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Kritik

Zwei Rezensenten / eine Meinung

Der neue Gedichtband von Karin Flörsheim: „Das Lied der Amsel vermisse ich sehr“
Hamburg

Karin Flörsheim hat einen Lyrikband vorgelegt, der jenseits des postmodernes Diskurses eine bemerkenswerte poetische Kraft entfaltet, besonders spürbar mit Blick auf den biographischen Kontext der Autorin. Zu dieser gemeinsamen Einschätzung kommen Sigune Schnabel und Matthias Rürup in einer aus zwei –dialogisch aufeinander bezogenen– Teilen bestehenden Rezension.

 

Teil 1
Matthias Rürup

Mit der Rezension von Gedichtbänden habe ich mich im letzten Jahr nicht nur aus Zeitgründen schwer getan: die durch verschiedene Debatten und Projekte auf Fixpoetry angedeutete hohe Anspruchshaltung an potentielle Rezensenten, dass sie dem aktuellen Lyrik-Diskurs analytisch und begrifflich eng verbunden zu sein hätten, hat mich eher abgehalten. Wohl auch weil ich mich mit dem aktuellen Lyrik-Diskurs eher schwer tue (inhaltlich und gestisch). Hinzu kam, dass ich meine Rezensionen bisher als eigene Vergewisserung anhand der Texte der anderen angelegt hatte, in der Hoffnung nicht zuletzt, dass dieser reflexiv das eigene Geschmacksurteil erörternde Ansatz auch ansonsten willkommen sei. Dieses eigene Vergewisserungsanliegen war mir aber in letzter Zeit irgendwie abhandengekommen. Von dem, was ich las, ging mir zu wenig nahe – und so schien es mir zunehmend retardierend und wenig konstruktiv, erneut zu erläutern, warum ich diesen oder jenen Lyrikband nicht mag.

Insofern war ich sofort von der Idee angetan, beglückt geradezu, mit dir – Sigune – zusammen eine Rezension zu verfassen: Als Gelegenheit aus der potentiellen Enge und Eingefahrenheit meiner Perspektive herauszukommen und vielleicht einen wieder produktiveren Zugang zur Tätigkeit des Rezensierens zu finden.

Und dankbar bin ich für deinen Vorschlag, uns gemeinsam an dem gerade im Geest-Verlag erschienenen Band von Karin Flörsheim "Das Lied der Amsel vermisse ich sehr" zu versuchen. Und noch etwas möchte ich gleich einleitend hervorheben – es führt unmittelbar zum thematischen Kern meiner Auseinandersetzung mit diesem Gedichtband: Ohne die Möglichkeit, der Buchvorstellung in Düsseldorf Anfang Juni persönlich beizuwohnen und die Autorin in ihrem eigenen Umfeld zu sehen, hätte ich womöglich auch zu diesem Gedichtband keinen Zugang gefunden. Allerdings nicht – wie bei den zuletzt rezensierten – aufgrund ihrer, ich sag mal pauschal-vereinfachend, Künstlichkeit. Bei dem Band von Karin Flörsheim hätte mich – ohne Autorenbegegnung – im Gegenteil das Übermaß an Echtheit frappiert, erkennbar am weitgehenden Verzicht auf literarische Verfremdung, Verschiebung oder auch Brechung der herangezogenen Wort- und Bildwelten.

Nun habe ich aber die Autorin gesehen: alt, klein und zart bis zur Zerbrechlichkeit und zugleich offensichtlich – trotz oder wegen des hohen Alters, der fortgeschrittenen Erblindung, der selbst ironisch kommentierten Vergesslichkeit – eine erfahrene, starke, widerspenstige und humorvoll-spröde Frau, die zurückblicken, die urteilen kann, die weiß, wovon sie redet, was sie tut und warum genau so.

Was mir angesichts der Person und ihrer Gedichte begegnete / entgegenblickte, war wohl, um es auf einen Begriff zu bringen, mein eigener postmoderner Zynismus: Man kann doch, so bin ich eigentlich und unausgesprochen überzeugt, heute-hier-jetzt nicht mehr einfach, direkt und klar "Frieden" oder "Frohsinn" als einzelnes Wort auf eine einzelne Verszeile setzen oder von „Mutter Erde“, von „Engeln“, der „Seele“ sprechen ... das glaubt doch keiner mehr, da empfindet doch niemand mehr etwas. Das ist doch nur Behauptung. Das ist leer!

