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Kritik

Wir sind die Lücke an der Stelle

Hamburg

„Der Krieg ist eine ständige Wiederholung identischer Szenen“, sagt der irakische Dichter Kadhem Khanjar (geb. 1990) in einem Interview mit Arte Tracks. Er lebt in Babel bei Bagdad, hat einen Master in Performance Studies, doziert an der Fakultät für Theaterwissenschaften der Universität Hilla und hat das Kollektiv „Kultur-Miliz“ mitgegründet, eine Künstlergruppe aus sieben Lyriker*innen, die in Mimikry echter Milizen Poesieperformances an Schauplätzen von Krieg und Zerstörung aufführt: in Krankenwagen, ISIS-Käfigen und zerbombten Häusern, auf Minenfeldern und Plätzen von Terroranschlägen. Die Gewalt dieser mit Leid überschriebenen Orte soll durch das lyrische Sprechen nicht verdeckt, sondern in poetischer Umformung lebendig sichtbar gemacht werden; die Performances werden auf YouTube verbreitet. Khanjars bisher erschienene Gedichtbände Picknick mit Sprengstoffgürtel und Wir kämpfen zum Vergnügen sind 2019 auf Deutsch im verdienstvollen Verlag mikrotext erschienen, zusammengefasst zu dem Band Dieses Land gehört euch in Übersetzung von Sandra Hetzl. Der Übersetzerin gelingt es,:___STEADY_PAYWALL___das irritierende, spannende Tongemisch aus den Performances in die deutschen Texte zu übertragen, ein Tongemisch aus Verschmitztheit, Wut und einer Klage, die sich überraschenderweise wie eine hochfrequente Welle durch ironische, lakonische, schockende, ernste, traurige und empörte Positionen zieht und deshalb in der Gesamtwirkung ernster ist als alles, was sich vielleicht als pathetische Klage in die Erwartung hätte stellen können.

In Picknick mit Sprengstoffgürtel werden Grausamkeit und Verrohung in ihrer Alltäglichkeit mit den Mitteln von Spoken-Word und der Gelegenheitslyrik umkreist: Die Texte zeigen Gewalttaten als Wunden in den gewohnten Abläufen, deren Teil sie dennoch sind. Der erste Vers des Bandes lautet „Gestern war ich wieder in der Gerichtsmedizin.“ (6) und mehr muss man über die Bennsche Deutlichkeit des Todes und Drastik des Verfalls, die folgen und die Gedichte durchziehen, eigentlich nicht schreiben. Der Tod in diesen Texten ist von keinerlei mythischen Überhöhungen verdeckt, er wird nicht gespiegelt, und dadurch erst sichtbar gemacht, in den fein differenzierten emotionalen Reaktionen auf sein Eintreten, sondern er ist inmitten der Erfahrungswelt des Sprechenden, überall und einfach da als ein Merkmal der Lebenswelt. In sachten Beschreibungen, vorsichtigen Annäherungen und tröstenden Umdeutungen ist er nicht zu gebrauchen. Er ist so sehr Material und allerorten Überrest, das mit passenden Werkzeugen an ihm gearbeitet werden muss, um „die abgetrennten Köpfe“ aus den Augen zu „schütteln“ (15). Der Tod muss bearbeitet werden, ihm soll die Poesie entgegengestellt werden, nein eigentlich mitgestellt werden, und das geht für Khanjar nicht, indem man ihn poetisiert und ihm die Grausamkeit zu nehmen versucht. Die Poesie soll sich in die Symbolik des Todes einsprechen, sie zu einer Symbolik des Mittodes verwandeln, zur Annäherung an das Unnahbare. In den Bildern blitzen kulturgeschichtliche Bearbeitungen des Todesmotivs auf, Antigone im Ton von Brecht. Die sprachliche Form ist eine knappe, aphoristische, konstatierende Lakonik, „Es gibt neue Generationen streunender Hunde, abgerichtet auf Menschenfleisch.“ (16) Manchmal hat man es mit Texten zu tun, die wie Epitaphe wirken: „Tag / Die Uhr läuft weiter an der abgetrennten Hand.“ Der nüchterne Ton scheint an wenigen Stellen eine fatalistische Färbung zu erhalten, aber das stimmt nicht, es ist der Hass des Ernüchterten und vorerst stilles Ertragen: „Ein Geruch nach totem Strom im Haus. / 7:40 Uhr die zweite Explosion. / Du drehst dich wie ein Löffel in einer Tasse Blut, / deine Ohren starr gerichtet auf die Augen des / ausgeschalteten Fernsehers.“ (46) Diese Poesie kann die Sprache der Gewalt nicht den Gewalttätigen überlassen, sich nicht zurückziehen in den sanften Garten, sondern will ihnen die tötende Rede aus dem Mund rauben, sie will sie in den Mündern der Mörder umformen zu einer widersprüchlichen Waffe, von deren Lauf nur eine Gefahr für das gewalttätige Selbstkonzept ausgeht. „Wir sind kleine Mörder / kleiner als Blutstropfen / Wir töten rein um der Geschichten willen.“ (48) Die Mörder werden gehasst und ihnen wird Mitgefühl entgegengebracht, ein Widerspruch, der so menschlich ist, dass er rührt. „Von den Feinden habe ich gelernt, dass Metall aus heimlich geweinten Tränen besteht.“ (55) Ein Widerspruch, der umso wichtiger ist in einer Umgebung, in der jede eine Mörderin, jeder ein Terrorist sein kann. Das Böse regt auch die Friedfertigsten, wenn der Tod umstellt. Das Böse ist keine Person, sondern eine Gelegenheit, ein Motiv, ein Ausbruch, Rache. Es ist zu spüren im Körper, der Sprache ist. Deshalb verändert Khanjars Poesie den Leser, die Orte, den Diskurs. Die Sinnlosigkeit der Gewalt wird durch den poetischen Gebrauch der gewaltvollen Worte, Gesten und Taten in den Sinn überführt, die Stätten des Kriegs mit der Sprache des Kriegs geweiht und so magisch verbüßt.

