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Kritik

Denk ich an Deutschland und die Macht

Karl Heinz Bohrer verknüpft die französische Rezeption der Kriegsniederlage 1870/71 mit deutscher Dekadenz im 21. Jahrhundert
Hamburg

Ein Blick in die Herbstprogramme der Verlage zeigt: Nation und Nationalstaat erleben derzeit eine Renaissance. Allein bei C.H. Beck sind für die zweite Jahreshälfte 2020 fünf Neuerscheinungen angekündigt, deren Autorinnen und Autoren sich aus unterschiedlichen „Sehepunkten“ mit diesen Themen befassen. Die Überschriften reichen von „Deutschland. Globalgeschichte einer Nation“ (Andreas Fahrmeir) über „Demokratie. Eine deutsche Affäre“ (Hedwig Richter) bis hin zu einer Erklärung „Wie wir wurden, was wir sind“ (Heinrich August Winkler).

 Auch anderenorts spiegelt sich der Trend wider. Bei dtv befasst sich Eckard Conze mit der Geschichte des Deutschen Kaiserreichs und dessen Nachwehen. ___STEADY_PAYWALL___Jens Jäger untersucht das „vernetzte Kaiserreich“ als Ausgangspunkt für „Modernisierung und Globalisierung in Deutschland" (Reclam). Und bei Kröner verspricht Dieter Langewiesche unter dem Titel „Vom vielstaatlichen Reich zum föderativen Bundesstaat“ eine „andere deutsche Geschichte“. Die Liste ließe sich fortsetzen.

 Der Umstand, dass sich im kommenden Jahr die Gründung des Deutschen Kaiserreichs zum 150. Mal jährt, hat das Interesse an deutscher Nationalgeschichte sicherlich befördert. Und doch liegt die Vermutung nahe, dass es sich dabei um mehr handeln könnte als lediglich den Versuch der Verlage, aus historischen Jubiläen Kapital zu schlagen. Nach transnationaler und europäischer Geschichte, Globalgeschichte und Empire rückt, so scheint es, die Nation zurück in den Fokus des Interesses.

Karl Heinz Bohrers bei Hanser erschienene Essays passen in dieses Schema. „Kein Wille zur Macht“, das klingt provokant und die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Bohrer befasst sich mit der französischen literarischen Rezeption des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Und flankiert das Ganze mit einer vernichtenden Zustandsbeschreibung deutscher Politik und Befindlichkeit im Hier und Heute – zu verstehen offenbar als eine Art degenerierte Gegenerzählung zum einstiegen Gestaltungsanspruch Bismarck’scher Machtpolitik!   

Die Niederlage 1870/71 hat, so Bohrer, den französischen Blick auf Deutschland grundlegend verändert. Galt Deutschland bis dahin den meisten Franzosen als Land, dessen hervortretendes Merkmal die in der Provinz lebenden Dichter und Denker waren, war es nun mit einem Schlag eine politische und militärische Großmacht; eine im preußischen Geiste geformte Nation. In der Kombination aus intellektueller Substanz und brutaler Machtmaschinerie erblickt der hellsichtige Religionsphilosoph Ernest Renan den gefährlichen Nukleus deutscher Stärke.

Dagegen dominiert bei etlichen von Renans Zeitgenossen der blinde Hass auf Preußen-Deutschland. Für Émile Zola erscheinen die Preußen wie einst die Germanen der Völkerwanderung aus dem Nichts und verwüsten die europäische Kulturlandschaft. Jede zivilisatorische Komponente, die Ländern wie England, Spanien oder Österreich zuerkannt wird, wird den Deutschen abgesprochen. Deutsche Soldaten („La bête humaine“) verweigern aufgrund ihrer Feigheit und Fettleibigkeit nicht nur den ehrenvollen Kampf mit dem Bajonett und töten stattdessen lieber aus der Distanz, sie vergehen sich auch gezielt an der Zivilbevölkerung. Wie hartnäckig sich dieses Narrativ hält, erkennt man daran, dass es von Zola 1892 vorgetragen wurde – gut 20 Jahre nach Kriegsende.  