Und trotzdem macht Karin Flörsheim genau das: verwendet sie in ihren Gedichten eine auf die basalen Hauptworte des Lebens reduzierte Sprache – mit einem sichtlich ungebrochenen, unironisierten Blick auf Natur (Sonne, Mond und Sterne) und romantisch-religiöse Symbolwelten. Diese Texte sind ernst, ein ernstes – geradlinig-unverstellt-gefühlvoll-ehrliches – Schauen … fast naiv erscheinend, wäre da nicht die Tiefe eines gelebten Lebens und des nahenden, schon fühlbaren eigenen Sterbens, das die Texte für mich immer wieder ergreifend und insistierend werden lässt – trotzdem oder gerade weil die überraschende Wendung, die besondere Idee des Textes manchmal ausbleibt oder nur klein ausfällt. Ein Beispiel zur Dokumentation (S. 119):

Stunde um Stunde

Stunde um Stunde
entblättert sich
die Aster der Mohn
Aus dem Kalender
fallen die Tage

Ohne Duft
blühen rote Rosen
in den Vorgärten
der schönen Häuser
verblühen verwelken

Zu schnell flieht
der Sommer
in den Herbst
mit wenig Sonne
und viel Regen

In voller Blüte
hab ich ihn
noch nicht erlebt

Eines noch bevor ich dir, Sigune die Gelegenheit zur Entgegnung / Erwiderung überlassen möchte: Was mich bei der Präsentation des Gedichtbandes irritiert und dann mit einem AHA hat gehen lassen, war, dass mir die Vortragsweise der reihum von verschiedenen Lesern vorgestellten Gedichte (die Autorin selbst las nicht) ganz überwiegend nicht gefallen hat. Erst dein Vorlesen, Sigune, hat mir die Gedichte nahe gehen lassen – weil du, wie mir auffiel, dich wirklich mit Pausen an die Zeilenumbrüche gehalten und die Worte reduziert, ohne Pathos gelesen hast. Da – erst da – begannen für mich die Verse stark zu sein: wenn das eigentlich Erwartbare, dass der Herbst auf den Sommer folgt, dass er weniger Sonne hat und viel mehr Regen, immer von einem Einhalten, einem möglichen Überdenken und Abweichen – einer Hoffnung auf eine andere Aussage und Lösung begleitet wird, die dann eben genau durch das Übliche – die Regel – enttäuscht wird. Oder wenn, ganz im Sinne eines lauten Denkens / Abwägens, plötzlich eine so einfache, so entschiedene Offenbarung kommt, dass sie gerade wegen dieser plötzlichen Direktheit, die ich mir in meinen Texten wahrscheinlich gar nicht trauen, sie mir nicht erlauben würde, überrascht und überzeugt. Auch hierzu noch einmal ein illustrierendes Textbeispiel (S. 78):

Weit entfernt

Weit entfernt von
dieser Welt
zurückgezogen
auch die alten Freunde
aus Alter und
Gebrechlichkeit

Ein Schatten nur
im Weltgeschehen
bin ich im Alter nun

Hände habe ich
und Herz
Mit aller Kraft
sorge ich nun
für meinen Liebsten

Mein Leben gehört ganz ihm

 

Teil 2
Sigune Schnabel

Zunächst unterscheidet uns – wie wir schon festgestellt haben – unsere Herangehensweise an ein solches Projekt. Dich zeichnet vor allem eine wissenschaftliche Perspektive aus; ich gehe vielmehr vom persönlichen Empfinden, vom Lesen als Erlebnis aus. Zwar verfolge ich auch den aktuellen Lyrikdiskurs. Versuche wie beispielsweise die Bewertung von Gedichten auf Grundlage der am häufigsten in der Lyrik vorkommenden Begriffe (siehe hier) wirken dagegen eher befremdlich auf mich. Dennoch möchte ich hier dieses Modell erwähnen, da du – ohne den Text von Clemens Schittko als Ausgangsbasis zu nehmen – eine ähnliche Beobachtung machst. Nimmt man nun das von dir als erstes zitierte Gedicht, findet man sechs der häufigsten Substantive wieder (Tage, Rosen, Häuser, Sonne, Regen, Blüte). Und doch reicht, wie du selbst bereits angemerkt hast, eine solche Betrachtungsweise nicht aus. Im Fall von Karin Flörsheim entstehen eben nicht bloße Behauptungen oder eine träumerische Weltflucht, da die starke Glaubhaftigkeit und die große Lebenserfahrung einen Gegenpol dazu bilden.

