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Kritik

Der Engel mit Käthes Gesicht

Hamburg

Die einen kennen den Namen Kollwitz von dem zentralen Platz im Berliner Prenzelberg, die anderen von dem furchteinflößenden Plakat „Nie wieder Krieg“. Doch es lohnt sich zum 150. Geburtstag der bedeutenden Grafikerin Käthe Kollwitz in diesem Jahr genauer hinzuschauen.

Aus diesem Anlass wird im marixverlag ein Buch wieder neu aufgelegt, das ihr Leben in Selbstzeugnissen erzählt: Käthe Kollwitz „Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken“. Herausgegeben wurde das Buch erstmals zum 100. Geburtstag 1967 vom älteren Kollwitzsohn Hans. Er stellte aus verschiedenen Dokumenten ihr Leben zusammen, wobei die Frühzeit etwas kurz kommt. Dabei ist der künstlerische Werdegang für eine Frau Ende des 19. Jahrhunderts ungewöhnlich: Die Begabung Käthes förderte der Vater, und das zu einer Zeit, als Frauen noch nicht studieren durften. Dennoch erhielt sie eine künstlerische Ausbildung in Berlin, Königsberg und München. Sie sah die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns „Die Weber“. Ein Zyklus zum Thema machte die Öffentlichkeit auf die Künstlerin aufmerksam, Max Liebermann schlug sie für eine Medaille vor, doch dem Kaiser, der die Medaille überreichen sollte, schwebte anderes vor, vor allem keine Frau. Obwohl sie die Medaille nicht bekam, gelang ihr der Anschluss an die Berliner Künstlerszene, in Paris ließ sie sich bildhauerisch ausbilden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits zwei Söhne. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Karl Kollwitz, engagierte sie sich politisch und sozial. Ein wichtiger Einschnitt in ihrem persönlichen Leben sollte auch Folgen für ihre Kunst haben. Ihr jüngerer Sohn Peter fiel wenige Tage, nachdem er als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg ging in Flandern, im Alter von 18 Jahren. In den Tagbuchsequenzen ist nun über Jahrzehnte nachzuvollziehen, wie sehr die Mutter unter diesem Verlust litt. Es entstand die Idee zu einem Mahnmal, bei dem sie nicht den gefallenen Sohn darstellte, sondern die vom Verlust versteinerten Eltern. Das Thema Mutter durchzieht viele ihrer grafischen und bildhauerischen Arbeiten, eines der bekanntesten ist der „Mütterturm“. In ihrer eigenen Mischung aus Realismus und Expressionismus entstehen emotional sehr aufwühlende, vom Ausdruck manchmal fast abstoßende Bilder. Das 1924 entstandene, in der DDR sehr verbreitete Plakat „Nie wieder Krieg“, stieß jedenfalls mich als Kind ab, es war in unseren Lehrbüchern abgedruckt: eine Frau mit dunklen Augen, aufgerissenem Mund und einem zum Schwur erhobenem Arm. Doch da kannte ich natürlich ihre Geschichte noch nicht.

"Nie wieder Krieg!" - Antikriegsplakat zum Mitteldeutschen Jugendtag 1924

Hans Kollwitz gab dem Buch aber auch eine Reihe sehr persönlicher Selbstbildnisse, Mutter-Kind-Darstellungen und Kinderbildnisse mit, die jenseits von politischem oder sozialem Engagement zu sehen sein dürften. Das Buch gibt auch Auskunft über die Beziehungen zu Kollegen, auch ihrer Tätigkeit im Vorstand der Berliner Secession, wo sie sich stets für ihre Künstlerkolleginnen einsetzte. Manchmal voller Zweifel, weil sie deren Bilder doch nicht so gut fand. Käthe Kollwitz fing erst spät mit dem Tagebuchschreiben an, mit 41, zu diesem Zeitpunkt glaubte sie, dass ihr Gedächtnis nachlasse. Zehn dicke Wachstuchhefte entstehen zwischen 1908 und 1943. Auch die enge Beziehung zu ihrem Mann findet dort Niederschlag. Er unterstützte seine Frau in ihrer selbstständigen Arbeit. Und war wohl doch manchmal traurig, dass er nur noch „funktioniert“. Gerade diese Zweifel zeigen eine große Nähe des Paars zueinander. Karl Kollwitz stirbt 1941. Ein Jahr später sieht Käthe sich mit der Wiederholung der Peter-Tragödie konfrontiert, als der Enkel Peter, benannt nach dem früh gefallenen Onkel, in Russland fällt. Kollwitz´ engagierte Kunst gegen den Krieg gehörte zu den Kernmythen der DDR, obwohl sie wenige Tage vor dem Ende des Krieges starb. Doch die Reduzierung auf ihr soziales und politisches Engagement wird ihr nicht gerecht. Dazu ist ihr Werk zu vielgestaltig. Ein besonderes Denkmal setzte ihr 1927, also zu ihren Lebzeiten, Ernst Barlach mit dem schwebenden Engel. Er trägt ihr Gesicht. Ein Guss der Bronzeplastik hängt in der Antoniterkirche Köln. Ebenfalls in Köln gibt es das wichtigste Museum zu ihrer Kunst. Das kleine, seit 30 Jahren in Berlin Charlottenburg bestehende Museum ist nun in Gefahr, wie heute am 9. Mai, da ich die Rezension schreibe, im Tagesspiegel zu lesen ist. Der Enkel von Käthe Kollwitz, Arne Kollwitz, schreibt darin, dass das Kollwitzmuseum einem „Exilmuseum“ weichen soll. Der Titel des Artikels: „Das böse Spiel mit dem Exil“. Was für eine Nachricht im Jahr des 150. Geburtstages der international bekannten Künstlerin! Auch wenn sich das Buch „Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken“ – ein Goethezitat – etwas mühsam liest, weil Sohn Hans sich entschlossen hat, das reichhaltige Material aus Tagebüchern, die 1989 als Buch erschienen, aus Briefen sowie den „Erinnerungen“ und „Rückblick auf frühere Zeit“ thematisch anzuordnen – man sehnt sich gelegentlich nach Chronologie, dennoch wird die Mühe belohnt. Der 1971 verstorbene Hans Kollwitz war Mediziner und kein Literat. Ein Sohn, der sich seiner Künstlerin-Mutter verpflichtet fühlte und sich der umfangreichen Arbeit unterzogen hat, ihr privates wie künstlerisches Leben zu dokumentieren. Nicht zuletzt komplettieren die zahlreichen Abbildungen das Bild einer ungewöhnlichen Künstlerin und ihrer mit dem Privaten eng verflochten zu sehenden Kunst.

Käthe Kollwitz · Hans Kollwitz (Hg.)
Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken · Ein Leben in Selbstzeugnissen
marix verlag
2017 · 420 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-7374-1050-2

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