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Kritik

Miroloi

Longlist Deutscher Buchpreis 2019 / Eine Erzählung von der Suche nach einem Namen und dem Finden der Geschichte einer notwendigen Auflehnung.
Hamburg

„Möge ja niemand im Verlag von ihr verlangen, dass sie nun einen Roman schreibt,“ mit diesen Worten schloss Udo Kawasser vor fünf Jahren anlässlich des Erzähldebüts und mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichneten Bandes „Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler seine begeisterte Rezension ab. Ich weiß nicht, wer nun „Schuld“ daran ist, der Verlag, Karen Köhler selbst, die Umstände, oder was auch immer, aber auf „Miroloi“, dem neuen, auch dieses Mal von Karen Köhler selbst gestalteten Buch, steht „Roman“, obwohl es eigentlich ein 128strophiges Lied ist, das Köhler uns auf über 400 Seiten singt, oder vielmehr von ihrer zunächst namenlosen Heldin singen lässt.

Doch auch wenn dieses Mal „Roman“ auf dem Buchdeckel steht, ist Karen Köhler vielen Formprinzipien, die ihr beachtenswertes Erzähldebüt auszeichneten, treu geblieben. Da ist zum Beispiel die tagebuchartige Struktur und das Phänomen, dass sich die Zusammenhänge erst nach und nach enthüllen, aber auch die Nähe zu ihren Protagonisten, und die Tatsache, dass Menschen im Mittelpunkt stehen, die gerade aus Rückschlägen, aus schmerzvollen Erfahrungen, ihre Stärke ziehen.

„Mein Miroloi muss ich mir selber singen damit kann ich nicht warten, bis ich gestorben bin, sonst wird es mich nicht gegeben haben.“

Wir befinden uns in einem abgelegenen und weitestgehend von der Außenwelt abgeschotteten Bergdorf auf einer (griechischen) Insel mit dem Namen „das schöne Dorf“. Hier gibt es weder Strom, noch aktuelle Zeitungen, die einzige Verbindung zur Außenwelt stellt der Händler dar, der in unregelmäßigen Abständen Waren und Nachrichten vom Festland auf die Insel bringt. Nachrichten, die ebenso wie die Waren aussortiert werden, von denen, die die Macht haben und diese um jeden Preis behalten wollen. Die Welt scheint klar geregelt, die Benennung der Dinge ist direkt und unverblümt die Straße heißt Straße, die Kurve Kurve.

„Alles hat hier einen Namen, nur ich habe keinen“, sagt die Erzählerin.

Ebenso direkt, klar und unausweichlich wie die Namen im schönen Dorf ist die Engmaschigkeit der sozialen Kontrolle:

„Unser Dorf hat tausend Augen, die sehen alles, alles, alles. Unser Dorf hat Nasen, die riechen sich bis in deine Seele, schnuppern das letzte Geheimnis aus dir heraus. Und was die Augen nicht sehen und was die Nasen nicht riechen, das hören die Ohren. So leise kannst du gar nicht sein, so gut kannst du dich gar nicht waschen, so versteckt kannst du gar nicht leben, dass das Dorf etwas von dir nicht wüsste. Unser Dorf hat hundertfache Münder, die plappern, zischeln, schnalzen und flüstern immerfort. Sie verbreiten alles, was Augen, Nase und Ohren wissen, verändern es nur ein kleines bisschen, fügen etwas Neues hinzu oder nehmen etwas Unnötiges weg und tragen, was übrig bleibt, bis in den letzten Winkel. Bis zu den Hirten. Bis zum Müller. Bis zum Latrinenmann und bis zu mir. Wahrheit ist ein Band, geflochten aus Hunderten von Zungen. So ist unser Dorf.“

Diese Feststellung teilt die Erzählerin ganz zu Anfang mit uns, und stellt damit die Weichen. Sie erzählt ihre Geschichte, die ein Bekenntnis zu sich selbst ist, die vor allem die Geschichte einer wachsenden und immer weiter Wellen schlagenden Überzeugung ist, dass kein Mensch das Recht hat, zu gehorchen. Dieses Zitat von Hannah Arendt ist das Zentrum, um das sich der Roman entfaltet.