Um also auf deine Frage zurückzukommen, ob Worte wie „Frieden“ oder „Frohsinn“ in der heutigen Zeit noch ohne ironische Brechung verwendet werden können: Ich denke, es geht nicht um einzelne Worte, sondern um das, was der Leser – heute, im Kontext des Textes – dabei empfindet. Und ich als Leser empfinde dabei etwas. In meinen Augen lässt sich der Wert eines Textes nicht an seinen Neologismen messen. Viel wichtiger ist es meiner Ansicht nach, wie die Elemente zueinander in Beziehung stehen und welche Assoziationen und Gefühle dabei ausgelöst werden. Auch die außersprachliche Wirklichkeit spielt, wie deine eigene Erfahrung zeigt, eine Rolle. So lässt sich deine Frage nicht pauschal für die gesamte Leserschaft beantworten. Wer das postmoderne Spiel sucht, ist hier falsch; wer aber schlichte Schönheit bevorzugt und im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit Trost sucht, findet in diesen Zeilen gewiss einen persönlichen Gewinn. Ich stoße jedenfalls immer wieder auf Textstellen, deren Bildhaftigkeit mich innehalten lässt:

„Schwarze Tropfen / fallen in meinen / Gedanken-Silberfluss / färben ihn Grau / das Silber läutet nicht“

oder

„Dein Herz regnete / scharlachrote / Tropen in den / Mund des Mohns / auf den Feldern / wächst er für dich“.

Gewiss, es ist eine weibliche Form der Lyrik. Vielleicht empfindest du als Mann ganz anders, wenn du solche Zeilen liest.

Auch mir geht es immer wieder so, dass ich auf Lesungen einen besseren Zugang zu den Texten finde. So wurde mir der Schmerz des Abschieds, der unvermeidlich mit dem Alterungsprozess verbunden ist, in den Bildern und Masken der Autorin überaus deutlich. Eines dieser Bilder ist auf S. 79 zu sehen, doch ohne die Teilnahme an der Lesung hätte ich es vermutlich nicht in seiner ganzen Tiefe begriffen.

Karin Flörsheim.Noch leben sie und schreien, Collage Maske, 2016, 65 x 50 cm

In dieser Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Seins findet oft ein Zweifeln statt („Mein Feuer / […] Wird es weiter brennen / in der Ewigkeit / des Firmaments?“, S. 65), aber auch eine Hinkehrung zum jüdischen Glauben, dem die Funktion des Trostspendens zukommt. Insgesamt spielt die jüdische Tradition eine große Rolle in Karin Flörsheims Lyrik. Das Gedicht auf S. 155 illustriert vielleicht am besten den historischen Kontext, in dem sich die Autorin befindet:

Erinnerung

Am Morgen
am Abend
erinnere ich mich
schwarze Milch
die sie tranken
am Morgen und
am Abend

Mein Herz zieht
Feuer brennt
in meiner Seele
trink ich
rote Milch
am Abend

Bedanke mich
dass mich das
Schicksal verschonte

Der Bezug auf Celans Todesfuge wird hier überdeutlich. Die Milch ist nicht mehr schwarz, sondern rot, und das Gedicht zugleich eine Danksagung an das Überleben.

So haben hier in meinen Augen Substantive wie z. B. „Herz“ eine tiefe Verwurzelung im eigenen Dasein.  

Mir drängte sich beim Lesen noch eine andere Frage auf:  Wie schreibt eine nahezu erblindete Autorin noch Gedichte? Wie findet die Überarbeitung statt? Oder entstehen die Texte sozusagen aus einem spontanen Guss? Für mich als eine Lyrikerin, die viel an Texten feilt und immer wieder auf die letzte geschriebene Fassung zurückgreift, um daraus noch etwas Besseres zu machen, ist eine solche Arbeitsweise mit einer Vorstellung von Mühseligkeit verbunden, aber auch von besonderer Wachheit und Konzentration, denn gewiss müssen viele Schritte bereits im Kopf stattfinden, vielleicht sogar der ganze Entstehungsprozess, der bei mir eine langsame Arbeit auf dem Papier ist. Zumindest ansatzweise gibt das letzte Gedicht des Bandes Antwort auf diese Fragen:

Gedanken

Gedanken gleichen
einem tiefen See
mit Vergangenheit

Worte
sprießen wachsen
wie Seegras
wie Algen
und wollen ans Licht

Meine Gedanken
verankere ich
in Wortketten
lass sie ruhen
lass sie wachsen

Später binde ich sie
fest an das Papier

Karin Flörsheim
Das Lied der Amsel vermisse ich sehr
Geest-Verlag
2017 · 162 Seiten · 12,00 Euro

Fixpoetry 2017
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