Scheint im ersten Band die Haltung und der Gewaltraum etabliert worden zu sein, spielt Khanjar sie in Wir kämpfen zum Vergnügen durch verschiedene Formen und reichert sie so an. Konkrete Szenen, Figuren, Namen werden herangeholt, um „über den Sinn eines Lebens, das mit Blut beginnt und mit einer Narbe endet“ (58) nachzudenken. Es finden sich Einträge in ein sektarianistisches Tagebuch, ein Archiv der getöteten Freunde und ihrer Poster auf den Straßen, das die Gattung der Kindertotenlieder aufruft, Arbeitsanweisungen an einen irakischen Feuerwehrmann und Notizen aus einer Saison der Langeweile, in denen die Eintönigkeit grausamer Szenen reflektiert wird. Es wird deutlich, wie absurd eine Gesellschaft wird, wenn Explosionen, Verluste, Traumata sie grundieren und alltäglich werden, und eben auch wie banal, wenn das Stumpfe der Feindschaft Überhand gewinnt und Leid zur Grunderfahrung der Gesellschaft wird. „Der Friedhof ist ein Wort / und all diese Städte sind seine detaillierten Erläuterungen.“ (70) Die Sammlung der Texte Khanjars bei mikrotext endet mit zwei Nachträgen, die aus der Ferne zurücksehen mit „Übungen für gesundes Weinen in Frankreich“ (123). Immer häufiger werden zum Ende des Bandes hin Liebesszenen, die Verbundenheit in Situationen des Alltags beschreiben und durch gewaltvolle Erfahrungen aus der Vergangenheit durchblitzt werden. Die Liebe ist sicherlich kein Trost in diesen Gedichten, auch keine hoffnungsspendende Utopie. Was sie aber ist: ein Resonanzraum für das Gewalttätige im erfahrenen Körper und eine Läuterung ins Berührtwerden und Berühren. Und das ist, weil man als Leserin durch literarische Räume gegangen ist, die mit Bomben, Körperteilen und Blut vollgestellt sind, dann doch ein wenig hoffnungsvoll. Und ›ein wenig hoffnungsvoll‹ ist an diesem Punkt sehr viel. Und dass einem bewusst wird, dass das sehr viel ist, ist noch viel mehr. „Wir sind die Lücke an der Stelle eines gezogenen Zahnes.“ (128)

 

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Kadhem Khanjar beim 21. poesiefestival berlin
10.6.20 / 18.30 Uhr

POESIE ALS POLITISCHER AKTIVISMUS
Widerworte

Mit Kadhem Khanyar (IRQ) Autor/Performer| Bernadette La Hengst (DEU) Musikerin/Theatermacherin | Franck Leibovici (FRA) Autor/Bildender Künstler | Maud Vanhauwaert (BEL) Autorin/Performerin | Sandra Hetzl (DEU) Übersetzerin

Lässt sich mit Lyrik für das Gute kämpfen? Oder genügt es nicht, wenn sie sich auf das Schöne beschränkt? Gesellschaftskritik und Lyrik finden neben der textlichen Ebene auch in Räumen außerhalb der Literatursphäre zueinander. Immer mehr DichterInnen greifen mit poetischen Mitteln auch direkt in Prozesse politischer Aushandlung ein. Unter welchen Bedingungen kann poetischer Aktivismus gelingen und zu einem besseren Zusammenleben beitragen? Vier KünstlerInnen stellen ihre Projekte vor, indem sie von Sandra Hetzl interviewt werden. Alle sitzen in ihren Kajüten, aber die Ideen blasen das Schiff trotzdem voran.

Franck Leibovici arbeitet mit dem International Criminal Court (ICC) in Den Haag daran, mit Strategien der Poesie, der Visual Arts und der Sozialwissenschaften das Repertoire von Tools zu erweitern, mit denen Beweise prozessiert werden können. Kadhem Khanyar gründete im Irak das Kollektiv „Kultur-Miliz“ mit, das Poesie-Performances an Orten von Gewalt und Terror durchführt. Maud Vanhauwaert baute in Antwerpen einen „Toren van Babel“ als offenen Begegnungsort für multilinguales Dichten und Diskutieren. Bernadette La Hengst hat als Musikerin und Theatermacherin an zahlreichen Projekten mit sozialpolitischem und utopischem Fokus mitgewirkt, so auch im performativen Stadtprojekt „Modellfall Weißwasser oder das Masz aller Dinge“. Sandra Hetzl ist Übersetzerin aus dem Arabischen und hat Bildende Kunst an der UdK Berlin studiert.

Projektleitung: Felix Schiller

Die Veranstaltung Widerworte. Poesie als Politischer Aktivismus wird freundlich unterstützt durch die Friedrich-Ebert-Stiftung / Lotto Stiftung Berlin, und Flanders Literature.

Kadhem Khanjar
Dieses Land gehört euch
Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl
mikrotext
2019 · 136 Seiten · 14,99 Euro
ISBN:
978-3-944543-87-1

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