 In der Wortwahl weniger drastisch, dafür in der Sache umso subtiler manifestiert Guy de Maupassant sein Bild von Preußen-Deutschland. Wobei er dem preußischen Offizier nicht wie Zola pauschal rohe Dummheit attestiert, sondern ihm sogar eine gewisse feminine Attraktivität zugesteht, was freilich seiner Grausamkeit gegen Nicht-Kombattanten keinen Abbruch tut. Was die französische Armee nicht zustande brachte, übernehmen bei Maupassant tapfere Zivilisten wie die Prostituierte „Mademoiselle Fifi“ (1882), die den preußischen Offizier zwecks Verteidigung der nationalen Ehre mit dem Dessertmesser ersticht – woraufhin der Dorfpfarrer eine Woche lang die Kirchenglocken läuten lässt.

 Einen Monat nach der Proklamation des Deutschen Reiches verkündet Gustave Flaubert, dass man ihn fortan nie mehr in Gegenwart eines Deutschen erleben werde. Gleichwohl räumt er ein, dass der Krieg neben der Barbarei der Preußen vor allem die von ihm seit Langem beklagte Oberflächlichkeit der französischen Zivilisation offengelegt habe. Die sukzessive Verdummung der Franzosen lastet Flaubert dem Katholizismus an, der, anders als der Protestantismus, eine moderne Erziehung unmöglich mache; den effizienten preußischen Erziehungsmethoden habe das französische Schul- und Universitätswesen nichts entgegenzusetzen.   

 Der von Bohrer pointiert skizzierte französische literarische Hass-Diskurs nach 1870/71 zeigt somit dreierlei. Erstens, er war kein kurzfristiges Phänomen, sondern zog sich über Jahre und Jahrzehnte hin; seine Auswirkungen reichen bis in die Jahre des Ersten Weltkrieges hinein, wie etwa die Publikationen eines Léon Bloy verdeutlichen. Zweitens, der Hass richtete sich nicht ausschließlich gegen Preußen-Deutschland, sondern auch gegen das empfundene Zivilisationsversagen der eigenen Nation. Drittens, gerade die Kombination aus geistig-intellektueller und politisch-militärischer Stärke Deutschlands wurde als Bedrohung wahrgenommen.

Vom gestalterischen Willen zur Macht, der die deutsche Politik 1870/71 auszeichnete, ist heute nichts mehr übrig. De facto, so Bohrers provokanter Brückenschlag ins 21. Jahrhundert, sei Deutschland heute „weder verteidigungsfähig noch verteidigungsbereit“. Zur „objektiven militärischen Dekadenz“ geselle sich eine vulgäre Form gesellschaftlicher „Dekadenz“, deren auffälligste Merkmale der Kult der medialen Berühmtheit und die Verherrlichung des sozialen Opfers seien. 

 Dass Letzteres kein typisch deutsches Zeitphänomen ist, weiß auch Bohrer, der in London lebt. Seine Beispiele – etwa der Verweis auf die fehlende Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit heutiger Militärs – bezieht er vorwiegend aus einer britischen Diskussion. Verknüpft mit einer politisch über Jahrzehnte gezielt herbeigeführten Schwächung außen- und sicherheitspolitischer Handlungsfähigkeit lässt sich dennoch ein deutsches Spezifikum ableiten – worauf besonders in Frankreich (aber auch anderswo) mit Unmut reagiert wird. Nicht zuletzt, weil man in der neudeutschen Machtverweigerung einen Hemmschuh für das gemeinsame europäische Projekt erkennt, von dessen Gelingen abhängt, ob sich aus Europa heraus überhaupt noch einmal ein wie auch immer gearteter Wille zur Macht entwickeln und auch entfalten lässt.

In anderen Worten: Wurde der deutsche Wille zur Macht 1870/71 in Frankreich gleichermaßen gefürchtet und bewundert, sorgt der heutige von Bohrer als dekadent erachtete deutsche Unwille zur Macht nicht minder für Irritationen.

Karl Heinz Bohrer
Kein Wille zur Macht
Hanser Verlage Edition Akzente
2020 · 176 Seiten · 23,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26461-8

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