Und so ist die Sprache von „Miroloi“ ein Rhythmus zwischen Gedicht und Erzählung, eingängig und klingend wie ein Lied. Ein Lied, das ansingt gegen eine beengende Wirklichkeit, in der die Männer alles kontrollieren, in der Ungerechtigkeit und Ohnmacht von den Schwachen an die noch Schwächeren weitergegeben werden, in der insbesondere den Frauen Bildung vorenthalten wird, um eine scheinbar aussichtslose Spirale aus Ohnmacht und Wut, Enge und Unterdrückung, Gewalt und Mitleidlosigkeit aufrecht zu erhalten. In der Archaik und gedankenlosen Bösartigkeit der Meute, erinnert „Miroloi“ stellenweise an Agota Kristoffs „Das große Heft“.  

Die Sängerin ihres eigenen Miroloi ist 16 Jahre alt, und anders als die anderen Dorfbewohner, die sich scheinbar eingerichtet haben in der Enge und Beschränktheit ihres Lebens im schönen Dorf, widersetzt sie sich von Strophe zu Strophe mehr den Regeln. Der Roman entfaltet seine Dynamik aus dem Widerspruchsgeist dieser vom Dorf zur Außenseiterin gestempelten, eher geduldeten als aufgenommenen Frau, der durch Bildung und durch die Solidarität weniger aber wichtiger Menschen, mehr und mehr Nahrung erhält.

 „Ich spüre das Gefüge aus Macht und Ohnmacht, spüre die Klammer von Daswarschonimmerso und Daswirdimmersobleiben um die Köpfe und Herzen. Wut steigt in mir auf, und ich krieg sie dieses Mal nicht weg, weil da ein Riss in meinem Gehorsam geraten ist und eine Knospe.“

Aber es gibt auch eine andere Seite. Auf der schönen Insel gibt es keine Geldwirtschaft, wirtschaftlich organisiert sich das Dorf wie eine kommunistische Gemeinschaft. Man arbeitet und erntet gemeinsam und teilt das, was erwirtschaftet wird. Wie überlegen dieses Prinzip gewesen ist, zeigt sich, wie so häufig im Leben, erst, als eine neu eingeführte Geldwirtschaft das System zerstört hat:

„Früher haben wir zusammen geerntet, jeder half jedem. Dieses Jahr ernten alle für sich allein, weil die Angst umgeht, bestohlen zu werden. Nur noch Freunde helfen einander. Die Sache mit dem Geld macht alle wahnsinnig.“ 

Und es gibt Menschen, die sich widersetzen. Vereinzelt blühen Güte und Hilfsbereitschaft, bildet sich Solidarität aus, und sogar so etwas wie Widerspruchsgeist. Gegen die Gesetze und im Bewusstsein ihre eigene Stellung im Dorf aus Spiel zu setzen, gibt es ein paar wenige Schlüsselfiguren, die sich für die Erzählerin nicht nur verantwortlich fühlen, sondern sie lieben und aus dieser Liebe heraus den Mut finden, sie in die Geheimnisse der Schrift, der zunehmend eigenmächtig ausgelegten „heiligen Gesetze“ und schließlich in die Geheimnisse der Liebe selbst einzuweihen.

So erhält die Sängerin ihres eigenen Miroloi schließlich einen Namen und ihr Lied schwingt zwischen Hoffnung und Angst, Glück und Enttäuschung, bevor plötzlich die Dynamik außer Kontrolle gerät. Ein Todesfall, ein Mord, eine Schwangerschaft, Verrat und eine grausame vom Dorf verantwortete Strafe, bringen die scheinbar unverrückbare Ordnung ins Wanken und Miroloi treibt einem offenen Horizont entgegen.

Wenn man auf der letzten Seite liest, wem Karen Köhler dankt, bereitet sich der Boden für eine weitere Geschichte vor, eine, die, wer will, mit dem Traumtagebuch der Autorin unterfüttern kann, in dem ein Traum an Wolfgang Schäuble adressiert ist.

Das mit dem Horizonte erweitern beherrscht Karen Köhler jedenfalls meisterhaft. Denn Miroloi hat am Ende jedem einzelnen Leser, jeder einzelnen Leserin einen neuen Horizont eröffnet, über den Wert von Bildung, über das Wesen der Gleichberechtigung, über die Art, wie wir leben und vor allem über dieses Gebot von Hannah Arendt, gegen das die meisten von uns immer und immer wieder verstoßen.

 

Karen Köhler
Miroloi
Hanser Verlage
2019 · 464 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26171-6

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