, die Luft rauszulassen– das ist wirklich prima, man sieht diese Prachtkerle förmlich vor sich wie sie jemandem was in die Feder diktieren und dabei eine diebische Freude haben, den aufgeblasenen Popanz von Sultan abtropfen zu lassen: Er soll ihnen mal den Arsch küssen.  

Nun gut, aber das Buch soll ja nicht nur Beispiele bringen, es will die Schönheit und Notwendigkeit des Schimpfens darlegen. Und, tut es das? Immerhin musste ich mal drüber nachdenken, warum man eigentlich permanent wütend wird – was soll das? WutbürgerIn sein: das ist nicht so richtig cool. Nach dem Buch Lieberts bin ich auch nicht schlauer, aber sie hat immerhin ein paar Überlegungen parat, die, wie erwähnt, ausbaufähig sind. Ist es so, dass der Mensch geboren ist, „um unglücklich zu sein. Und weil er unglücklich ist, muß er schimpfen“. Ich weiß nicht recht.  

Es gehe ihr, so Liebert weiter, nicht „um die politische Tirade, nicht um die Demagogie, nicht um die geplante verbale Vernichtung. Sondern um den Affekt, um die schöne Abscheulichkeit, die man einem ausgedachten oder echten Gegenüber zuschleudert“, das ist jetzt erstens widersprüchlich (wenn man jemandem was Abscheuliches entgegenschleudert, dann ist das ja wohl eine Entwertung oder Verletzung – aber das soll´s ja nicht sein), und zweitens: Gibt es denn nicht wundervolle politische Tiraden? Ich erinnere nur an den übellaunigen Herbert Wehner und Joschka Fischers Mit-Verlaub-Sie-sind-ein-Arschloch – auch nicht schlecht. Aber wozu das Ganze? Und: gibt es Grenzen? Ja, schon, aber darum geht es hier leider nicht. Schimpfen ist das eine, Vernichten, Demütigen, Entwerten, Verletzen: das andere?

Es gibt noch allerhand weitere Überlegungen Lieberts, von denen einige erwähnt seien. Da sie Celiné gut findet und der ja nun, dieser scheußliche Antisemit, eine wahre Wutknolle sein konnte, fragt sie sich, ob denn „am Ende doch nur rechte Drecksäcke“ schimpfen. Das ist eine interessante Frage, weil ja die Linke zwar immer mit Klassenkampf, also Konflikt, also Streit, also Schimpfen, dass es so nicht weitergeht, daherkommt, aber immer irgendwie auch mit doll Verständnis. Also: interessante Frage.

Eine weitere Idee, warum das mit dem Schimpfen zu uns gehört wie Läuse und Fußpilz: Kommunikation sei „ein einziges großes Missverständnis, sonst wären ja nicht ständig alle wütend“ – verfehlen wir uns dauernd und das macht sauer? Da ist was dran, aber meistens klappt das ja doch mit dem Reden – wenn es nur nicht zu diffizil wird und um Liebe, Verstehen und anderes Meta-Zeugs geht.

Und noch eine Idee: „Ästhetisch reizvoll“ sei der „“schöne Zorn“ auch nur, wenn er relevant ist, also eine Gratwanderung, ein kommunikativer Veitstanz auf dem Vulkan sozusagen.“ – Ach, da will sie provozieren, kein wutverzerrtes Gesicht würde man je als schön empfinden, und mithin: Zorn und Schönheit zusammenbringen, das ist doch etwas: zu schön – und wird auch durch einen Definitionsversuch nicht wirklich für mich überzeugender. Der „schöne“ Zorn unterscheide sich „vom bösartigen Hass dadurch, dass er kreativ, verbal und gestisch überschäumend – und dabei erst einmal nur ganz bei sich selbst ist, bei der Emotion“. Als stünde eine Emotion für sich. Irgendwoher muss die Wut ja kommen – und wird sie dann geadelt, weil´s kreativ ist? Was wäre das? Man kann auch kreativ hassen – oder doch nicht?

Und schließlich, wieder geht es um die Umwertung der Werte, das Provozieren: „Das Schimpfen und die Liebe gehören zusammen, weil sie der ultimative Protest gegen soziale Kontrolle – oder positiv: der fundamentalste Ausdruck von Freiheit sind.“ – Ist das so?

Vielleicht habe ich jetzt im Einzelnen zu viel gemault. Lieberts Buch ist eine anregende Lektüre. Doch erneut: Könnten Sie das, Frau Liebert, für die Doofen, die in ihrer Wut und ihrer Freude an der Wut Zukurzgekommenen, noch etwas weiter ausführen? Das würde mich – freuen.  

Juliane Liebert · Manfred Rothenberger (Hg.)
Hurensöhne! – Über die Schönheit und Notwendigkeit des Schimpfens
Mit Fotografien von Erman Aksoy
starfruit publications
2020 · 88 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-922895-38-1

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge